Darum blockierten die Schermbecker vor 50 Jahren die Mittelstraße

hzKreativer Protest

Zu einer möglichen Verkehrsberuhigung des Ortskerns startet derzeit wieder eine Diskussion in Schermbeck. Vor 50 Jahren war das schon mal so - bis den Schermbeckern der Kragen platzte.

Schermbeck

, 19.08.2019, 14:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schon seit Ende der 1950er-Jahren hatten die Bürger versucht, den Verkehr von der Mittelstraße zu verdrängen. Doch das war gar nicht so einfach, denn es gab noch keine Umgehungsstraße.

Anregungen zum Bau einer Umgehungsstraße hatte es mehrere gegeben. Die Bundestagsabgeordneten Dr. Konrad Kraske, Dr. Udo Hein und Egon Ramms hatten mehrfach vergeblich versucht, das für Schermbeck zuständige Landesstraßenbauamt in diese Richtung zu bewegen. Der dortige Landesbaudirektor Seeger zeigte den Schermbeckern jedoch stets die kalte Schulter.

LKWs lagen quer

Vor 50 Jahren platzte den Schermbeckern der Kragen. Die B 58 lief damals mitten durch den Ort. Der gesamte Schwerlastverkehr zwängte sich durch die enge Häuserzeile zwischen Schulte-Drevenack und Ludgeruskirche. Wenn die dicken Kieslaster durch die Mittelstraße donnerten, wackelten nicht nur bei Cremerius, Köster und Schulte-Drevenack die Tassen im Schrank. Bei Unfällen war die Straße dicht. Mehr als einmal lag ein LKW quer und versperrte für Stunden die Ortsdurchfahrt.

Was in langen Protestresolutionen immer wieder angekündigt worden war, wurde im August des Jahres 1969 Wirklichkeit. Im Vorfeld der Kommunalwahlen am 9. November 1969 schlossen sich zahlreiche Bürger und Kaufleute zusammen, um gegen die Behördenträgheit zu protestieren.

„Es hat zwei Tote gegeben“

Anfang August 1969 gab es eine Bürgersammlung. Die Lokalpresse zitierte am 15. August folgende Wortbeiträge: „Es hat einmal zwei Tote gegeben, aber auch viele Verkehrsunfälle mit Verletzten.“ „Unsere Frauen und Kinder müssen sich an die Wand quetschen, um von den Lastern nicht erdrückt zu werden.“ „Wir verlangen unser Recht oder die Suspendierung des Baudirektors.“

Die Versammlung verfasste eine Resolution. Der Landesbaudirektor Seeger wurde gebeten, in einer Bürgerversammlung in Schermbeck zu sprechen und Fragen zu beantworten. Ein Bürgerausschuss wurde gebildet, „um nach Kleve zu fahren und ihm die in massiver Form vorgetragenen Beschwerden“ mitzuteilen.

Am 23. August 1969 fand in der Gaststätte Köllmann eine Diskussion mit dem Bundestagsabgeordneten Dr. Kraske statt. Handzettel wurden verteilt mit der Aufschrift „Ob Kraske, Ramms oder Hein, der Seeger hält sie alle klein.“ Dr. Kraske erkläre sich bereit, dem Vorstand schriftlich zu geben, „im Verkehrsministerium wiedergutzumachen, was im Vorfeld verbummelt wurde.“

Bummelstreik

Eine Antwort warteten die wütenden Bürger erst gar nicht ab. Nach dem Vorbild der bei Post und Luftfahrtgesellschaften erfolgreich praktizierten Bummelstreiks legten Schermbecker Geschäftsleute den Verkehr mehr als einmal lahm.

Stundenlang luden sie Waren ein und aus. Erstaunlich viele Fahrzeuge blieben mit einem „Defekt“ auf der Mittelstraße stehen und mussten von Hand weitergeschoben werden. Rasenmäher und Handwagen wurden über die Straße geschoben.

Kilometerlange Schlangen

Mit dem fließenden Verkehr war es vorbei. Kilometerlange Schlangen bildeten sich. Fahrzeuge standen mehrfach bis Bricht und bis nach Rüste.

Obwohl vor 50 Jahren die heiße Phase des Kampfes um eine Umgehungsstraße begann, sollten noch weitere sieben Jahre vergehen, bis der Durchgangsverkehr südlich des Ortes eine neue Spur gefunden hatte. Am 23. September 1976 wurde die Umgehungsstraße für den Verkehr freigegeben.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt