Ein neuer Plan für Mittelstraße und „Nebenkriegsschauplätze“

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„In Schermbeck gibt es drei Probleme“, sagt Rolf Junker: „Die Mittelstraße, die Mittelstraße und die Mittelstraße.“ Lösungen sollen nun erarbeitet werden, auch für „Nebenkriegsschauplätze“.

Schermbeck

, 12.06.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zur Wichtigkeit der Mittelstraße für Schermbeck bringt der Dortmunder Stadtplaner vom Büro „Junker + Kruse“ einen medizinischen Vergleich: „Die Mittelstraße ist die Schlagader. Da ist aber schon ein bisschen Kalk dran.“ Bei seiner ersten Begehung der Straße („Das ist kurz vor Slalom“) habe er gedacht: „Wo bist du denn hier gelandet?“ Beim Erkunden der Umgebung sei ihm aber klar geworden: „Die Mittelstraße fällt dermaßen ab im Vergleich zu den Wohn- und Lebensverhältnissen hier.“

Ein Bild aus dem Jahr 1993 von der Mittelstraße. Schon damals wurde die Verkehrssituation bemängelt - die CDU hatte eine Schließung für den Autoverkehr vorgeschlagen. Eine Ersatzstraße entlang des oberen und mittleren Mühlenteiches, wie sie die CDU vorgeschlagen hatte, wurde allerdings von der Bürgerinitiative „Keine Straße entlang dem Mühlenteich“ und vielen Bürgern abgelehnt. Bei der nächsten Kommunalwahl gab es für die CDU die Quittung. Die CDU-Ratsfrau Odilia Grewing verlor ihr Ratsmandat am

Ein Bild aus dem Jahr 1993 von der Mittelstraße. Schon damals wurde die Verkehrssituation bemängelt. © Helmut Scheffler (Archiv)

Die Kritik ist nicht neu. Versuche, Verkehr und Handel auf der Straße besser in Einklang zu bringen, gab es in den letzten Jahrzehnten reichlich. Per Bürgerentscheid stoppten die Schermbecker 2006 ein Einbahnstraßen-Konzept, das von einer großen Ratsmehrheit getragen wurde. „Dass die Politik sich zu sicher war, war der Fehler“, sagt Junker.

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Ein größtmöglicher Konsens zwischen Bürgern und Politik mit dem Titel „Städtebauliches Rahmenplan“ soll nun erarbeitet werden. „Wir sagen keinem, wir stellen das Optimum her. Das wird es nicht geben“, schränkt Junker ein. „Auf 10 Metern Straßenbreite kriege ich ein friedliches Miteinander nicht hin.“ Und man könne ja nicht eine Gebäudezeile niederreißen. Etwas Hoffnung hat Junker, dass eine Verkehrswende die Situation entspannen könnte.

Dem „ersten öffentlichen Aufschlag“, wie Bürgermeister Mike Rexforth am Mittwoch die Information der Medien, der Werbegemeinschaft, des Marketingvereins „Wir sind Schermbeck“ und der Ratsmitglieder nannte, soll eine einjährige Arbeitsphase folgen, an deren Ende die „Leitlinie für die Stadtentwicklung der nächsten zehn Jahre“ feststehen soll.

Flickenteppich akzeptieren

Die Sanierung der Mittelstraße werde nicht so lange dauern, kündigt Rexforth an - allerdings gebe es trotz maroder Kanäle und Wasserleitungen keinen zusätzlichen Zeitdruck: Das Wasserwerk habe signalisiert, dass die Sanierung „im Gleichschritt“ mit der Gemeinde erfolge - nach Rohrbrüchen müsse die Gemeinde allerdings einen „Flickenteppich“ akzeptieren.

Junker verspricht eine umfangreiche Beteiligung der Bürger, Politik, Eigentümer, Händler, Institutionen, Vereine und Anwohner. Ein solches Rahmenkonzept sei Bedingung für Fördermittel von Bund und Land. Es bestehe die Chance auf eine 70-prozentige Förderung. „Das ist super, weil man dann ganz andere Sachen angehen kann.“ Andreas Mayer und Larissa Walter werden mit Junker das Projektteam in Schermbeck bilden.

Die Verkehrsplanung wird das Düsseldorfer Büro Runge IVP, vertreten durch Hans-Rainer Runge und Katrin Müller, übernehmen. Eine gründliche Verkehrs- und Parkraumuntersuchung ist geplant. Die Lupe will man beispielsweise auf die Kreuzung der Erler Straße und der Mittelstraße oder auch auf den Bereich Bachstraße/Mühlenbach richten.

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„Nebenkriegsschauplätze“

Die landschaftsplanerische Kompetenz soll das Bochumer Unternehmen wbp Landschaftsarchitekten, vertreten durch Luisa Walterbusch, mitbringen. Dieses plante etwa den Kirchplatz in Borken. Neben der Mittelstraße soll die Situation an den Mühlenteichen, der Freifläche zwischen Rathaus und Grundschule und im Südosten im Wallbereich beleuchtet werden. Thorsten Buchholz von „Wir sind Schermbeck“ sieht die Priorität allerdings voll auf der Mittelstraße, alles andere seien „Nebenkriegsschauplätze“.

Bestandsanalyse, Zielformulierung und Planentwicklung sind die nächsten Schritte, die Bürger und Politik mitgehen sollen. Zu den ersten, auf die die Planer noch vor den Sommerferien zugehen wollen, gehören die Schulen. Eine Einbindung des Projekts in den Schulunterricht der Gesamtschule könnte sich Mayer vorstellen. „Vielleicht im Leistungskurs Erdkunde?“ Auch Projekttage oder -wochen seien möglich. Auch die Grundschule wolle man mit ins Boot nehmen - „nicht nur die Generation Silber“, die ansonsten vor allem mit Beteiligungsformaten erreicht werde, so Mayer schmunzelnd.

Andere Beteiligung in Corona-Zeiten

Wegen Corona müsse man zunächst auf andere Beteiligungsformen setzen als große Versammlungen, sagt Mayer, der hofft, dass man vielleicht in einigen Monaten auch solche Veranstaltungen durchführen kann. So lange müsse man Teilnehmerzahlen begrenzen. Im Caritas-Gebäude an der Weseler Straße plant Mayer „Marktstände“ zu einzelnen Themen, an denen Besucher auf Karten Anregungen hinterlassen können.

Der Fokus soll aber auf den Online-Medien liegen. Über das „INKA“-System sollen Karten zu bestimmten Themen aufrufbar sein. Dort könnten Nutzer dann Fragen stellen, Kommentare abgeben und es sei sogar ein Dialog zwischen Nutzern möglich, so Mayer. Daneben werde es aber auch auch Postkarten, Handzettel und Flyer geben. Der Startschuss für die Öffentlichkeitsbeteiligung werde nach den Ferien, im August oder September, erfolgen, so Mayer.

Wie soll das alles bezahlt werden? Rund 20 Millionen Euro Gesamtkosten, davon 170.000 Euro Planungskosten, schätzt Junker. So viel, wie beim Ratsbürgerentscheid zum Bildungszentrum zur Debatte stehen. „Man kann nicht alles wollen“, sagt dazu Bürgermeister Mike Rexforth, der das vom Rat beschlossene Modell einer Teilnutzung vorhandener Gebäude favorisiert.

Von den 20 Millionen Euro für die Umsetzung des Rahmenplans müssten die Schermbecker noch 6 Millionen aus eigener Tasche zahlen. Die Zinsen seien derzeit niedrig, so Rexforth, und der Zeitraum 10 Jahre: „Das wird uns nicht umhauen.“

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