Geburtstagsgrüße des Bruders kommen erst 76 Jahre später an

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Glückwünsche seines Bruders hat Günter Schult-Schürmann kurz vor seinem 90. Geburtstag gefunden. Die hatte der Bruder vor 76 Jahren verfasst - kurz vor seinem Tod durch einen Kopfschuss.

Schermbeck

, 22.04.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Endlich komme ich doch mal dazu, meinem lieben Bruder zu schreiben, denn der hat doch am Montag seinen Geburtstag. Ich gratuliere Dir recht herzlich zu Deinem Geburtstag und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute und recht viel Erfolg“, schrieb Heinrich („Heiner“) Ludwig seinem Bruder zum Geburtstag.

Solche Briefe sind eigentlich nicht ungewöhnlich. Sie lassen erst aufhorchen, wenn man erfährt, dass der Gahlener Günter Schult Schürmann den Brief seines Bruders Heiner erst 76 Jahre nach der Niederschrift im Jahre 1944 lesen konnte.

Beim Aufräumen eines Abstellraumes auf dem Stallboden fand Günter Schult-Schürmann am 21. Februar 2020, wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag, in einem Sekretär den Brief des Bruders, der am 1. März 1944 durch einen Kopfschuss tödlich getroffen wurde.

Todesnachricht am Tag der Konfirmation

Wann genau der Brief 1944 in Gahlen eintraf, lässt sich nicht mehr feststellen, aber es wird wohl nach dem 12. März 1944 gewesen sein. Das war der Tag, an dem Günter Schult-Schürmann in der Gahlener Dorfkirche konfirmiert wurde. Am selben Tag erfuhr die Familie durch Heiner Schult-Schürmanns Kriegskameraden Notteboom, dass der Gahlener im Alter von 18 Jahren im Kriegsdienst gestorben war.

Im Alter von fast 19 Jahren starb der Gahlener Heinrich („Heiner“) Ludwig Schult-Schürmann am 1. März 1944 als Soldat an der finnisch-russischen Grenze.

Im Alter von fast 19 Jahren starb der Gahlener Heinrich („Heiner“) Ludwig Schult-Schürmann am 1. März 1944 als Soldat an der finnisch-russischen Grenze. © Helmut Scheffler (Repro)

Vom Kriegsdienst in den letzten Wochen vor dem Tod des Bruders erfuhr Günter Schult-Schürmann erst beim Lesen des Briefes. Anhand von Erzählungen der Eltern und aus dem Wehrpass kannte er wohl die Stationen der militärischen Ausbildung des Bruders. Diese begann nach dem Besuch der Gahlener Volksschule und Berufsschule, nach einer halbjährigen Teilnahme am Arbeitsdienst in Kalkum bei Düsseldorf und nach einer Musterung am 10. August 1942 durch das Wehrbereichskommando Wesel, als er am 28. Juni 1943 im Alter von 18 Jahren Soldat der Stammkompanie GEB 193 in Detmold wurde. Am 15. September 1943 trat er die Reise nach Dänemark an und Norwegen an, wo er im 12. Grenadier-Regiments 355 ausgebildet wurde.

Am 20. Februar 1944 wurde die gesamte Division an die finnisch-russische Grenze verlegt, wo sie unter anderem bei einem Brückenkopf an der Narva eingesetzt wurde. Was Heiner Schulte zwischen dem 20. und dem 26. Februar, dem Tag der Niederschrift seiner Gratulation an den Bruder, erlebte, hat Günter Schult-Schürmann erst jetzt durch den aufgefundenen Brief des Bruders erfahren.

„Unser Granatwerfer hat geschossen, was aus dem Rohr raus ging“

Dort heißt es: „Ihr werdet doch wohl gehört haben, daß in den letzten Tagen im Nordabschnitt allerhand los war. Ich kann Euch nicht schildern, wie es zugegangen ist. Ich möchte nicht, mein lieber Bruder, daß Du das erleben würdest, was ich in den vergangenen 8 Tagen erlebt habe. Der Russe kam ganz gewaltig angestürmt. Wir haben ihn jetzt zum Stehen gebracht. 6 Divisionen sind von ihm eingeschlossen. Nun haben wir doch etwas mehr Ruhe. Unser Granatwerfer hat geschossen, was aus dem Rohr raus ging. (240 Schuß in 30 Min.). Da könnt Ihr Euch vorstellen, wie wir geschwitzt haben. Heute habe ich mich mal nach 5 Wochen im dunklen Bunker ganz gewaschen und saubere Wäsche angezogen.“

Und weitere Details schilderte der Bruder: „Wir sind sonst ganz gut versorgt. Dicke Winterbekleidung. Da es gar nicht so kalt mehr ist, wird es uns hierin schon bald zu warm. Die Verpflegung ist auch gut. Am Tag 60 g Butter, 7 Zigaretten und alle 10 Tage 250 g Schokolade. Lieber Bruder, zu Deinem Geburtstag sollst Du noch eine Tafel haben. Wenn ich mal mehr Zeit habe, schicke ich mal ein Päckchen. Sonst wüsste ich nicht, was ich Dir geben sollte, höchstens ein Päckchen mit Läusen, die wir hier schon als Bundesgenossen haben.“

Tod des Bruders traf die Familie sehr

Der Tod Heiner Schult-Schürmanns hat dessen Familie sehr getroffen. Aber auch in der Heimat Gahlen ging der Zweite Weltkrieg nicht spurlos an der Familie vorbei. Vater Heinrich nahm am Volkssturm teil und wurde in der Tongrube von Nelskamp ausgebildet. Hinter der Scheune im Gahlener Bruch war Anfang 1943 eine Sprengbombe eingeschlagen. Etwa 100 Meter hinter der Scheune besaß die Familie einen Betonbunker.

„Wenn Fliegeralarm war, gingen wird immer dort hin“, erinnert Günter Schult-Schürmann an viele Aufenthalte mit seinem Vater, der Mutter und der Schwester Luise in diesem Bunker. Da in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe in Gahlen zunahmen und auch die Flakstellung bei Brömmel in Besten häufig als Ziel angeflogen wurde, wuchs entsprechend auch die Zahl der Aufenthalte im Bunker.

Brand- und Phosphorbomben

Am 1. Mai 1943 warfen amerikanische Bombengeschwader besonders viele Bomben ab. „Vier Gehöfte wurden am selben Tag durch Brand- und Phosphorbomben beschädigt“, erinnert sich Günter Schult-Schürmann an diesen Tag, an dem durch den beherzten Einsatz der Nachbarn ein Teil des elterlichen Wohngebäudes gerettet werden konnte.

Günter Schult-Schürman kann sich noch gut an den Frontübergang in der Osterzeit des Jahres 1945 erinnern. Bis zuletzt hatten deutsche Soldaten auf ihrem Rückzug zwei Panzer vor dem Bunker der Familie Schult-Schürmann stehen. Kaum waren die Deutschen fort, da kamen in drei Wellen Amerikaner, Kanadier und Polen von Gartrop aus über den Meesenmühlenweg nach Gahlen. „Wir saßen im Bunker und unser Haus wurde von den Soldaten in Beschlag genommen“, erinnert sich Günter Schult-Schürmann an den Frontübergang. Die Familie war froh, dass die Soldaten ein paar Tage später weiter zogen in Richtung Dorsten.

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