Schuldnerberaterin erklärt ihre Arbeit: „Viele schämen sich sehr“

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Wenn Menschen überschuldet sind, versucht Karin Rösel ihnen zu helfen. Die Schuldnerberaterin erklärt im Interview, wie sie arbeitet und was sie in Gesprächen mit Betroffenen erlebt.

Schermbeck

, 08.11.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Knapp sieben Millionen Menschen in Deutschland sind überschuldet. Das Diakonische Werk der Kirchenkreise Wesel und Dinslaken bietet in Schermbeck eine offene Sprechzeit an, in der Karin Rösel (59) mit Menschen in finanziellen Krisensituationen spricht.

Wie sind Sie zur Schuldner- und Insolvenzberatung gekommen?

Wie die Jungfrau zum Kind – das heißt ohne Absicht. Nach meinem Studium der Sozialarbeit, ein paar Monaten Berufstätigkeit beim Diakonischen Werk Dinslaken und einer fünfjährigen Familienzeit traf ich zufällig beim Einkaufen den damaligen Geschäftsführer des Diakonischen Werks Dinslaken. (Anmerkung der Redaktion: In der Schuldner- und Insolvenzberatung kooperieren die beiden Diakonischen Werke Wesel und Dinslaken). Er fragte mich, ob ich nicht Lust habe, mich auf eine zusätzlich eingerichtete Stelle als Schuldnerberaterin zu bewerben. Das habe ich getan und ich wurde eingestellt.

Welche Aufgaben übernimmt die Schuldnerberatung?

Die Schuldnerberatung hilft Menschen, die überschuldet oder von Überschuldung bedroht sind. Die Mitarbeitenden der Schuldnerberatungsstellen unterstützen dabei, die Schulden zu tilgen oder zu reduzieren und die Existenz zu sichern. Darüber hinaus beraten sie, wie die sozialen und psychischen Folgen der finanziellen Krise bewältigt werden können.

Was kostet die Beratung und wer erfährt von der Beratung?

Das Beratungsangebot ist für die Ratsuchenden kostenlos. Auch wenn wir Schriftverkehr mit Gläubigern oder sonstigen Institutionen führen. Wir als Berater und Beraterinnen unterliegen der absoluten Schweigepflicht. Wenn wir im Namen der Ratsuchenden tätig werden, so weisen wir darauf hin, dass wir bestimmte Daten preisgeben müssen und lassen uns für bestimmte Vorgehensweisen immer per Vollmacht dazu legitimieren.

Wer kann Sie aufsuchen?

Wir richten uns mit unserem Hilfsangebot an alle Privatpersonen, die finanzielle Probleme haben. Nationalität oder Religionszugehörigkeit spielen zwar im Beratungsprozess eine Rolle, da wir auch versuchen, kulturelle oder religiöse Aspekte in der Beratung zu beachten. Aber wir haben einen freien Zugang zur Beratung ohne Einschränkung. Gewerbetreibende und sonstige Selbstständige können leider nur sehr eingeschränkt beraten werden, da wir bei aller vorhandenen Kompetenz viele der sehr speziellen Fragen tatsächlich nicht beantworten können.

Wie sieht ein typisches Erstgespräch mit einem Ratsuchenden aus?

Manche Menschen holen sehr weit aus, um ihre Situation zu schildern, andere sind sehr knapp und legen einfach nur unbezahlte Rechnungen vor. Viele schämen sich sehr und dann muss erst einmal eine vertrauensvolle Beziehung geschaffen werden, in der sich die Menschen sicher fühlen und sich öffnen können. Manchmal stehen die Schulden im Vordergrund, aber in vielen Fällen auch die Begleitumstände. Bei einigen Menschen, die gut sortierte Unterlagen vorlegen können und sich über den weiteren Weg schon sehr im Klaren sind, können wir bereits im Erstgespräch die Problemlösung angehen.

Wie kann man aus der Schuldenfalle gelangen?

Wenn die Verschuldungssituation geklärt ist, besprechen wir mit den Ratsuchenden die verschiedenen Möglichkeiten entweder zur Regulierung durch Ratenzahlung oder sogenannte Vergleichszahlungen. Das bedeutet, dass die Gläubiger gebeten werden, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten. Wenn diese Lösungswege nicht infrage kommen, wird auch immer das sogenannte Verbraucher-Insolvenzverfahren thematisiert. Insgesamt können wir in den allermeisten Fällen mit unseren Klienten zusammen einen guten Weg erarbeiten. Dass die Ratsuchenden diesen Weg auch gehen können, ist eine sehr wichtige Richtlinie für unsere Tätigkeit.

Wie funktioniert das Verbraucher-Insolvenzverfahren?

Wenn ein außergerichtlicher Einigungsversuch scheitert, besteht die Möglichkeit, beim zuständigen Gericht einen Antrag auf Eröffnung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens zu stellen. Das Gericht bestimmt dann einen Insolvenzverwalter, der alles Weitere übernimmt. Über einen Zeitraum von zukünftig voraussichtlich drei Jahren werden die pfändbaren Teile des Einkommens abgeführt, vorhandenes Vermögen wird so weit wie möglich verwertet. Die Schuldner haben eine Mitwirkungs- und Auskunftspflicht gegenüber dem Insolvenzverwalter und dem Gericht. Wenn sie sich an alle Regeln halten, erhalten sie nach drei Jahren die Restschuldbefreiung. Weitere Einzelheiten machen an dieser Stelle wenig Sinn. Das wird in den Beratungsgesprächen erörtert.

Wie können Ratsuchende Sie erreichen?

Erreichbar bin ich telefonisch unter 0281/156-253 (Mittwoch bis Freitag) oder per E-Mail unter karin.roesel@diakonie-wesel.de. Meine Sprechstunde findet an jedem ersten Mittwoch im Monat vormittags im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Schermbeck, Kempkesstege 2, statt. Zurzeit müssen zwingend Termine vereinbart werden. In dringenden Fällen können auch Termine in Wesel beim Diakonischen Werk im Lutherhaus, Korbmacherstraße 12-14, 46483 Wesel, vereinbart werden.

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