Timo Gätzschmann: „Junge Familien finden keine bezahlbare Wohnung“

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Katastrophen-Tourismus am Gahlener „Ölberg“, eine Elite-Uni und ein Haus mit 1000 Wohnungen fordert „Die Partei“. Bürgermeisterkandidat Timo Gätzschmann erklärt im Interview, was er vorhat.

Schermbeck

, 25.08.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Timo Gätzschmann (31) ist studierter Wirtschaftsjurist und bei einem IT-Dienstleister beschäftigt, der auf Steuerberater spezialisiert ist.

Herr Gätzschmann, „Die Partei“ wird oft als Satire-Partei bezeichnet. Warum sollte man Sie als Bürgermeister-Kandidaten ernst nehmen?

Satire ist nur das Transportmittel, eine überspitzte Art und Weise, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Es bringt die Leute zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken - deswegen gehören Satire und Politik für mich zusammen. Manchmal sind reale Dinge so absurd, dass sie schon fast wieder Satire sein könnten.

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Drei Fragen an Timo Gätzschmann

Sie und zwei weitere Partei-Mitglieder haben sich für ein neues Bildungszentrum stark gemacht - fast 75 Prozent waren beim Ratsbürgerentscheid dagegen. Wie wollen Sie Schermbecker überzeugen, dass Sie mit ihrem Steuergeld verantwortungsbewusst umgehen können?

Geld für Bildung ausgeben zu wollen, ist kein Indikator dafür, dass man bereit ist, für alles unendlich viel Geld auszugeben und kein Limit zu kennen. Was viele beim Bürgerbegehren nicht gemerkt haben, ist, dass für mehr Geld auch mehr Leistung entstanden wäre. Ziel war, die Bürger überhaupt mit ins Boot zu holen. 25 Prozent waren immerhin ja auch dafür und fanden, dass es gerechtfertigt ist, dafür so viel Geld auszugeben. Bildung ist das letzte, wofür man wenig Geld ausgeben sollte.

Was wäre beim Thema Grundschule jetzt für Sie ein realistischer Plan?

Nicht den Rotstift anzusetzen und viele Sachen weiter rauszustreichen, um das so günstig wie möglich zu machen. Sondern sich für den Bau einer Turnhalle zu entscheiden, um die Kinder nicht größtenteils zur Schienebergstege laufen lassen zu müssen.

Laut Wahlprogramm wollen Sie Konzepte für die Mittelstraße entwickeln. Was würden Sie persönlich vorschlagen?

Zwei Stücke der Mittelstraße für den Durchgangsverkehr zu sperren. Konkret zwischen Pieper und Volksbank, und Pizzeria Pronto und Schermbecker Mitte. Das macht den Durchfahrt-Verkehr komplett unattraktiv, hindert aber niemanden, Parkplätze anzufahren oder Anwohner aus der Mittelstraße rauszukommen. Wenn der Bus dann umgeleitet wird, sollte er eine Wendemöglichkeit bei Ford Böwing bekommen, sodass der SB 18 auch am Marienheim oder an der Schetterstraße halten kann, wo eine Menge Menschen wohnen, die keine Anbindung an den ÖPNV nach Dorsten haben.

Sie fordern ein neues Einzelhandelskonzept. Wie würden Sie dem Einzelhandel helfen?

Wir haben das Problem, dass Geschäfte von Berufstätigen nicht genutzt werden können. Ich muss morgens um 9 Uhr auf der Arbeit sein, komme um 18 Uhr zurück - Thema erledigt. Ich kann in Schermbeck nicht einkaufen gehen, selbst wenn ich wollte. Die hier Arbeitenden könnten das vielleicht in der Mittagspause - da sind die Geschäfte geschlossen. Das Angebot orientiert sich nur an Eltern und Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen. Man könnte doch einen großen Online-Shop machen mit einer Pick-Up-Station - ich als arbeitender Mensch könnte nach Feierabend die Sachen abholen. „Schermbeck Deals“ ist nur ein großer Prospekt - man muss mit einem Klick kaufen können.

„Schermbeck Deals" ist für Timo Gätzschmann nur ein „großer Prospekt". Ihm schwebt ein echter Online-Shop für die Händler in Schermbeck vor, der auch von Berufstätigen genutzt werden kann.

„Schermbeck Deals" ist für Timo Gätzschmann nur ein „großer Prospekt". Ihm schwebt ein echter Online-Shop für die Händler in Schermbeck vor, der auch von Berufstätigen genutzt werden kann. © Berthold Fehmer (Screenshot)

Bezahlbaren Wohnraum fordern auch andere. Sie schlagen im Wahlprogramm ein Terrassenhaus mit 1000 Wohnungen vor, 100 mehr als das Burj Khalifa. Wo soll das gebaut werden?

Das ist natürlich überspitzt. Im Internet wird derzeit keine Wohnung angeboten. Es gibt faktisch keinen Wohnungsmarkt. Wir müssen dafür sorgen, dass der Wohnungsmarkt nicht so knapp ist, dass jede Wohnung unter der Hand weg geht. Mehr Angebot bedeutet automatisch nicht mehr die Möglichkeit, bei jedem neuen Mieter die Miete ordentlich anzuziehen. Es muss etwas mehr Angebot als Nachfrage da sein. Eine junge Familie findet in Schermbeck keine bezahlbare Wohnung. Menschen, die hier wohnen und Kinder kriegen wollen, ziehen größtenteils weg. Das geht meinem kompletten Freundeskreis so. Da sind mindestens 15, die gerne zurück kommen würden, aber hier nichts finden.

Wenn es um die Digitalisierung von Verwaltung und Schulen geht - was würden Sie als Bürgermeister machen?

Corona hat gezeigt, wie sehr man in den letzten Jahren gepennt hat. Man bräuchte ein Konzept, wie Lehrer aus der Schule heraus Kinder zu Hause unterrichten können. In der Verwaltung würde ich ein digitales Bürgerbüro einführen, wo die Leute ihre Personalausweise verlängern oder sich ummelden können. Dinge, für die ich mir heute Urlaub nehmen muss, damit ich ins Rathaus gehen kann.

Mit welcher ernst gemeinten Forderung unterscheidet sich „Die Partei“ am deutlichsten von den Mitbewerbern?

Natürlich überschneidet man sich in allen Punkten mit anderen Parteien. Alleinstellungsmerkmal von uns ist, dass wir das Ganze aus Überzeugung machen. Uns zusammengefunden haben, weil wir was ändern wollen. Und weil wir nicht bekannt sind aus der Politik, nicht das Ganze seit Jahrzehnten machen, alle aus der freien Wirtschaft kommen oder Bereichen, wo die Uhren ein bisschen anders ticken. Unsere Herangehensweise unterscheidet uns von den anderen.

Letzte Frage: Wo hört für Sie der Spaß auf?

Was kein Mensch braucht, ist Gewalt. Bei Extremismus. Bei privaten Drohungen. Am Ende ist Demokratie, dass man sich eine Menge gefallen lassen muss. Politiker sind in unserer Gesellschaft fast die gehasstesten Personen überhaupt. Mir ist wichtig, die krasse Spaltung der Gesellschaft aufzuhalten, zumindest im kleinen Rahmen, wo wir das können. Der Respekt voreinander darf nicht verloren gehen.

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