Wie ein Unfall an dieser Stelle eine Privatfehde auslöste

hzGerichtsurteil

Mit einem riskanten Überholmanöver soll ein Autofahrer einen Unfall mit einem Lkw verursacht haben. Es sei ganz anders gewesen, so der Fahrer. Der Richter sprach von einer „Privatfehde“.

Schermbeck

, 17.12.2019, 20:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist der 24. November 2018. Am frühen Morgen fährt ein 43-jähriger Schermbecker im Firmenwagen auf der Maassenstraße Richtung Gahlen und hält an der Baustellenampel vor der Kanalbrücke hinter einem Lkw. Wegen der Baustelle ist der Verkehr auf der Brücke einspurig geregelt. Hinter der Brücke gibt der Fahrer Gas, überholt in einer unübersichtlichen Links- und dann Rechtskurve den Lkw. Doch er schafft es vor der Verkehrsinsel der Kreuzung 150 Meter weiter nicht rechtzeitig auf die rechte Fahrspur. Bei der Kollision werden der Lkw und der Pkw beschädigt.

So lautete die Version des Lkw-Fahrers. Und die der Anklage, in der die Staatsanwältin am Montag in der Verhandlung am Amtsgericht Wesel dem 43-Jährigen einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr vorwarf. „Aus grob eigensüchtigen Gründen.“ Der Schermbecker habe sich als „ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen“ erwiesen.

Vom Lkw bedrängt

So sei das alles aber nicht passiert, entgegnete der Angeklagte. Er habe den Lkw schon viel früher überholt. Als er an der Ampel warten musste, sei der Lkw-Fahrer „mit Lichthupe und Hupe auf mein Fahrzeug aufgefahren.“ Als die Ampel auf Grün schaltete, sei er über die Brücke gefahren und habe sich danach in der Mitte der beiden Spuren befunden, als sich der Lkw von hinten auf seine rechte Seite gesetzt habe und bis zum Ende der Baustelle dort geblieben sei.

„Ich hatte keinen Platz, um auf die rechte Spur zu kommen“, so der Autofahrer. Er sei vom Lkw-Fahrer so aggressiv bedrängt worden - dieser habe das Touchieren bewusst provoziert. Beide blieben unverletzt, riefen die Polizei und erzählten ihre unterschiedliche Version der Geschichte. „Ich bin verwundert, dass ich hier als Angeklagter und nicht als Zeuge geladen bin“, so der Autofahrer.

Verhandlung vor drei Monaten

Auch, weil er und der Lkw-Fahrer sich vor drei Monaten am selben Gericht schon einmal begegnet waren. Da ging es um einen Vorfall vom 11. Dezember 2018. Die selben Beteiligten, die selbe Straße, fast gleiche Uhrzeit (6.20 Uhr). Der Lkw-Fahrer hatte behauptet, der Autofahrer hätte ihn an diesem Tag geschnitten. „Damals ist den Aussagen des Unfallgegners kein Glauben geschenkt worden“, so der Angeklagte über die erste Verhandlung.

Dass es unter diesen Umständen überhaupt zu einer zweiten Verhandlung gekommen war, kommentierte der Verteidiger so: „Da geht es immerhin um Entziehung der Fahrerlaubnis. Das finde ich schon krass. Das ist ein Hammer.“

Anzeige wegen Falschaussage

Der Lkw-Fahrer (31) aus Marl, der mittlerweile eine Anzeige wegen Falschaussage erhalten hat, blieb bei seiner Zeugenaussage bei seiner Version. Der Autofahrer sei auch anderen seiner Arbeitskollegen aufgefallen, sagte er. Einmal sei er als Beifahrer dabei gewesen.

Ein 56-jähriger Lkw-Fahrer aus Reken bestätigte, dass er zur Tatzeit des Unfalls einige Fahrzeuge hinter den Unfallbeteiligten gewesen sei - gesehen habe er allerdings nicht, wie der Unfall passierte. Zwei Tage später habe ihn der Angeklagte aber auf der Maassenstraße „wie ein Weltmeister“ überholt, sodass er sich genötigt sah, das Kennzeichen aufzuschreiben.

Freispruch gefordert

Die Staatsanwältin sah sich angesichts dieser Beweislage nicht in der Lage, den Nachweis für eine Straßenverkehrsgefährdung zu führen. Sie forderte einen Freispruch. Der Verteidiger schloss sich dem an.

„Was wir hier gelernt haben, ist, dass es eine Privatfehde zwischen dem Lkw-Fahrer und Ihnen gab“, sagte der Richter bei seinem Urteilsspruch. „Was hier letztendlich genau passiert ist, wissen wir nicht.“ Er sprach den Angeklagten frei. Die Zeugen, so der Richter, „waren sehr unglaubwürdig, weil sie erhebliche Belastungstendenzen hatten“.

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