Wolfsgebiet Schermbeck: Riesenaufwand für Schutz von Schafen

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17 Heidschnucken hat Schäfer Christoph Dorr. Was für ein Riesenaufwand es ist, diese vor Wölfen zu schützen, zeigte er nun Mitgliedern des BUND und der Grünen - und übte Kritik.

Schermbeck

, 25.07.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die 17 Heidschnucken des Schermbecker Ehepaares Christoph und Margret Dorr brauchen sich auf den beiden Wiesen im Naturschutzgebiet Lichtenhagen nicht mehr vor den Wölfen zu fürchten. Seitdem am 1. Oktober 2018 das erste Wolfsgebiet NRWs in Schermbeck ausgewiesen wurde, ist der Lebensraum dieser 17 Schafe durch umfangreiche Maßnahmen zu einem ziemlich sicheren Fleckchen Erde am Tüschenbachweg zwischen Westricher Straße und dem Lichtenhagen geworden.

Das gab es nicht zum Nulltarif

Das alles gab es nicht zum Nulltarif. Wie viel Mehraufwand in Form von Arbeitszeit und Geld investiert werden musste, um die Schafe vor den Wölfen zu schützen, erfuhren am Donnerstag Mitglieder der BUND-Kreisgruppe Wesel, die von den Hobby-Schafzüchtern Christoph und Margret Dorr zu einer Besichtigung eingeladen worden waren. Zur Besichtigung kam auch die Dinslakenerin Petra Schmidt-Niersmann, Landratskandidatin von Bündnis 90/Die Grünen.

Bereits auf dem Weg vom Parkplatz zu den mehrere hundert Meter entfernten Schafweiden stimmte Christoph Dorr die Besucher auf die Zielsetzung seiner Führung ein. Ein Aufsatz über den Schermbecker Wolf, den das BUND-Mitglied Angelika Eckel veröffentlichte, erschien Christoph Dorr als ein Beitrag, „der nicht durch die Brille der Schafhalter gesehen wurde“. Als Mitglied des BUND bot er deshalb an, die Arbeit von Hobby-Schafhaltern vorzustellen.

Mehr als 100 Pfähle mussten gesetzt werden

Als das Ehepaar Dorr die erste von zwei Wiesen im Lichtenhagen im Jahre 2016 anpachtete, gab es das Wolfsgebiet Schermbeck noch nicht. Erst in den vergangenen 18 Monaten kamen umfangreiche Schutzmaßnahmen auf sie zu. Mehr als 100 Pfähle mussten als Halterung für den Zaun im Erdreich befestigt werden. Danach wurde ein Drahtzaun mit Krampen so befestigt, dass er noch gespannt werden konnte. 1,20 Meter über dem Erdboden wurde eine erste Elektrolitze gespannt und 30 Zentimeter höher noch eine zweite Litze.

Mit der Einzäunung war es nicht getan. Um ein Untergraben des Zaunes durch den Wolf zu verhindern, wurde der Zaun etwa 20 Zentimeter tief eingegraben und dann noch in dieser Tiefe etwa 40 Zentimeter vom senkrechten Zaun verlegt. Um den Zaun mit Strom versorgen zu können, war die Anschaffung einer Batterie und einer Ersatzbatterie erforderlich. Hinzu kamen die Kosten für Sonnenkollektoren.

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Auch die Pflege des Zaunumfelds verlangt viel Zeit und auch finanziellen Aufwand. In regelmäßigen Abständen müssen im Bodenbereich wucherndes Gras oder andere Gewächse entfernt werden. Dazu war die Anschaffung eines Freischneiders und einer Akku-Heckenschere erforderlich. Mehrmals haben abgebrochene Äste schon für einen Kurzschluss gesorgt. Um sie zu entfernen, wurde eine Kettensäge gekauft.

Zähes Genehmigungsverfahren

Nicht alle Kosten musste die Familie Dorr als Unterpächterin übernehmen. Ein Teil des Zaunmaterials wurde mit Fördermitteln des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert, wobei der Verwaltungsaufwand und die zähe Genehmigung und Auszahlung der Fördergelder eine eigene Story liefern könnten, die nur noch übertroffen werden könnte durch die Schilderung der Dauer für die Genehmigung des Baus eines Holzschuppens zur Unterbringung von Werkzeugen und Arbeitsgeräten.

„Für uns ist das alles kein Existenz-Problem, sondern ein Luxus-Problem“, berichtete Christoph Dorr als Hobby-Züchter, wobei er viel Verständnis für die Berufszüchter zeigte, die durch ähnliche Schutzmaßnahmen leicht in arge Existenznöte geraten können.

Bei der Hochrechnung der Kosten für den Schutz der eigenen 2,5 Hektar großen Pachtfläche auf die Kosten im gesamten Wolfsgebiet gelangte Christoph Dorr zu der Auffassung: „Wir sind keine Wolfsgegner, aber es wird hier viel Zeit und Geld investiert, um eine einzige Tierart zu schützen.“ Mit diesem Geld könne viel im Bereich des Natur- und Landschaftsschutzes investiert werden, was letztlich anderen Tierarten nützen würde, die derzeit zusehends aus dem Landschaftsbild verschwinden würden. Viele Blühwiesen ließen sich finanzieren, die ein Insektensterben verhindern könnten.

Landschaftspflege könnte durch die Wölfe teurer werden

Wenn Berufsschäfer an die Grenze der betrieblichen Wirtschaftlichkeit und Hobby-Schäfer an die Grenzen ihrer Arbeitskraft gelangen, dann gibt es irgendwann nach Christoph Dorrs Auffassung erhebliche Auswirkungen im Bereich der Landschaftspflege. Ein Beispiel aus der persönlichen Erfahrung steuerte er zum besseren Verständnis seiner Theorie bei. Seine Schafe waren vor dem ersten Auftreten des Wolfes im Schermbecker Gebiet im Dammer Naturschutzgebiet Loosenberge als fressende Landschaftspfleger im Einsatz, um zu verhindern, dass die raren Wacholderbestände durch Konkurrenzpflanzen verdrängt werden.

Nach der Ausweisung des Wolfsgebietes Schermbeck mit der Verpflichtung zum Schutz der Schafe musste er die Beweidung einstellen, weil die Maßnahmen für Hobby-Schäfer nicht zu stemmen sind. Gelingt es nicht, einen Schäfer zu finden, müssen Menschen die Konkurrenzpflanzen beseitigen, was wesentlich teurer werden dürfte. Oder man verzichtet auf eine ehemals typische Landschaftsform.

Die Frage „Wolf – ja oder nein?“ ist für Christoph Dorr zu eng gestellt. Man müsse den gesamten Themenkomplex Tierschutz, Landschaftspflege und Landschaftsschutz unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit behandeln. Ein wenig Rückendeckung erhielt er durch die Äußerung der Politikerin Petra Schmidt-Niersmann: „Tierschutz bezieht sich nicht nur auf den Wolf.“

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