Jubel in Nürnberg vor gut 35 Jahren: Der Schwerter Torwart Dirk Drescher (Mitte) wird von Walter Oswald (li.) und Co-Trainer Erich Klamma (alle VfL Bochum) nach seinem ersten und einzigen Bundesliga-Einsatz gefeiert.
Fußball

Schwerter und Ex-VfL-Bochum-Profi will den VfL-Aufstieg – es ist nicht Patrick Fabian

Ein Sieg am Sonntag beim 1. FC Nürnberg, und der Wiederaufstieg des VfL Bochum in die Bundesliga wäre perfekt. Bei dieser Konstellation werden bei einem Schwerter Torwart Erinnerungen wach.

In der Spielzeit 1985/86 spielten sowohl der 1. FC Nürnberg als auch der VfL Bochum im deutschen Fußball-Oberhaus. Am ersten Spieltag dieser Bundesliga-Saison wird ein junger Schwerter Torwart zum Helden.

Dirk Drescher, vom VfL Schwerte ausgezogen, spielte seinerzeit in der A-Jugend des VfL Bochum. Von der Bundesliga träumte Drescher zwar, aber sie schien noch in weiter Ferne. Vor dem Saisonstart herrschte hektische Betriebsamkeit in Bochum. Der unumstrittene Stammtorwart Ralf „Katze“ Zumdick fiel wegen einer Schulterverletzung aus. Sein Vertreter war Markus Croonen – noch ohne Bundesliga-Einsatz. Als zweiter Keeper sollte Drescher mit den Profis nach Nürnberg reisen.

Trainer Rolf Schafstall weihte Drescher ein

Dienstags wurde er von Trainer Rolf Schafstall eingeweiht. Dann ging es nach Kaiserau. Der damals erst 17-Jährige musste vorzeitig zum Senior erklärt werden. Nach der sportmedizinischen Untersuchung wurden die Formalitäten abgewickelt. Am Mittwoch trainierte Drescher dann bei den Profis mit. Am Freitagabend startete der Tross ins Frankenland, am Samstag stand die Auftaktpartie an. „Ich war mit Croonen zusammen auf einem Zimmer“, erinnert sich Drescher noch heute.

Dann passierte es an jenem 10. August 1985: Nach 25 Minuten sah Markus Croonen nach einem Foulspiel die Rote Karte. Während Croonen unter Tränen den Platz verließ, schlug plötzlich Dirk Dreschers Stunde. Nervosität machte sich breit. Nachdem er die Handschuhe bereits an hatte, musste ihm ein Teamkollege noch einen Schuh binden. Stefan Kuntz, späterer Europameister und heutiger Trainer der Deutschen U21-Nationalmannschaft, musste für Drescher vom Feld – und war entsprechend sauer.

„War wie in einer Wolke und hatte Tunnelblick“

Dirk Drescher bekam seine Nervosität in den Griff. „Ich war wie in einer Wolke, hatte einen Tunnelblick. Die Zuschauer nahm ich gar nicht war“, erzählt Drescher. Nach einem Kopfballaufsetzer, den er hielt, bekam er die nötige Sicherheit. „Dann war ich im Flow“, so Drescher. Er konnte einige brenzlige Situationen parieren – und hielt seinen Kasten im sauber. Der VfL Bochum gewann am Ende sogar mit 1:0 durch eine spätes Tor von Martin Kree. Gefeiert wurde aber vor allem der junge Drescher.

Aber damit nicht genug. Abends ging es noch ins Sportstudio – auch das ZDF war auf diese ungewöhnliche Geschichte des jungen Schwerter Keepers aufmerksam geworden. Bernd Heller begrüßte sowohl Croonen als auch Drescher. Und auch diese Disziplin meisterte der Schwerter souverän.

Ein paar Jahre nach seinem spektakulären Bundesliga-Intermezzo hütete der Schwerter Dirk Drescher das Tor der Sportfreunde Oestrich. © Sportfreunde Oestrich © Sportfreunde Oestrich

Dennoch blieb die Partie in Nürnberg sein einziger Bundesliga-Einsatz. Bei den nächsten Spielen gegen Düsseldorf und in Mannheim saß Drescher als zweiter Mann noch auf der Bank – dann hatte Croonen seine Sperre abgesessen. Trotz der guten Leistung von Drescher hatte der VfL Bochum nach dem Auftaktspiel gehandelt und mit Wolfgang Kleff einen erfahrenen Mann verpflichtet.

Wolfgang Kleff kam als „Aushilfskellner“

Der Nationalkeeper und mehrfache Meister-Torwart von Borussia Mönchengladbach, der bekanntlich ebenfalls seine Wurzeln beim VfL Schwerte hat, führte sich in Bochum gewohnt launig ein. „Ich bin hier nur der Aushilfskellner“, meinte der damals 38-Jährige. Nach 20 Spielen machte Kleff im Spätherbst seiner Karriere wieder Platz für Zumdick. Rotsünder Markus Croonen kam in seiner Karriere nur noch zu drei weiteren Einsätzen.

Für Dirk Drescher, der in seinem zweiten B-Jugendjahr vom VfL Schwerte nach Bochum gewechselt war, ging es damals zunächst zurück in die A-Jugend. Anschließend spielte er noch eine Saison im Seniorenbereich, ehe nach vier Jahren in Bochum dann Schluss war – eine wirkliche Perspektive hatte Dirk Drescher beim VfL nicht aufgezeigt bekommen. Es folgten die Stationen Westfalia Herne, Sportfreunde Oestrich und DSC Wanne-Eickel.

Nach einem im Training erlittenen Nierenriss fiel Drescher fast ein Jahr aus. Dann spielte er noch beim VSV Wenden und schließlich in der zweiten Mannschaft von Oestrich unter dem heutigen Sportmanager von Union Berlin, Oliver Ruhnert, in der Landesliga. In Oestrich blieb er dann noch als Torwarttrainer, ehe er der Polizist seine Karriere ausklingen ließ.

Ikone Hermann Gerland war der Co-Trainer

Am VfL Bochum hängt der Schwerter auch heute noch. „Es war eine schöne Zeit, sie hat mich geprägt“, berichtet er. Heinz Knüwe, Martin Kree, „Jupp“ Tenhagen, Walter Oswald, Lothar Woelk, Thomas Kempe, „Ata“ Lameck, Frank Schulz, Klaus Fischer, Stefan Kuntz – mit diesen Akteuren, von denen eingefleischte Bochum-Anhänger noch heute schwärmen, stand Drescher zusammen auf dem Feld. Und die Ikone Hermann Gerland war Co-Trainer.

„Das war eine großartige Ära“, meint Drescher nach über 30 Jahren. „Das kann mir keiner mehr nehmen. Mein Herz hängt auch heute noch an Bochum.“ Und wenn es am Sonntag in Nürnberg mit der rückkehr in die Bundesliga klappen sollte, würde sich auch Dirk Drescher mit seinem Ex-Verein darüber freuen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Jörg Krause (Jahrgang 1967) ist seit Mitte der 1990er-Jahre als freier Mitarbeiter in der Schwerter Lokalsportredaktion unterwegs. Vor allem in Sachen Fußball ein wandelndes Lexikon.
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