45 Jahre Friseursalon Oeste in Schwerte: Früher Perückenstudio, heute „Der Barbierladen“

hzAn der Ostenstraße

Früher Dauerwellen, Toupets und ein Perückenstudio im Nebenraum, heute „Der Barbierladen“ mit Nostalgie-Kaugummiautomat vor der Tür - 45 Jahre gibt es den Friseursalon Oeste in Schwerte.

Schwerte

, 18.06.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein seltener Moment in einer der wenigen Männerdomänen, die dieser Welt geblieben sind: Eine Frau platzt zur Tür herein. Mitten in den Raum mit der rustikalen Bruchsteinoptik, wo normalerweise die Bartträger unter sich sind. Verirrt hat sich die Kundin aber nicht. Sie sucht Pflegeprodukte für ihren Sohn. Friseurmeister Ralf Oeste (50) legt den Rasierer kurz aus der Hand. Nach fachkundiger Beratung verkauft er eine Bartbürste: „Damit kann man Pflegeprodukte verteilen und auch den Bart glätten.“

Mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Stolz schaut seine Mutter Doris Oeste (70) zu. Vor genau 45 Jahren hat sie den Friseursalon an der Ostenstraße 12 gegründet, den Ralf Oeste mittlerweile unter dem Namen „Der Barbierladen“ in eine neue Haarmode-Epoche führt. Wie sich alles wiederholt in der Berufswelt. Immer wieder muss sich das Geschäft neu erfinden. Auch damals, als die junge Friseurmeisterin am 18. Juni 1974 das Geschäft von einem Vorgänger übernahm und komplett umbaute, waren alte Zöpfe abzuschneiden. Die ein bisschen konservativen Schwerterinnen verlangten immer noch nach handgelegten Wasserwellen und Dauerwellen. „Zu der Zeit wurde viel aufgedreht“, erinnert sie sich.

Zweithaar für Damen und Herren

Aber auch die Herren der Schöpfung pflegten durchaus ihre Marotten, über die heute so mancher milde lächeln würden. „Viele Männer mit Glatze trugen damals ein Toupet“, berichtet Karl-Heinz Oeste (72), der seiner Frau am Schreibtisch bei dem ganzen kaufmännischen Kram den Rücken freihielt. Man mag es kaum glauben. Auch Haare färben war nicht erst seit der kurzen Ära von Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Thema.

„Wir hatten uns spezialisiert auf Zweithaar“, erzählt Karl-Heinz Oeste: „Das ist heute kein Geschäft mehr.“ Diskret in einem hinteren Raum verschwanden die Frauen, die wegen krankhaften Haarausfalls oder einer Chemotherapie eine Perücke benötigten. Beim Aussuchen halfen erste Computerbilder. Nach einem Porträtfoto konnten sich die Kundinnen am Bildschirm die verschiedenen Modelle virtuell auf den Kopf setzen.

45 Jahre Friseursalon Oeste in Schwerte: Früher Perückenstudio, heute „Der Barbierladen“

Die nostalgischen Kaugummi-Automaten hegt und pflegt Ralf Oeste vor seinem Barbierladen an der Ostenstraße 12. © Reinhard Schmitz

Wer schönere Haut wünschte, konnte sich im Haarstudio Oeste zeitweilig sogar von einer eigenen Kosmetikerin behandeln lassen. Viele Lehrlinge wurden ausgebildet. Es gab sogar mal eine Filiale in Lichtendorf. Doch dann entschied man sich, in Schwerte zu bleiben, wo man zusätzlich im historischen, denkmalgeschützten „Kaufhaus Nierhoff“ an der Brückstraße den Friseurbedarfs-Großhandel „O4 hair“ einrichtete. Dort erhalten Kollegen alles - vom Shampoo über die Schere bis zum Frisierstuhl. Auch Privatkunden werden gern bedient.

Sohn spezialisiert sich auf Bärte

Sohn Ralf Oeste übernahm am 28. Februar 1998 das Geschäft. Der Friseurmeister hatte die beste Ausbildung erhalten, die er sich denken konnte: an der Seite seiner Mutter, wo er nie um die Freistellung für Lehrgänge kämpfen musste. Er spezialisierte sich auf den Herrensalon. Da war es nicht mehr weit, schließlich auf Bärte zu setzen. Mit dieser Entscheidung überraschte er seinen Vater zunächst, wie Karl-Heinz Oeste zugibt. Doch jetzt sagt er: „Ich staune immer, wieviele Bärte es gibt - das habe ich früher gar nicht bemerkt.“ Das Projekt sei sehr gut angelaufen, sogar aus umliegenden Städten wie Unna kämen die Männer mittlerweile in den Barbierladen an der Ostenstraße.

Wer noch keinen Bartwuchs hat, der kann vor der Tür sein Glück finden. In einer leuchtend roten Blechhalterung hat Ralf Oeste unter seinem Schaufenster drei nostalgische Kaugummi-Automaten montiert. Er hat sie dem Vorgänger abgekauft und wartet sie selbst regelmäßig. Schließlich können seine Hände nicht nur meisterlich mit Schere und Messer umgehen.

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