Unsere Autorin gehört zu den jungen Menschen, die ihr Abitur in der Corona-Zeit zwischen Distanzunterricht und sozialer Isolation bestanden. © Loser
Abitur in Corona-Zeiten

Abi in Corona-Zeiten: Soziale Isolation, mentale Probleme – und kein richtiges Ende

Durch Corona hat sich der Schulalltag grundlegend verändert. Unsere Autorin, die zum diesjährigen Abitur-Jahrgang gehört, berichtet von sozialen und mentalen Problemen – und einer verpassten Jugend.

Der Tag, der sich wohl für immer in die Köpfe meiner Generation eingebrannt hat, ist der berüchtigte Freitag, der 13. März 2020. Der letzte Schultag für eine lange Zeit. Das letzte Stück Normalität, bevor wir uns an ein neues Normal anpassen mussten. Ich gehöre zum diesjährigen Abiturjahrgang.

Das neue Normal im Corona-Schulalltag

Die Tatsache, dass im ersten Corona-Halbjahr keine Klausuren mehr geschrieben wurden, hat die ein oder andere Note definitiv gerettet. Denn ehrlich gesagt, haben die wenigsten den Online-Unterricht von Beginn an ernst genommen.

Natürlich, man hat sich mehr oder weniger pünktlich zu den Videokonferenzen aus dem Bett gerollt und an variierende Orte geschleppt – oder ist direkt liegen geblieben. Aber es fehlte einfach die Struktur, an die man sich seit mehr als einem Jahrzehnt gewöhnt hatte.

Wir lernen in der Schule keine Selbstständigkeit – doch plötzlich kam es darauf an

Denn eine essenzielle Fähigkeit, die in der Schule kaum vermittelt wird, ist Selbstständigkeit. Wir lernen nicht, uns selbst zu organisieren, unsere eigenen Interessen zu verfolgen, oder einen für uns passenden Tagesablauf zu entwickeln. All das wird uns vom Schulsystem vorgelegt. Die Themen werden in Form von Schulfächern und Lehrplänen vorgelegt, die kaum Platz zur Individualität lassen.

Selbstständigkeit und eigene Organisation waren plötzlich gefragt – Dinge, die man in der Schule nicht lernt. © Loser © Loser

Unser Tagesablauf wird nicht nur von Stundenplänen, sondern auch von Hausaufgabenbergen bestimmt. Zwischen all dem noch Platz für die eigene Entfaltung zu finden, ist alles andere als simpel. Entweder, man priorisiert seine Freizeit. Oder die Schule. Mit Sicherheit gibt es Gegenbeispiele, die sind allerdings selten. Es erfordert schlichtweg eine mentale Disziplin, die lange antrainiert werden muss, und eine gewisse Veranlagung.

Nachdem also jahrelang unser gesamter Tagesablauf vordefiniert war, hatten wir nun sich endlos ausstreckende Tage vor uns. Ja, die Möglichkeit war gegeben, sie mit Videokonferenzen und Schulaufgaben zu füllen. Das waren allerdings alles nur Vorschläge, keine Verpflichtungen. Und so wirklich interessiert ist man am meisten Unterrichtsstoff doch nicht.

Funktionierende Technik, aber keine Motivation

Habe ich ein Thema, das mich fasziniert, kann man mich davon kaum loseisen, doch bei Mathe und Biologie sieht das anders aus. Dabei bin ich noch eine von den aktiveren Schülerinnen gewesen, war bei jeder Videokonferenz dabei und habe die meisten Aufgaben pünktlich abgegeben.

Mein Problem der akuten Motivationslosigkeit wirkt schnell unbedeutend, wenn man in Betracht zieht, dass mir die technischen Möglichkeiten einer mehr oder weniger stabilen Internetverbindung, eines funktionierenden Laptops und eines unterstützenden Haushalts gegeben waren. Dennoch ist es ein Thema, das auch viele andere in meinem Umfeld begleitet hat.

Mentale Gesundheit wurde zum großen Problem

Was bei mir jedoch nach wenigen Wochen zum größeren Problem wurde, war meine mentale Gesundheit. Ich hatte schon seit längerer Zeit mit psychischen Problemen zu kämpfen, und der erste Lockdown mit seiner Unsicherheit und Strukturlosigkeit entwickelte sich zu einem wahren Nährboden für allerlei Probleme.

Wer selber mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen hat, weiß vermutlich, wie hoch die Schwelle ist, die es zu überwinden gilt, um nach Hilfe zu fragen. Denn trotz eines positiven Umfelds besteht die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Stigmatisierung dieser „unsichtbaren Krankheiten“. Und im Vergleich mit einer globalen Pandemie hat man selten das Gefühl, die eigenen Probleme seien wichtig genug – obwohl sie das natürlich sind.

Mentale Gesundheit ist wichtig – und eine Erkrankung der Psyche ebenso ernst zu nehmen wie eine physische Erkrankung. © Loser © Loser

Tatsächlich kam mein Durchbruch dann, als diese Krankheit zum ersten Mal so richtig sichtbar wurde: Ich hatte im September meine erste ausgewachsene Panikattacke. Da ich glücklicherweise schnell an einen Therapieplatz gekommen bin, verlief der zweite Lockdown grundlegend anders.

Zu lernen, mit meinem eigenen Kopf umzugehen, hat dafür gesorgt, dass es mir nicht nur sehr schnell sehr viel besser ging; es sorgte auch dafür, dass ich wieder Spaß am Lernen finden konnte. Denn eigentlich bin ich ein sehr begeisterungs- und aufnahmefähiger Mensch.

Für Introvertierte war der Lockdown zunächst leichter

Was mir außerdem zugute kam, war meine introvertierte Veranlagung. Das heißt im Gegensatz zu der populären Annahme nicht, dass ich keine Menschen mag. Es bedeutet, dass ich etwas mehr Zeit für mich brauche und aus dieser meine Energie ziehe. Das Alleinsein im Lockdown war also für mich einfacher zu bewältigen, als für Menschen, die ständig die Nähe zu anderen suchen.

Das wurde dann allerdings nach dem Lockdown zum Problem, weil ich schlicht und einfach nicht mehr daran gewöhnt war, mit vielen Menschen in Kontakt zu sein. Auf einmal musste wieder Smalltalk geführt werden, und das war eine Umgewöhnung.

Ein anderes Phänomen, das viele in meinem Umfeld ebenfalls erleben, ist das der Reizüberflutung. Ein ganz normaler Grillabend mit dem Freundeskreis wird schnell überfordernd. Das Gehirn bekommt Schwierigkeiten, die Vielzahl an Informationen, die über einen hereinbrechen, zu filtern und zu verarbeiten. Man bekommt Schwierigkeiten, sich auf ein Gespräch zu fokussieren und fühlt sich verloren und überfordert.

Man hat sich in der Lockdown-Zeit auseinander gelebt

Dementsprechend bizarr war dann auch unsere Abiturfeier. Zwar hatten wir vor den Prüfungen kurzzeitig wieder Unterricht, einmal davon abgesehen, hatte man außerhalb des Freundeskreises aber kaum Kontakte.

Wir hatten keine schlechte Stufengemeinschaft. Aber als wir dann mit all diesen Leuten, die einen acht Jahre lang begleitet haben, am Freischütz saßen, wirkten sie beinahe wie Fremde. In den letzten Monaten war man auseinandergedriftet, die Entfernung schien mir nun unüberbrückbar. Aber vielleicht spricht da auch nur wieder die Introvertierte aus mir.

Es gab kein wirkliches Ende, keinen tatsächlichen Abschluss

Sicher bin ich mir jedoch dabei, dass uns ein tatsächlicher Abschluss gefehlt hat. Es war nicht nur das Fehlen eines Abi-Sturms und der sehr kleine Rahmen der Abi-Feier, zu dem lediglich unsere Stufe kam. Vielmehr war es die scheinbare Abruptheit.

Natürlich war es nicht dieses Ende an sich, das plötzlich kam. Darauf haben wir schließlich zwölf Jahre lang hingearbeitet. Vielleicht war es die Tatsache, dass unsere erste Abi-Klausur am Tag nach dem letzten Unterrichtstag war.

Vielleicht lag es auch daran, dass sich die letzten drei Halbjahre, und damit Dreiviertel der Qualifikationsphase, auf eine Weise unreal angefühlt haben. Dass wir in dieser Zeit unser Leben nicht so führen konnten, wie wir es gerne getan hätten.

Als das Abitur bestanden war, fühlte es sich dennoch so an, als gebe es kein richtiges Ende. © Loser © Loser

Wenn man den Satz „Ich habe meine Jugend verpasst“ ausspricht, wird einem vorgeworfen, dass da doch noch so viel kommen wird. Das ist wahr, das streite ich nicht ab. Aber all diejenigen, die einem jetzt sagen „Das wird alles noch“ hatten eine normale Schulzeit. Und damit eine grundlegend andere Jugend.

Soziale Fähigkeiten müssen ebenso gelernt werden wie Grammatik

Im Endeffekt bin ich in einer unglaublich privilegierten Position: Die Tatsache, dass ich mich über die schwierige Umstellung und das Sozialleben auslasse, sprechen für sich. Trotzdem sind diese Probleme die Lebensrealität vieler Jugendlicher, die langsam verlernen, im Analogen mit ihren Mitmenschen zu interagieren.

Ich hoffe sehr, dass die Entscheidungstreffenden aus diesen Monaten gelernt haben. In der Schule geht es nicht nur um Unterrichtsstoff: Ebenso wichtig sind die sozialen Fähigkeiten, welche passiv erlernt werden, sowie die Stabilität eines geregelten Alltags. Unter Menschen. Nicht alleine zuhause vor dem Bildschirm.

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