In einer Hausarztpraxis liegt eine leere Spritze nach einer Impfung gegen das Coronavirus mit dem Wirkstoff von Astrazeneca. Doch viele Patienten wünschen sich Biontech. © picture alliance/dpa
Corona-Impfung

Ärztin zu Astrazeneca: „Wir sind in einer Pandemie, da geht kein Mimimi“

In Arztpraxen gibt es oft Diskussionen: Auch Ältere hätten gern Biontech. Eine Schwerter Ärztin erzählt, warum das nicht geht – und warum sie manchmal die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

An den Wochenenden überarbeitet sie ihre Warteliste, die Corona-Impfliste. Rund 300 Namen stehen aktuell darauf. Wer wegen seines Alters, aufgrund von Vorerkrankungen oder der beruflichen Situation eher dran ist, bekommt einen roten Punkt hinter dem Namen.

Schließlich stehen reihenweise rote Punkte auf der Liste. Dann fängt Henriette Rosenbaum noch einmal von vorn an. Und geht die besonders dringenden Fälle durch. Die bekommen dann zwei rote Punkte. „Die Vorgeschichten meiner Patienten habe ich im Kopf, nur selten muss ich im Computer nachschauen“, sagt sie.

Unzählige rote Punkte sind auf dem Blatt verteilt

Doch manchmal schlägt die Schwerter Ärztin die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie die Liste betrachtet. Weil am Ende unzählige rote Punkte auf dem Blatt verteilt sind – und sie genau weiß, wie wenige Impfdosen in der kommenden Woche geliefert werden.

Auf der Praxishomepage hat die Schwerter Ärztin aufgelistet, in welcher Woche welche Anzahl von Impfdosen geliefert und verimpft wurde. Das schafft Transparenz.
Auf der Praxishomepage hat die Schwerter Ärztin aufgelistet, in welcher Woche welche Anzahl von Impfdosen geliefert und verimpft wurde. Das schafft Transparenz. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

„Diese Woche waren es zehn Dosen Astrazeneca und sechs Dosen Biontech – obwohl mehr bestellt waren. Die haben wir alle verimpft“, sagt die 65-Jährige. In anderen Wochen wird mehr Impfstoff geliefert, dann verimpft das Team zwischen 30 und 50 Dosen in der Woche. Zusätzlich zu den normalen Patientenbesuchen.

„Das ganze Drumherum ist furchtbar.“

Seit 35 Jahren hat Henriette Rosenbaum ihre Arztpraxis in Holzen. Seitdem impft sie auch Patienten. Aber so etwas wie das Impfen in Pandemie-Zeiten ist neu. „Die Impfung dauert eine Sekunde, aber das ganze Drumherum ist furchtbar. So eine Bürokratie habe ich in all den Jahren noch nicht erlebt.“

Acht Seiten Unterlagen fallen durchschnittlich pro Impfung an, Impfausweise müssen ausgestellt oder mit Aufklebern versehen werden. „Wenn meine Mitarbeiterinnen das nicht so mittragen würden, könnte ich das gar nicht schaffen“, sagt Henriette Rosenbaum.

Die Schwerter Ärztin ist Stress gewohnt. Doch was alle gerade durchmachen, nimmt sie auch mit. „Es ist nicht schön, wenn bestellte Mengen nicht geliefert werden. Dann müssen wir anrufen und die Leute wieder abbestellen“, erzählt sie. Die Bürokratie des Gesundheitsministeriums nennt sie ein „Impfverhinderungsprogramm“.

„Wir sind in einer Pandemie, da geht kein Mimimi“

Weil die Liste lang und die Impfdosen rar sind, gibt es auch manche Diskussion. Dann nämlich, wenn auch ältere Menschen lieber mit Biontech anstatt mit Astrazeneca geimpft werden möchten. Doch da beißen sie bei der Hausärztin auf Granit.

„Ich brauche den Biontech-Impfstoff für die Jüngeren. Für junge Kindergärtnerinnen, oder Leute, die im Supermarkt an der Kasse arbeiten. Da lasse ich mich auf keine Diskussionen ein. Wir sind in einer Pandemie, da geht kein Mimimi“, stellt sie klar.

Man kann sich den Impfstoff nicht aussuchen

Deshalb werden in der Praxis von Henriette Rosenbaum auch schon über 40-Jährige mit Astrazeneca geimpft – je nachdem, ob sie die gesundheitlichen Voraussetzungen für den Impfstoff mitbringen. „Das ist ein guter Impfstoff. Jeder Impfstoff im Arm ist besser als keine Impfung“, betont sie.

Hausärztin Henriette Rosenbaum sagt: „Jeder Impfstoff im Arm ist besser als keine Impfung.“
Hausärztin Henriette Rosenbaum sagt: „Jeder Impfstoff im Arm ist besser als keine Impfung.“ © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Das erklärt sie auch denjenigen, die trotzdem lieber gern Biontech hätten. „Ich verimpfe das, was ich bekomme. Aber es ist nicht so, dass die Leute sich das aussuchen dürfen.“ Und wenn trotzdem jemand auf Biontech besteht? „Dann müsste derjenige es in einem Impfzentrum versuchen.“

Biontech ist der Mercedes, Astrazeneca „ein guter Golf“

Trotzdem – zu Beschimpfungen durch Patienten, wie es in anderen Arztpraxen bereits die Regel ist, sei es bei ihr noch nicht gekommen. „Manche sind unzufrieden, aber eigentlich sind unsere Patienten sehr gut informiert und einsichtig“, sagt Henriette Rosenbaum.

Und sie betont noch einmal, dass Biontech vermutlich der Impfstoff der Zukunft sei, aber dass es jetzt mit Astrazeneca eine gute Alternative gebe. Gerade für Ältere. „Biontech ist der Mercedes unter den Impfstoffen. Aber mit einem guten Golf kommt man auch über die Runden.“

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