„Auf Kongressen treffe ich immer überwiegend Männer“

hzInterview

Kämmerin Bettina Brennenstuhl verlässt Schwerte und geht nach Lünen. Wie ist ihre Bilanz nach viereinhalb Jahren? Wer ist die Strichmafia? Wie persönlich trafen sie die Haushalts-Querelen?

Schwerte

, 07.09.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Was nehmen Sie nach viereinhalb Jahren aus Schwerte für sich mit?

Privat habe ich viele nette Menschen kennen gelernt, und ich glaube, dass ich mit dem einen oder anderen auch weiter freundschaftlich verbunden bleibe. Beruflich war es die Bestätigung, dass das Kämmerer-Dasein genau das ist, was ich machen will. Und ein zweites Thema, für das ich hier eine Leidenschaft entwickelt habe, ist das Thema Feuerwehr.

Sie kamen von der Gemeindeprüfungsanstalt (GPA), wo man ja meist nur mit Zahlen zu tun hat und übernahmen dann hier Ordnungsamt und Feuerwehr zusätzlich. Bereitet man sich darauf vor?

Bevor ich bei der GPA war, habe ich ja in der Verwaltung des Ennepe-Ruhr-Kreises, also in einer normalen Verwaltung, meine Ausbildung gemacht und gearbeitet und habe das Verwaltungsgeschäft von Anfang an gelernt. Deshalb weiß ich, wie Verwaltung generell tickt. Auf das politische Amt der Beigeordneten hat mich mein Berufsleben vorher nicht vorbereitet.

War das ein großer Unterschied zwischen der Stadtverwaltung und der GPA?

Bestimmte Dinge habe ich mir, bevor ich gewechselt bin, anders vorgestellt, weil die GPA zum Zeitpunkt meines Wechsels relativ jung war, keine wirklich große Behörde und viele Dinge da wirklich einfacher, flexibler und schneller gehandhabt wurden. Als ich dann in Schwerte war, gab es wieder Umlaufmappen.

Da muss dann jeder seinen Senf dazu tun?

Genau, es hat mal jemand hier aus Schwerte gesagt: Das ist die Strichmafia. Da muss jeder mit seinem Strich bestätigen, ich hab´ das gesehen, ich hab´ das gelesen. Da hat jeder seine eigene Farbe, ich hatte zum Beispiel Lila.

Wie lange dauert das, bis so eine Umlaufmappe ´rum ist?

Es kommt immer darauf an, wie viele Ämter die Mappe bekommen. Das kann schon mehrere Tage in Anspruch nehmen.

Als Sie das Ordnungsamt übernommen haben, war ja noch alles normal. Doch 2020 wurde dank Corona zum Jahr der Ordnungsämter. Können Sie in diesem Bereich jetzt alles?

Nein, das wirklich fachliche Detailwissen habe ich nicht. Dafür gibt es ja die Amtsleiter und die Mitarbeiter. Aber es ist schon so, dass in diesem Jahr das Ordnungsamt plötzlich jeden Tag auf der Tagesordnung stand.

Hat Schwerte in der Coronazeit im Ordnungsamt irgendetwas anders gemacht als die umliegenden Kommunen?

Am Ende haben wir uns an die Landesvorgaben gehalten. Nur im Detail vielleicht nicht. Als ganz zu Beginn die Frage im Raum stand „Wer kontrolliert die Maskenpflicht?“ – da hatten wir nicht genügend Personal, um das sofort zu machen.

Sie haben ja schon gesagt, dass Wahlbeamter ein politisches Amt ist, wie politisch ist das Amt?

Das kommt immer drauf an, wie politisch man es für sich wertet. Ich habe es für mich, ich bin ja SPD-Frau, immer so gesehen, dass ich die Kämmerin für die gesamte Stadt bin. Das ist mir bei aller Parteizugehörigkeit wichtig. Es ist ein politisches Amt, aber es geht doch in erster Linie um Fachlichkeit. Da muss ich parteiübergreifend handeln.

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Und dennoch ist man dem Rat gegenüber verantwortlich. Wie sehr haben Sie da die Haushaltsquerelen zum Jahreswechsel geärgert?

Ich habe es nicht verstanden, dass der Haushalt (von CDU, Grüne und FDP, Anm. d. Red.) vertagt wurde. Es gab für mich keine Anzeichen, dass es zu einer Vertagung kommt. Ich war davon ausgegangen, dass es zu einer Diskussion um ein einziges Projekt kommen wird, nämlich die neue Sportanlage in Wandhofen.

Aber man hatte ja auch bis dahin viel Arbeit investiert?

Ja, schwierig war, dass ich den Mitarbeitern erklären musste, was ist jetzt tatsächlich passiert. Und das konnte ich nicht. Das ist für die Mitarbeiter sehr frustrierend, denn die haben das ja auch nicht verstanden. Warum konnten die Fragen der Politik nicht vorher geklärt werden. Mein Kritikpunkt lautet: Man hätte das Ganze vorher in den Ausschüssen diskutieren können. Dann hätte man einen Konsens finden können - oder nicht - und anschließend im Rat eine wie auch immer geartete Entscheidung treffen. Man hätte ablehnen, zustimmen oder unter Vorbehalt zustimmen können. Dass man aber in den Ausschüssen keine Diskussion geführt hat, verstehe ich bis heute nicht.

Die scheidende Kämmerin Bettina Brennenstuhl.

Die scheidende Kämmerin Bettina Brennenstuhl. © Heiko Mühlbauer

Wie stellt man eigentlich so einen Haushalt auf?

In den Jahren 2020 und 2021 sind wir in der digitalen Welt angekommen. Der Haushaltsbeauftragte gibt die Haushaltsposten im System ein, zum Beispiel neue Spielgeräte für einen Spielplatz. Das kontrollieren meine Mitarbeiter auf Plausibilität und führen erste Gespräche mit den Ämtern. Den ersten Entwurf des Zahlenwerks besprechen wir dann intern in der Kämmerei. Dann wird der Haushalt mit dem Bürgermeister besprochen, der auch Wünsche anmeldet, erst dann steht das Grundwerk, zu dem weitere Gespräche mit den Amtsleitungen geführt werden.

Macht es eigentlich Spaß, immer nur zu sparen?

Nein, es wäre natürlich schön, wenn man all die guten Ideen, die auch die Bürger für diese Stadt haben, umsetzen könnte.

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Wie unmittelbar würde es die Stadt treffen, wenn die Zinsen mal wieder steigen würden?

Sehr unmittelbar. Bei den Liquiditätskrediten ist es vom Grundsatz ja so, dass die kurzfristig und zum Überbrücken gedacht sind. Wir schieben die aber nun schon über zig Jahre vor uns her. Für einen bestimmten Betrag können auch längerfristige Zinsvereinbarungen getroffen werden, bis zu zehn Jahre. Das machen wir im Rahmen des gesetzlich Zulässigen. Es gibt aber auch Beträge, die wir nicht auf einen langen Zeitraum aufnehmen dürfen. Da haben wir dann bei einer Zinserhöhung direkt das Problem.

Es soll ja eine Nachfolgerin werden, hat Schwerte Nachholbedarf an Frauen in der Stadtverwaltung?

Eigentlich ist Schwerte da schon relativ weit. wenngleich es immer noch mehr Amtsleiter als Amtsleiterinnen gibt. Von daher wäre es schön, wenn sich mehr Frauen bereit erklären würden, eine Führungsposition zu übernehmen.

Und in der Stadtspitze?

Das ist ein politisches Geschäft, und im Finanzbereich ist das noch mal verschärft. Wenn ich auf Kongresse für Kämmerer gehe, treffe ich überwiegen auf Männer. Da gibt es noch Nachholbedarf.

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