Das Ehepaar Kockelke setzt sich zur Ruhe und übergibt das Geschäft in vielversprechende Hände. © Carina Strauß
Kettler Schwerte

Aus 135 Jahren Kettler: Dokumente bezeugen Umsätze selbst im Krieg

Mit der Schließung von Kettler geht eine Schwerter Ära zu Ende. So manch spannende Geschichte lässt sich von dem Geschäft erzählen. Und für die Zukunft wissen es die Kockelkes in guten Händen.

Seit ein paar Wochen läuft der Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe bei Kettler Geschenke+Schmuck in der Hüsingstraße. Mit 50 Prozent Rabatt auf die letzten Warenvorräte sowie Dekorations- und Einrichtungsgegenständen können Kunden noch einmal Abschied nehmen vom Traditionsgeschäft.

„Alles muss raus und nächste Woche Samstag (7.8.) ist endgültig Schluss“, sagt Joachim Kockelke. Bedingt durch den Lockdown hatte sich der Räumungsverkauf verzögert.

In Kundengesprächen werde es oft sentimental, so Kockelke. Stammkunden verabschieden sich herzlich und voller Nostalgie. Der Gedanke sei, dass wieder ein Fachgeschäft aus der Schwerter Innenstadt verschwindet. „Aber wir beruhigen unsere Kunden mit der guten Meldung, dass wir einen interessanten Nachmieter gefunden haben.“

Wie das möglich war, mitten in einer wirtschaftlich ungünstigen Zeit? „Ende letzten Jahres war es schon so weit, dass wir mit der Räumung beginnen wollten. Das ging dann durch die Lockdowns nicht – doch kurz vor dem Lockdown haben wir gehört, dass sich jemand nach Schwerte orientiert.“

Kontaktaufnahme: „Stimmlich sympathisch“

Die Kockelkes wurden neugierig auf die Interessentin, Sandra Brand, die ein Geschäft in Balve betreibt. „Wir haben uns die Lage vor Ort angesehen und können mit gutem Gewissen sagen, dass der künftige Laden schön sein wird. Frau Brand ist eine gute Nachfolge.“ Bedenkenlos kam man ins Gespräch über das Geschäft und war sich „stimmlich sympathisch“ – doch dann kam der Lockdown.

Joachim Kockelke (1. v. links) übergibt an Sandra Brand (3. v. rechts.), die bereits ein Geschäft in Balve führt.
Joachim Kockelke (1. v. links) übergibt an Sandra Brand (3. v. rechts.), die bereits ein Geschäft in Balve führt. © Stadt Schwerte © Stadt Schwerte

Plötzlich waren die Ladentüren zu und es sah zeitweilig so aus, als ob der Deal nicht stattfinden könnte, da es die Lage nicht hergab. Dann aber gab es in Schwerte von der Wirtschaftsförderung einen Wettbewerb. „Neugründer bekommen ein Jahr Mietzuschuss. Wir setzten uns dafür ein, dass Frau Brand sich für den Wettbewerb anmelden kann. Das hat dann auch geklappt und sie hat den Zuschuss zugestanden bekommen.“

Hinzu kam dann noch eine Förderung vonseiten des Landes. Nach einer gemeinsamen Verhandlung konnte man sich letztlich die Hand geben und den Deal besiegeln. „Vor etwa zwei Wochen hat Frau Brand dann den Mietvertrag unterschrieben“, sagt Joachim Kockelke.

Eine Freude für das Ehepaar, das als letztes in der Reihe der Familienmitglieder das Geschäft betreibt. Aus der Familie sei keine Nachfolge für das Geschäft da. „Doch so bleibt zumindest der Geist erhalten, auch wenn neue Besen natürlich anders kehren.“

Beim Ausmisten kommt einiges zusammen

Doch bevor sich im Geschäft etwas tut, gibt es noch einiges zu tun. Jetzt geht es erst einmal ans ausmisten und da kommen viele Dekorationsartikel, Einrichtungsteile und auch uralte Dokumente vom Dachboden zusammen. „An vielen Dingen hängen eben Erinnerungen an die Vorfahren. Immerhin hat es die Firma Kettler auf 135 Jahre gebracht“, sagt Joachim Kockelke.

Nach der Sichtung werden die ältesten Unterlagen dem Ruhrtalmuseum übergeben. So sei noch das erste Kassenbuch von 1886, ein Lohnbuch und vieles andere erhalten, was für die Stadtgeschichte vielleicht interessant sein dürfte. Dabei ist auch ein Adressbuch von 1930. Baurechnungen, die mit Jugendstilornamenten verziert sind, haben zwei Weltkriege ohne Schaden überstanden.

Im Jahr 1961 feierte man in der Hüsingstraße das 75-jährige Bestehen der Firma Kettler.
Im Jahr 1961 feierte man in der Hüsingstraße das 75-jährige Bestehen der Firma Kettler. © privat © privat

Die alten Dokumente geben wieder, wie es um das Geschäft während einer wirtschaftlich schlechten Zeit stand. Überraschend: Selbst während des zweiten Krieges wurden Umsätze gemacht. „Nicht einmal in der Corona-Pandemie haben wir Umsätze machen können, da hat mich das schon überrascht“, sagt Joachim Kockelke.

Besonderer Bierkrug fürs Museumsarchiv

Unter den Schätzen, die an das Museumsarchiv gehen, sei auch ein Bierkrug. „Vor ein paar Jahren kam eine Bürgerin und brachte mir den Bierkrug mit dem eingravierten Namen meines Urgroßvaters. Die Recherche ergab, dass er zu den Förderern des Baues des nun abgerissenen Schützenhofes gehört hat. Und da wurde sicherlich manches Ostermann-Bierchen verputzt.“

Mit der Schließung reiht sich das Traditionshaus Kettler nun ein in die Liste mit Händlernamen wie Textilkaufhaus Eisenmenger, das Herrenhaus Fischer, Schuhhaus Steinschulte, Drogerie Rienhöfer, Möbelhaus Eichmann und Bürobedarf Kockelke, die heute nur den älteren Schwertern noch gut in Erinnerung sind.

Ist alles raus, wird erst einmal der Laden renoviert und für die Nachmieterin fit gemacht. „Und dann geht es endlich in Rente.“ Die Enkelin, der Garten, Radfahren und Wandern werden dann für die Kockelkes in den Vordergrund rutschen.

Kettler

Erinnerungsstücke sind käuflich

Andenkensammler können jetzt noch Kettler-Erinnerungsstücke erwerben: Es existieren noch ein paar Glasaschenbecher vom 75-jährigen Jubiläum aus dem Jahr 1961 und die bis 2001 gültigen und beliebten Porzellantaler aus der guten alten DM-Zeit, die jetzt zugunsten des Schwerter Elsebades angeboten werden.

Über die Autorin
Volontärin
Obwohl nicht in Dortmund geboren, bin ich doch eng mit dieser Perle des Ruhrpotts verbunden. Eine Stadt durch die Augen eines Journalisten kennenzulernen, das fasziniert mich. Seit Oktober 2017 arbeite ich für die Ruhrnachrichten und bin seit April 2020 Volontärin.
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