Die Katze macht es vor: Nach aller Hektik um den „Osterlockdown“ ist bei mir Entspannung angesagt. Vielleicht sollten wir uns jetzt schon vornehmen, Ostern einfach mal zu „chillen“. © Martina Niehaus
Meinung

„Chill ma, Ilma!“ Was die Diskussion um die Osterruhe gebracht hat

„Die Osterruhe wird rückgängig gemacht.“ Yippieh, jetzt kann man sich am Gründonnerstag UND Karsamstag ins Einkaufs-Gewühl stürzen. Oder man bewahrt einfach die Ruhe. Und färbt Eier.

Es ist dieser Reflex aus der Steinzeit, der noch in uns schlummert. Und der sofort aktiv wird, wenn es heißt: Die Läden machen zu. O Gott, wie soll ich überleben? Wie komme ich fünf Tage am Stück klar – ohne frischen Harzer Roller von der Theke, ohne Tatarbrot? Und vor allem ohne eine nagelneue Packung Klopapier?

Natürlich hätten die verordneten „Ruhetage“ über Ostern noch ganz andere Probleme nach sich gezogen. Krankenhäuser hätten OP-Termine verschieben müssen. Gerichtsurteile, Notartermine, Lohnfortzahlung: Die Liste der Hürden war einfach zu lang.

Hamsterkäufe bei Schokohasen?

Doch mal Hand aufs Herz: Wem ist nach der Verkündung des „Oster-Lockdowns“ nicht sofort die Frage durch den Kopf gegangen, wie man verflixt noch mal den frischen Endiviensalat für den Karnickelbraten am Ostermontag sichern kann?

Auch ich habe sofort gerechnet. An den Fingern die Tage abgezählt. Weil ich keine Lust hatte, am Samstag mit hundertfünfzig anderen Kandidaten auf dem Edeka-Parkplatz in der Schlange zu stehen.

Fünf Tage verordnete Ruhe kamen mir sehr lang vor. Weil ich mittlerweile selbst den Einkauf einer Packung Katzenfutter als Event betrachte, für das ich mich in Schale werfe. Besorgt verfolgte ich die Nachrichtenlage: Erste Politiker warnten schon vor Hamsterkäufen. Bei mir ratterte es: Würden die Schokohamster – pardon, Schokohasen – bereits ausverkauft sein? Ich habe schließlich zwei vom Homeschooling gelangweilte und dauernd ausgehungerte Kinder zu bedienen.

Diese Angewohnheit mit dem Hamstern ist doch einfach affig. Da bleibe ich lieber direkt zu Hause.
Diese Angewohnheit mit dem Hamstern ist doch einfach affig. Da bleibe ich lieber direkt zu Hause. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Dann kam die Kanzlerin, erklärte die „Osterruhe“ für beendet und die Supermärkte für geöffnet. Die Irritation war groß, die Erleichterung auch. Jetzt kann man sich sowohl am Gründonnerstag als auch am Karsamstag ins Ostergewühl stürzen. Wenn nicht hundertfünfzig Einkaufswagen eine Parade veranstalten, sondern vielleicht nur achtzig. Yippieh!

Jetzt frage ich mich, ob das ganze Hin und Her der politischen Beschlüsse nicht vielleicht doch etwas Gutes hatte. Mein Sohn sagt gern zu mir: „Chill ma, Ilma!“ Recht hat er! Warum bleibe ich nicht einfach bei meinem Plan? Ich stürze mich nicht für frischen Salat in die Menge. Der wird in den Augen meiner Jungs sowieso überbewertet.

Chillen beim Grillen

Stattdessen kaufe ich jetzt schon leckeres Grillfleisch. Das kann man sich vakuumieren lassen, einfrieren und Ostern auftauen. Es soll schließlich warm werden. Am Karsamstag werde ich nicht einkaufen gehen, sondern mit den Jungs gemütlich Eier färben. Sie sind zwar mit 11 und 14 eigentlich schon zu alt dafür, tun ihren armen Eltern aber noch gern den Gefallen.

Ostern soll es warm werden. Warum soll ich dann meinen Karsamstag im Edeka verplempern? Ich kaufe vorher ein.
Ostern soll es warm werden. Warum soll ich dann meinen Karsamstag im Edeka verplempern? Ich kaufe vorher ein. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Und ich lasse mich bewusst nicht stressen. Natürlich werden wir das Familientreffen vermissen. Normalerweise sitzen wir mit mindestens zehn Leuten am gedeckten Tisch, sonntags beim Kaninchen und montags beim Spargel. Dieses Jahr machen wir zu Hause das Beste draus. Wir rufen uns an und quatschen lange. Und ich hoffe, dass meine Eltern – nach der Oma – auch bald geimpft werden.

Speck an der Schnur

Meine Oma Irene holt mich übrigens regelmäßig auf den Boden der Tatsachen zurück. 92 Jahre alt ist sie, Jahrgang 1928. Sie gehört zu der Generation, die „damals nachem Krieg“ sagen kann, ohne dass jemand lacht.

Oma erzählt manchmal vom Osterfest 1945. Da gab es zur Feier des Tages ein Stück Speck, festgebunden an einer Schnur. Wozu? Damit ihr jüngerer Bruder Hans oder die kleinen Schwestern Liesel und Lenchen nicht auf die Idee kamen, den Speck im Ganzen runterzuschlucken. Denn gelutscht wurde abwechselnd.

Wenn Oma heute von Hamsterkäufen beim Klopapier hört, lacht sie sich schlapp. „Kind“, sagt sie dann. „Die Leute sind verrückt. Dafür haben wir früher immer die Zeitung benutzt.“

Liebe Oma, bitte hab Verständnis dafür, dass ich das in meinem Job nicht über mich bringe…

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Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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