Plötzlich Nummer eins: Vincent Felix Bartscher (26) aus Schwerte führt die Weltrangliste der Ironman-Triathleten an. Das liegt am guten Saisonstart 2020, vor allem aber an Corona.

Schwerte

, 09.05.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wäre er jetzt wieder hier. Wäre vor 10 Tagen von Australiens Ostküste in den Westen geflogen, nach Perth zum nächsten Wettkampf, von dort aus dann im Interkontinentalflug nach Hause.

Er würde an der Ruhr in Schwerte laufen, am Hengsteysee radeln, im Schwimmbad Bahn um Bahn abreißen, weil ja bald der nächste Triathlon anstünde.

Weil es aber ganz anders lief, ist Vincent Felix Bartscher (26) aus Schwerte jetzt Nummer eins der Ironman-Weltrangliste.

Bestzeiten und WM-Quali: Die Saison 2020 begann gut

Bartschers Plan sah eigentlich wie folgt aus: Nach dem Uni-Abschluss als Wirtschaftsingenieur ein, zwei Jahre Ironman-Training und viele Triathlon-Starts einschieben, bevor es zum richtigen Job geht. Mit dem Gedanken im Hinterkopf: Vielleicht klappt es ja doch besser als gedacht. Vielleicht gelingt ja doch der Sprung zu den Profis.

2020 begann gut. Ein Wettkampf in Dubai, dann einer im Oman, neue Bestzeiten, direkt die WM-Quali, schließlich weiter nach Australien – erst zum Training, später weiter zum Wettkampf-Programm.

Im Surferparadies an der australischen Ostküste

Dann aber: Corona. Lockdown, auch in Australien. Cafés, Bars, Restaurants sind seit vielen Wochen ebenso dicht wie Ausflugsziele und die meisten Geschäfte. Bartscher befindet sich in Gold Coast, einer lang gezogenen Küstenstadt an der australischen Ostküste, die in etwa so viele Einwohner hat wie Dortmund. Ein Paradies für Surfer, eine Touristenstadt, in der Bartscher schon zu Studiumszeiten einmal war. Da entstand ein Kontakt zu einer Familie, bei der er jetzt auch wieder wohnt. „Eine richtige Freundschaft“, wie Bartscher unterstreicht.

Sein Tag beginnt früh, das sei in Australien vielerorts üblich, oft schon morgens um 4. Etwas spazieren gehen, einen Kaffee holen, denn „Take away“ ist in Australien wie in Deutschland trotz Corona erlaubt.

Einfach eine Gastfamilie? Nein: Mittlerweile seien es Freunde, findet Bartscher.

Einfach eine Gastfamilie? Nein: Mittlerweile seien es Freunde, findet Bartscher. © Bartscher

Am Strand: Sonnenbaden verboten, Schwimmen und Laufen erlaubt

Seinen Trainingsplan kann der Triathlet aus Schwerte durchziehen: zwei bis drei Einheiten täglich, mal im Wasser, mal auf dem Rad, mal in Laufschuhen. 10 bis 12 Tage lang, dann ein Ruhetag. Der Trainingsplan kommt digital. Die Daten werden ebenso erfasst und ausgewertet.

Dabei kommt Bartscher ein anderes Lockdown-Detail entgegen – eins, das den Strand betrifft: „Sonnenbaden ist da nicht erlaubt. Zum Surfen, zum Kitesurfen, zum Laufen und Schwimmen darf man aber hingehen.“ Wobei: „Schwimmen gehe ich meistens im See.“

Sonnenbaden verboten, aber Sport ist erlaubt. So ist es in Australien.

Sonnenbaden verboten, aber Sport ist erlaubt. So ist es in Australien. © Bartscher

Die Küste, die Stadt, die Seen und dahinter das Nichts

Gold Coast besteht aus der Küste, einem dünnen stark besiedelten Streifen, einer Vielzahl an Seen und Gewässern dahinter, bevor es schon nach wenigen Kilometern ins Landesinnere hinein grün, bergig und einsam wird.

Was für Bartschers Rad-Einheiten ebenfalls Besonderheiten bedeutet: „Nach 20, 30 Kilometern ist das Handynetz weg.“ Da sei dann nur noch ein SOS-Netz, eins für Notfälle, aber komplett ohne Internet. Wer sich vorher nicht die Route per Screenshot sichert, läuft Gefahr, sich im Nichts zu verfahren.

Training mit Meerblick: Vincent Felix Bartscher in Gold Coast an der australischen Ostküste.

Training mit Meerblick: Vincent Felix Bartscher in Gold Coast an der australischen Ostküste. © Bartscher

Andere wurden von der Bundesregierung ausgeflogen – er nicht

Als Corona bedrohlicher wurde im April, ließ die Bundesregierung viele Deutsche ausfliegen. Bartscher blieb. Warum auch nicht? Bessere Trainingsbedingungen konnte er sich doch gar nicht wünschen. 20 Grad warmes Wasser, selbst im australischen Spätherbst und Winter. Das bietet die Ruhr nicht.

„Klar: Irgendwann will man schon mal wieder nach Hause – so schön es hier auch sein mag“, gibt Bartscher zu: „mal wieder ‚Schwerter Wasser trinken‘ und auf der ‚Hausrunde‘ Rad fahren und laufen.“

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Wichtig für die Flugverbindung: Was ist mit dem Rad?

Er behalte die Flug-Situation im Auge: Ethihad, Qatar, Singapore Airlines – wo gibt es Direktverbindungen? Denn zwei Mal umsteigen zwischen Australien und Deutschland? Das sei mit dem Spezial-Rad im Gepäck zu mutig, findet Bartscher.

Irgendwann im Mai will er dennoch zurück sein in Schwerte. Und das als Nummer eins der Weltrangliste, in der Altersklasse der 25-bis-30-Jährigen. Das ist das Resultat der beiden frühen sehr guten Wettkämpfe im Jahr, zwei Halbdistanz-Ironmans waren das.

Wobei der Begriff irreführend ist. „Halbdistanz“ bedeutet: die Hälfte der Hawaii-Strecke. Und das sind immer noch 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren ohne Windschatten und 21,1 Kilometer Laufen, also ein Halb-Marathon zum Schluss.

Keine Wettkämpfe mehr – nicht einmal das „Highlight“ in Roth

Bartscher dürfte Weltranglisten-Erster bleiben. Wie in fast allen Sportarten gilt weltweit seit Beginn der Corona-Epidemie: Alle Wettkämpfe sind abgesagt.

Anfang Juli wäre der berühmte Ironman in Roth bei Nürnberg gewesen, „mein Highlight-Wettkampf“, sagt Bartscher. Kurz darauf wäre er beim Halbdistanz-Ironman in Duisburg gestartet.

Im November in Neuseeland dann: die Halbdistanz-WM in Neuseeland. „Aber selbst daran würde ich ein Fragezeichen setzen“, sagt der Extremsportler aus Schwerte. Die Quali hat er im Gegensatz zu vielen anderen. Aber ob das was nutzt?

Hauptsache: Gesund bleiben. Training sammeln für 2021. Vielleicht ja nächstes Jahr schon eine Profi-Lizenz beantragen. Bartscher, der im Februar 27 wird, lässt einmal mehr durchblicken, dass er da einen längerfristigen Plan verfolge: „Auf der langen Distanz kommen die besten Jahre ab 30.“

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