Ein Mörder wird entlassen - nach 28 Jahren hinter Gittern. Viele haben Bedenken, keiner greift ein. Drei Monate später ist eine Frau tot. Das ist der Fall Michael S. - eine Rekonstruktion.

Ergste

, 28.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wieso musste eine Frau sterben - in der Nacht von 8. auf 9. Januar 2019 in ihrem Haus in Schwerte-Ergste, wenige Meter entfernt von der JVA, aus der man Michael S. rund drei Monate zuvor entlassen hatte?

Am Ende eines emotionalen Prozesses fügen sich viele Teile zusammen. Das Puzzle ist zwar nicht komplett. Man kann das gesamte Bild aber erahnen.

Auf diesem Puzzle sind drei Zeitabschnitte abgebildet: Michael S.‘ Zeit vor, in und nach der Schwerter JVA.

Teil 1: Kindheit, der erste Mord, die erste Zeit hinter Gittern

Michael S. wird 1969 geboren, in der Nähe von Aachen. Er hat Eltern, Geschwister, aber keine Geborgenheit, keine Bildung. Die Kinder sollen klauen. Es wird geschlagen, missbraucht. Eine Schwester nennt den Vater „das größte Arschloch, das es auf der Welt gibt“.

Raus aus der Familie, in ein Heim, kurz darauf in ein anderes. Ein Pfarrer habe ihn missbraucht, vertraut Michael S. irgendwann Jemandem an. Doch er erzählt viele Geschichten im Laufe seines Lebens. Nicht so sehr um andere zu blenden, urteilt einer der vielen Psychologen, die Michael S. durchleuchten – auch für sich selbst. Um sich selbst eine schlüssige Geschichte zu erzählen, die ihm Selbstvertrauen gibt.

Obdachlosigkeit. Diebstahl. Drogen. Es zieht ihn zurück zu den Eltern, obwohl ihn das weiter in den Strudel treibt. Jugendknast. Kurz draußen. Und dann 1990.

An einem Fluss in Aachen wird eine 58-Jährige ermordet – mit sexuellem Hintergrund. Kurz darauf begeht Michael S. einen Raub, nötigt die Frau. Wird kurz darauf festgenommen und für beide Taten verurteilt, also auch als Mörder.

Michael S. ist über 21, also dem Jugendstrafrecht entwachsen. Ein paar Monate jünger – und ein Richter hätte entscheiden können, dass er eher ein Jugendlicher als ein erwachsener Mann ist. Michael S. selbst sagte, er fühle sich wie 15 oder 16.

Das Leben hinter Gittern ist hart und kompliziert – aber es gibt eine klare Rangordnung. Gut dran ist, wer Kontakte hat, Mitglied einer kriminellen Vereinigung ist, Drogen hat oder für Gewaltverbrechen sitzt. Da ist allen klar: Mit dem ist nicht zu spaßen. Oder jemand ist intelligent, weiß viel über Anträge, Abläufe, den Umgang mit Formularen. Das sind auch Dienstleistungen, die man sich von anderen Häftlingen bezahlen lässt – mit Geld oder Ansehen.

Michael S. kommt nach Werl. Die JVA genießt den Ruf, viele harte Jungs zu beherbergen. Und der Neuankömmling ist wohl nicht auf der Seite der Stärkeren. Andere vergehen sich sexuell an ihm.

Teil 2: Wie hat sich dieser Mensch in der JVA in Schwerte geändert?

2004 kommt Michael S. nach Schwerte. Zurückgezogen, vereinsamt, stotternd. Der Gefängnispfarrer ist ausgebildeter Theaterpädagoge, zieht ihn in die Gruppe. Michael S. beginnt zu malen, Bild um Bild, bricht fast zusammen, als man ihm aus Sicherheitsgründen viele Bilder aus seiner Zelle wegnimmt.

Auf der Bühne verschwindet das Stottern. Psychologen messen einen deutlichen Anstieg seines IQ. Michael S. bekommt Schulbildung, kommt parallel dazu bei den Hauptrollen an, erarbeitet selbst lange Monologe und wird zur Diva.

Mit den Therapeuten ist es schwierig. Viele sagen ab. Einer ist nach wenigen Terminen mit Michael S. plötzlich verschwunden. Eine Aufarbeitung des Mordes bleibt offenbar aus. Auch aus Sorge, die Traumata des Inhaftierten könnten wieder hochkommen.

Stattdessen macht Michael S. Praktika. In einem Altersheim ist man so zufrieden mit ihm, dass man ihn am liebsten behalten würde. Es gibt eine Ausstellung seiner Bilder im Schwerter Amtsgericht. Und immer wieder Hauptrollen.

„Ich kann nicht mehr beim Theater mitmachen - da spielen ja nur Verbrecher mit“, sagt Michael S. irgendwann dem Pfarrer, der ihn auch bei Freigängen begleitet. Vergibt der Pfarrer die Rollen dann aber anderweitig, ist S. erst beleidigt und dann wieder da.

Zieh die Jacke an, es ist kalt - schon das reicht aus, dass Michael S. sich gegängelt, unterdrückt, bevormundet fühlt.

Michael S. begeistert die kulturinteressierten Theaterbesucher. Ein Filmemacher dreht über ihn eine Doku, begleitet ihn ebenfalls bei den Gängen ins Draußen. Ehrenamtliche Helfer sehen seine Fortschritte, sehen einen gepflegten, höflichen Mann in den 40ern, der Gartenarbeiten verrichtet, auch außerhalb der JVA.

2015 oder 2016 ein Zwischenfall in der Theatergruppe - mit einer Praktikantin. Eine Belästigung, eine Bedrohung? Die Aussagen unterscheiden sich. Sicher ist: Michael S. verlässt die Gruppe.

Nichtsdestotrotz lockert man die Haftbedingungen. Ab September 2017 darf Michael S. ein Wochenende hinaus. Er verbringt es im Appartement eines Ehrenamtlichen - und weil es so gut klappt, passiert das nun monatlich.

Michael S. stellt einen Antrag auf Entlassung. Das psychologische Gutachten fällt positiv aus - im Gegensatz zu den vielen Fällen vorher. Ein Mann, der ihn aus der Zeit hinter Gittern kennt, kommentiert: „Nach 28 Jahren im Gefängnis weiß ich, was ich wann wem erzählen muss.“

Beim Wochenend-Ausgang im Mai 2018 ist Michael S. plötzlich nicht mehr im Appartement, irgendwo feiern mit Alkohol und Drogen, das ganze Wochenende offenbar. Irgendwann am Sonntag treibt man ihn doch auf.

Die JVA reagiert: streicht die Ausgänge, warnt das Gericht, dass darüber entscheidet, ob der Inhaftierte raus darf. Wenn überhaupt, dann müsse klar sein: kein Alkohol, keine Drogen, eine ganz engmaschige Betreuung für Michael S.

Ein anderer Gutachter ist im Frühsommer 2018 nicht mehr zu finden. Psychologen und Psychotherapeuten haben chronisch überfüllte Terminkalender.

Der Entlasstermin steht: 4. Oktober 2018.

Teil 3: „Als ich das hörte, dachte ich: Das ist der Anfang vom Ende“

So gute Voraussetzungen nach der Entlassung? Die Bewährungshelferin staunt. Das habe sie in 30 Berufsjahren selten erlebt.

Michael S. hat eine schöne Wohnung, einen Job mit Perspektive bei einem Landschaftsgärtner. Bei ihren verabredeten Besuchen sehen sowohl die Bewährungshelferin als auch eine Ehrenamtliche: alles sauber und ordentlich.Doch schon nach wenigen Wochen kommt der Alkohol, kommen die Drogen, geht Michael S. auch unter der Woche aus, schwänzt dann die Arbeit oder kommt zu spät. Das Geld wird knapp. Er erfindet Geschichten.

Michael S. findet seine Öffentlichkeit auf Facebook. Filmt sich selbst - mal minuten-, mal stundenlang, meist abends oder nachts, manchmal auch tagsüber. An Weihnachten 2018 sieht man ihn in der Heimat bei Aachen, wie er voller Freude seine Schwester besucht.

Es endet im Streit. S. stellt Fotos seiner Neffen und Nichten online, tut auf Dating-Portalen so, als seien es seine Kinder. Die Schwester schmeißt Michael S. raus.

„Als ich gehört habe, dass er zur Schwester wollte, dachte ich: Das ist der Anfang vom Ende“, sagt der Pfarrer später im Prozess.

„Es war klar, dass er mit der Freiheit nicht umgehen kann, dass er Schiffbruch erleiden würde“, sagt der Psychologe, der ihn im Dezember zum ersten und einzigen Mal sah. „Ich dachte an Drogen, nicht, dass etwas Schlimmes passiert“, sagt die Anstaltspsychologin im Rückblick.

Anfang Januar 2019 ist Michael S. alleine mit einer grauhaarigen Frau. Er spielt an seinen Genitalien, komm rutsch doch rüber zu mir. Sie steht auf, weist ihn zurück. Er geht.

In der Nacht vom 8. auf 9. Januar 2019 wird eine 72-Jährige in ihrem Haus in Ergste umgebracht. Der Täter scheitert daran, die Leiche komplett zu verbrennen. In mehreren Räumen und Stockwerken findet man Michael S.‘ DNA - auch an der Unterhose. Nach der Tat wird im Haus „Porno Oma“ gegooglet.

Warum gerade sie? Warum diese Frau, die zwar 72 war, aber nicht grauhaarig und die auch viel jünger wirkte, wie ihre Freunde sagen? Nach einem Prozess, in dem der Angeklagte schweigt, gibt es keine Antwort. Und nach alldem, was Zeugen, Freunde, Nachbarn sagen, ist es sehr wahrscheinlich, dass es keine Täter-Opfer-Beziehung gab.

Wie schon 1990. Vielleicht ist das das fehlende Puzzleteil, das allen gefehlt hat, um das Bild früher zu erkennen.

zwei Prozesstage folgen

Noch ein Zeuge, dann Plädoyers - und ein Urteil

Noch zwei Prozesstage stehen an: Am Montag, 30. September, ab 9 Uhr will das Gericht einen letzten Zeugen hören, bevor die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger folgen. Am Donnerstag, 10. Oktober, ebenfalls ab 9 Uhr folgt das Urteil.
Lesen Sie jetzt