Der verschollene Bürgermeisterstuhl von 1914 soll wieder ins Rathaus zurückkehren

hzSensationeller Fund

Als vor über 100 Jahren das Rathaus gebaut wurde, erhielt der Bürgermeister einen repräsentativen Stuhl. Nach dem Krieg wollte die Stadt ihn zerhacken lassen. Aber er wurde versteckt.

Westhofen

, 07.09.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nur das Lederpolster ist im Laufe der Jahrzehnte verlustig gegangen. So weich wie Bürgermeister Emil Rohrmann, der 1914 den Rathaus-Neubau einweihte, würde sein aktueller Nachfolger nicht auf dem repräsentativen Eichenstuhl thronen können. Die spitzen Sprungfedern schauen aus dem schweren Holzrahmen frei hervor. Doch das soll sich ändern, bis sich der Bürgermeister-Stellvertreter Jürgen Paul (70, CDU) im nächsten Jahr aus seinen politischen Ämtern zurückzieht. Als Abschiedsgeschenk möchte er dem Rathaus das restaurierte Möbelstück zurückgeben, das die Stadtverwaltung in den 1950-er Jahren auf den Sperrmüll werfen lassen wollte - bloß weil das Leder abgewetzt war.

Städtischer Schreiner mochte den historischen Sitz nicht zerhacken

Es war ein Glücksfall, dass ein damaliger städtischer Schreiner es nicht über das Herz brachte, den historischen Bürgermeistersitz zu zerhacken. Er erkannte den Wert des Stuhls, der aus der originalen Erstausstattung des Ratssaals von 1914 stammte. Möglicherweise hatte bei der Gestaltung sogar der Erbauer des Rathauses, Carl H. J. Schmitz, seine Finger im Spiel. Die Würde des Bürgermeisters unterstrich die hochgezogene Rückenlehne, die den Sitzgelegenheiten der Stadtverordneten fehlten. Ein zeitgenössisches Foto in einem Sonderdruck, der für die Arbeiten des im Dortmunder Bürohaus „Grävinghof“ residierenden Architekten warb, zeigt sie in Hufeisenform aufgestellt. Hergestellt wurde die Inneneinrichtung - so verrät die Bildunterschrift - von einer Möbelfabrik Landmann in Hamm.

Der verschollene Bürgermeisterstuhl von 1914 soll wieder ins Rathaus zurückkehren

Kunstvoll in blaugefärbtes Leder geprägt ist das Stadtwappen aus dem Rückenlehnen-Polster. Mit dem Rahmen aus drei Türmen gleicht es genau dem Wappen, das über dem Rathauseingang eingemeißelt ist. © Reinhard Schmitz

Doch wie tauchte der Stuhl jetzt bei Jürgen Paul auf? Nun, auf verschlungenen Wegen mussten weitere Glücksfälle passieren. Der Kraftfahrzeugmeister Bela Joó, der am Holzweg in Westhofen eine Autowerkstatt betreibt, lernte über dessen Tochter den Rathaus-Schreiner kennen. Kurz vor seinem Tode schenkte der ihm das Sitzmöbel, weil er dessen Freude an Antikem kannte. Joó dachte aber: „Der Stuhl gehört entweder ins Museum oder der Stadt Schwerte.“ Am Rande des ungarischen Tages, den der Wandhofener Stefan Simon im Vorjahr am Postplatz organisierte, sprach er darüber mit Jürgen Paul.

Stadtwappen soll zurück ins Rückenlehnen-Polster

Der Bürgermeister-Stellvertreter war sofort Feuer und Flamme, möchte den wertvollen Stuhl bei den Restaurierungs-Spezialisten der Firma Mulorz im alten Eisenbahn-Ausbesserungswerk wieder aufmöbeln lassen. Für diese Arbeit ist noch eine besondere Zierde erhalten: Ein kunstvoll in blaugefärbtes Leder geprägtes Stadtwappen, ein Rest des früheren Bezugs der Rückenlehne. Gekrönt wird es von einem Rahmen mit einer dreitürmigen Stadtmauer, genauso wie es in der Fassade über dem Rathauseingang eingemeißelt ist. Corporate Design gab es schon 1914.

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