Mama arbeitet, das Kind klettert: Je länger der Lockdown dauert, desto mehr zerrt er an den Nerven. Was kann man tun, um dieselbigen zu behalten? Wir haben mit einer Paar- und Familientherapeutin gesprochen. © picture alliance/dpa
Familientherapeutin gibt Tipps

Die drei schrecklichen H: Homeschooling, Homeoffice, Haushalt – Wie schafft man das als Familie?

Wie erkläre ich meinem Kind, was Corona ist? Wie schaffe ich den Spagat zwischen Homeschooling und Homeoffice? Und wie schafft man es als Familie, in der Krise schöne Momente zu entdecken?

Spätestens seit den Bund-Länder-Beschlüssen vom Dienstag (23.3.) ist klar: Auch das Osterfest werden Familien im Lockdown verbringen. Annette Feller hat eine Praxis für Paarberatung, Familienberatung und Lebensberatung in Schwerte. Sie ist selbst Mutter von zwei Söhnen. Sie sagt: „Langsam ist der Frust groß.“ Und sie gibt Tipps, wie man dem Corona-Frust begegnen kann.

„Ist Papa arbeitslos?“ Mit Kindern muss man reden

Plötzlich fing die vierjährige Tochter abends im Bett an zu weinen, wie eine von Annette Fellers Klientinnen kürzlich erzählte. Was denn los sei, fragte die Mama. „Der Papa geht morgens nicht mehr zur Arbeit. Ist er arbeitslos?“

Papa hat seinen Job nicht verloren, sondern arbeitet im Homeoffice. Das Beispiel zeige, wie groß die Fantasie der Kinder sei. „Sobald Kinder sprechen können, sollte man versuchen, mit ihnen über das Thema Corona zu reden“, sagt die 46-jährige Diplom-Sozialpädagogin.

Dabei sei es wichtig, einerseits sachlich und ehrlich zu bleiben, und auf der anderen Seite eigene Ängste nicht zu dramatisieren oder Schuldgefühle zu wecken. „Es gibt kein Patentrezept. Jeder muss einschätzen, was er seinem Kind zumuten kann.“

Jeder kann etwas tun: Der Hilflosigkeit begegnen

Gerade kleinere Kinder erlebten zurzeit gravierende Einschränkungen. Beim Einkaufen oder in der Kita sehen sie andere Menschen fast nur mit Mundschutz. Sie sollen Abstand halten, ihre Freunde nicht mehr treffen. Der Kindergeburtstag kann nicht gefeiert werden wie früher.

Ein Küsschen für Papa: Viele Kinder sehen andere Kinder und Erwachsene zurzeit nur mit Maske. Das stresst.
Ein Küsschen für Papa: Viele Kinder sehen andere Kinder und Erwachsene zurzeit nur mit Maske. Das stresst. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

„Man muss auch erklären, warum diese Dinge nötig sind“, erklärt die Expertin. So könne es helfen, wenn man sagt, dass jeder seinen kleinen Beitrag leiste: mit Abstand, Masken und Händewaschen zum Beispiel. „So hat das Kind das Gefühl, dass es selbst etwas tun kann.“

„Kann ich mich verabreden?“ Wenn Eltern sich nicht einig sind

Impfen, Reisen, Treffen mit der Familie – jeder dieser Punkte beinhaltet Konfliktpotential. Während er es mit den Corona-Regeln nicht so genau nimmt, möchte sie am liebsten die Kontakte einschränken – oder umgekehrt. Streit ist vorprogrammiert.

„Wie bei anderen alltäglichen Dingen ist es wichtig, sich zu informieren und miteinander zu sprechen“, sagt Annette Feller. Die Kontaktbeschränkungen seien ja durchaus wissenschaftlich begründet. „Oft muss man Kompromisse finden.“

Bei Corona-Regeln sei das natürlich schwer. „Hier appelliere ich an die gesellschaftliche Verantwortung. Auch wenn jemand möglicherweise nicht ganz dahintersteht.“

Annette Feller (46):
Annette Feller (46): „Viele Paare und Familien sind gerade am Limit.“ © Feller © Feller

Ganz kompliziert sei es, wenn getrennte Partner sich nicht einigen können – die Mutter zum Beispiel das Treffen mit Freunden erlaubt, der Vater hingegen nicht. „Für das Kind ist das schwierig – die ganze Situation wird infrage gestellt“, mahnt die Therapeutin. „Man muss vernünftig sein und private Dinge beiseite schieben, auch wenn es nicht einfach ist.“

Die drei schrecklichen H: Homeschooling, Homeoffice, Haushalt

Die Videokonferenz läuft, die Tochter braucht Hilfe bei den Matheaufgaben, der Sohn hat Hunger: Viele Elternteile leiden an der Mehrfachbelastung, die die Pandemie mit sich bringt.

Arbeiten, spielen, kochen: Nicht alles geht gleichzeitig. Daran verzweifeln viele Eltern.
Arbeiten, spielen, kochen: Nicht alles geht gleichzeitig. Daran verzweifeln viele Eltern. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Und die Angst ist da: „Was macht das mit meinem Kind, wenn ich mich zehnteilen muss? Wenn es merkt, wie überfordert ich gerade bin?“ Annette Feller hat selbst Zwillingssöhne im Alter von elf Jahren. „Ich kann das sehr gut nachvollziehen“, sagt sie.

„Kinder dürfen aber ruhig auch mal merken, dass ich an meine Grenzen komme. Das darf sein, das ist normal.“ Trotzdem sei es wichtig, auch im Stress verständnisvoll zu bleiben. „Manchmal hilft es, zu sagen: Ich verstehe, dass du traurig bist.“

Eis und ein Spaziergang: Das Schöne in den Alltag holen

Um dem stressigen Alltag zu entfliehen, kann es helfen, sich kurze Rituale einzubauen. „Wir gehen mittags gern zusammen mit dem Hund spazieren“, nennt die Therapeutin ein Beispiel.

Auch ein gemeinsames Mittagessen könne helfen, Struktur in den Tag zu bringen und zwischendurch „runterzukommen“. Beim Kochen könnten sich die Eltern abwechseln, wenn es die berufliche Situation möglich macht.

Na klar, Süßigkeiten sind Nervennahrung. Ein Spaziergang zum Bäcker bringt zusätzlich eine kurze Auszeit vom Stress.
Na klar, Süßigkeiten sind Nervennahrung. Ein Spaziergang zum Bäcker bringt zusätzlich eine kurze Auszeit vom Stress. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Und auch wenn manche das kritisch sehen, empfiehlt Annette Feller, die üblichen Regeln ruhig etwas schleifen zu lassen. „Dann gibt es eben mal ein Eis mehr, oder man erlaubt zehn Minuten länger am iPad.“

Kein Babysitter, keine Oma – trotzdem ist Zweisamkeit wichtig

Corona strapaziert nicht nur das Familienleben – es sorgt auch für Beziehungsprobleme. „Wir kümmern uns um alles, verlieren uns aber als Paar dabei“, erzählt die Therapeutin.

Doch was kann man tun, wenn der Tag kaum Zeit lässt für Gemeinsamkeit? „Es hört sich komisch an – aber so wie man normalerweise den Sport für die Kinder organisiert, kann man auch Zweisamkeit organisieren. Und sich verabreden – zum Spaziergang um den Block zum Beispiel.“

Auch Kindern könne man vermitteln, dass die Eltern zwischendurch Zeit für sich bräuchten. „Selbst wenn man sich nur mit einem Glas Wein gemeinsam auf die Terrasse setzt, hilft das schon. Man muss es aber auch machen.“

Mehr Zeit mit der Familie – Schönes entdecken

Das Coronavirus schönreden – das will Annette Feller nicht. Aber sie glaubt, dass man aus der Krise auch positive Erfahrungen ziehen kann. „Der Blick wird geschärft. Man bekommt ein neues Gespür dafür, dass Dinge wie Reisen, Partys mit Freunden oder Shoppen nicht selbstverständlich sind.“

Auch wenn es Menschen gibt, die Toilettenpapier hamstern – genauso gibt es Nachbarn, die für Senioren mit einkaufen gehen.

Und bei allem Stress zu Hause gibt es auch Familien, die sich über die gewonnene gemeinsame Zeit freuen. Annette Feller sagt: „Man muss sich das Schöne immer wieder bewusst machen. Dann sind die schlechten Seiten nicht so erdrückend.“

Paar- und Familientherapeutin Annette Feller

  • Die Diplom-Pädagogin berät in ihrer Praxis in Schwerte Einzelpersonen, Paare und Familien, bei denen allgemeine Sorgen, belastende Erfahrungen, Beziehungskrisen und/oder Familienprobleme den Alltag erschweren.
  • „Es ist wichtig, Dinge an- und auszusprechen“, sagt die 46-Jährige. Jeder komme mal an seine Grenzen. „Aber nicht jeder kann gleich gut damit umgehen.“ Dann solle man auch bereit sein, sich Hilfe zu holen.
  • Über die Mailadresse annettefeller@t-online.de kann man die Therapeutin erreichen.
Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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