Vieles aus der 35-jährigen Geschichte der Sterbe- und Trauerbegleitung „Die Brücke" erfährt die 2. Vereins-Vorsitzende Ilse Colombo (l.) von der Ehrenvorsitzenden und Mitgründerin Antje Drescher (r.). © Reinhard Schmitz
35 Jahre „Die Brücke“

Ein Leben auf Abruf, wenn irgendwo der Tod anklopft

Vor 35 Jahren war Antje Drescher die erste Aktive, als sie die Sterbebegleitung „Die Brücke“ gründete. Das Interesse entstand als i-Dötzchen – durch einen traurigen Vorfall in der Schule.

Wenn er vergeblich an der Wohnungstür klingelte, war dem Enkel sofort klar: „Die Oma ist weg. Da stirbt wieder jemand.“ Stets einsatzbereit, wenn ein Mensch kurz vor dem Ende seines Lebens nicht allein sein durfte, war Antje Drescher fast 35 Jahre lang. Die Sterbe- und Trauerbegleitung „Die Brücke“, deren Vorsitz sie erst vor einem Jahr aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste, ist ihr Lebenswerk.

Als i-Dötzchen hatte sie die erste Begegnung mit dem Tod

Wie kommt man dazu, sich freiwillig immer wieder mit einem Thema auseinanderzusetzen, das die meisten ganz weit wegschieben? Vermutlich war es ein Erlebnis aus dem ersten Schuljahr, das Antje Dreschers Weg bestimmen sollte.

Eine Klassenkameradin war krank, irgendwann kam sie nicht mehr zum Unterricht. „Die Lehrerin sagte: Die ist jetzt im Himmel“, berichtet die heute 77-Jährige. Sie verstand damals nicht, was gemeint war. Abends stand sie am Fenster und schaute zu den Wolken hinauf. Da sollte das Mädchen hochgeklettert sein?

Ein Bild aus den Anfangsjahren des Vereins „Die Brücke
Ein Bild aus den Anfangsjahren des Vereins „Die Brücke”, zu deren Mitgründern Antje Drescher (r.) zählt. © Antje Drescher © Antje Drescher

„Die Lehrerin hatte vorbeigeredet an dem Thema“, weiß Antje Drescher heute. Unbewusst muss ihr schon als Sechsjährige klar gewesen sein, dass Verdrängen nicht der richtige Weg war, mit dem Sterben umzugehen. Das sollte sich ändern. Die Aufforderung, selbst etwas dafür zu tun, spürte sie später als junge Handballerin.

Als Tormaschine beim ETV Hamburg – Ehemann Ottomar Drescher nennt sie „Lewandowski des Handballs“ – errang sie 1963 die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft, die Medaille hütet sie bis heute. Doch für den weiteren Lebensweg prägender war ein trauriges Erlebnis: Eine Mitspielerin wurde von der Straßenbahn überfahren. Da kam der Gedanke wieder hoch: „Du wolltest immer was zum Thema Sterben machen.“

Keimzelle war 1986 die Gruppe „Zuhause sterben“

Inzwischen ihrem Ehemann aus beruflichen Gründen zum Sommerberg gefolgt und bei Borussia Dortmund in der 2. Bundesliga aktiv, traf Antje Drescher in Schwerte auf jemanden mit ähnlichen Überlegungen. „Ich habe Pfarrer Dieter Wentzek kennengelernt, der auch Interesse daran hatte: Was machen wir mit Sterbenden?“, erinnert sie sich.

1986 gründeten die beiden die Gruppe „Zuhause sterben“, die sich einmal im Monat traf. Ihr Ziel war es, niemanden in seinen letzten Momenten alleine zu lassen. Jeder sollte in dieser Situation die Möglichkeit haben, dass auf einen Anruf hin ein Sterbebegleiter kommt. Im Altenheim oder Krankenhaus gab es da keine Berührungsängste, zu Hause aber schon: „Es gab lange eine Scheu, weil die Nachbarn sagen könnten: Die lassen den Sterbenden von Fremden betreuen.“

Seminare auf Juist gab es regelmäßig bis zur Corona-Zeit

Die kleine Gruppe wuchs. Vor allem waren es Mitarbeiter aus dem Krankenhaus, die sich in den Dienst der ehrenamtlichen Sache stellen wollten. Bei ersten Seminaren auf Juist – die wurden bis zur Corona-Zeit regelmäßig wiederholt – verarbeitete man das Erlebte und bereitete sich auf die weitere Arbeit vor.

„Alle sagten, es ist traurig, man muss weinen. Aber es bereichert mein Leben“, berichtet Antje Drescher. Weil man spürte, dass ein Mensch nicht in Einsamkeit sterben musste. Oder auch, wenn man dem zurückbleibenden, längst grauhaarigen Partner trostspendend sagen konnte: „Du darfst dich wieder verlieben.“

Zweimal im Jahr erhalten die Vereinsmitglieder den gedruckten „Brücke-Brief
Zweimal im Jahr erhalten die Vereinsmitglieder den gedruckten „Brücke-Brief”, der viele Berichte aus der Arbeit in der Sterbe- und Trauerbegleitung enthält. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Aus anderer Perspektive lernte Ilse Colombo, heute 2. Vorsitzende der Brücke, diese Arbeit schätzen. Bei einer Schicht als Altenpflegerin im Klara-Röhrscheidt-Haus bemerkte sie einmal, dass eine Bewohnerin im Sterben lag. Nachdem die Frau einverstanden war, wählte sie die Telefonnummer von Antje Drescher: „Eine halbe Stunde später war sie da.“ Für das Personal bedeutete dieser Einsatz eine große Entlastung, konnte man doch die Arbeit bei den übrigen Bewohnern weitermachen, die weiter versorgt werden wollten.

Grundsatz: Mit Begleitung von Sterbenden kein Geld verdienen

Allein mit ihrem Anliegen waren Antje Drescher und ihre Mitstreiter in Deutschland schon lange nicht mehr. Andernorts entstanden ähnliche Initiativen, sodass sich die Schwerter der bundesweiten Vereinigung Omega anschlossen. Dieses Bündnis zerbrach aber schon 1999 wieder.

Denn für Antje Drescher stand in Stein gemeißelt der Grundsatz: „Ich möchte mit der Begleitung eines Sterbenden kein Geld verdienen.“ Anderswo mochte man das anders sehen. Doch in Schwerte sollte alles ehrenamtlich bleiben – höchstens mit Fahrgeld-Erstattung, wenn Helfer beispielsweise nach Iserlohn gerufen wurden.

Es kam zum Austritt aus Omega, aber man blieb zusammen. Kurz darauf wurde am 9. Februar 2000 der Verein „Die Brücke“ gegründet. „Mit denselben Menschen“, wie Antje Drescher berichtet. Mittlerweile gibt es 147 Mitglieder, davon rund 30 Aktive.

Die Gründerin hat ein treffsicheres Gespür dafür entwickelt, wer für den ehrenamtlichen Dienst geeignet ist. Um sich weiterzubilden, finden normalerweise zweimal im Monat Veranstaltungen mit Dozenten statt. Dabei geht es auch darum, Feingefühl zu entwickeln.

Mittlerweile ist die Arbeit – außer im Krankenhaus – wieder möglich

Das alles ist im Moment wegen der Corona-Krise nicht möglich. Untätig ist man trotzdem nicht. „Wir machen andere Sachen“, sagt Ilse Colombo. So wurden Corona-Masken genäht und Eingangskontrollen im Johannes-Mergenthaler-Haus übernommen. In den Altenheimen und in den Wohnungen kann mittlerweile aber wieder Sterbebegleitung geleistet werden: „Nur im Krankenhaus ist es noch nicht möglich.“

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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