Draußen Schüsse und Granaten. Im Keller an der Kuhstraße erlebte Friedhelm Arno Berthold, wie der Zweite Weltkriegs in Schwerte zu Ende ging. Vor 75 Jahren nahmen Amerikaner die Stadt ein.

Schwerte

, 26.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Keine Angst mehr vor den Angriffen der anglo-amerikanischen Bomberstaffeln. Keine Angst mehr vor Tieffliegern, die auf alles schossen, was sich bewegte. Nach zehn Tagen und Nächten, die sie zusammengekauert im Luftschutzkeller des Backsteinhauses an der Kuhstraße 7 überstanden hatten, konnten die sechs Familien endlich wieder ans Tageslicht kriechen.

Der Zweite Weltkrieg war für Schwerte vor 75 Jahren vorbei. Am frühen Morgen des 13. April 1945 waren amerikanische Truppen, vom Freischütz herunterkommend, in die Stadt einmarschiert.

Friedhelm Arno Berthold (87) ist einer der letzten Zeitzeugen

„Es war vielleicht morgens um 5 oder 6 Uhr, als mein Vater alle weckte und sagte: Sie sind da“, erzählt der 87-jährige Friedhelm Arno Berthold, einer der letzten Zeitzeugen. Mit fünf weiteren Kindern war er unter den Menschen, die der dauernde Fliegeralarm in den Keller an der Kuhstraße getrieben hatte.

Von weit her, aus Richtung Ruhrgebiet, war auch schon tagelang das Grollen der Geschütze zu vernehmen gewesen. An Schule war längst nicht mehr zu denken. „Der Unterricht war schon seit einigen Wochen beendet“, erinnert sich der damals zwölfjährige Gymnasiast.

Die Jahre der Fliegerangriffe waren endlich vorbei. Ein Trümmerfeld war der Bahnhofsvorplatz nach dem Bombardement vom 31. Mai 1944 gewesen, bei dem in Schwerte mehr als 300 Menschen getötet wurden.

Die Jahre der Fliegerangriffe waren endlich vorbei. Ein Trümmerfeld war der Bahnhofsvorplatz nach dem Bombardement vom 31. Mai 1944 gewesen, bei dem in Schwerte mehr als 300 Menschen getötet wurden. © Reinhard Schmitz (Repro)

Sein Vater war der einzige Mann im Keller. Er hatte als Soldat schon den Ersten Weltkrieg miterlebt und wagte sich in der entscheidenden Nacht hin und wieder nach oben.

Viel zu erspähen war dort aber auch nicht, weil die ganze Stadt verdunkelt war, um den Angreifern bloß kein Ziel zu bieten. Umso mehr spitzte er die Ohren. „Ich höre keine genagelten Stiefel mehr - ich höre nur noch Gummisohlen“, sagte er, als er die anderen aus dem Schlaf riss.

Statt deutscher Soldaten mussten es also Amerikaner sein, die über die Straßen marschierten.

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Drei Stunden verharrte die Gruppe noch, bevor man den Mut fasste, den Keller zu verlassen. Die größte Sorge waren die eigenen Truppen, berichtet Friedhelm Arno Berthold: „Man musste aufpassen, dass die Deutschen nicht vom anderen Ruhrufer aus auf uns schießen.“

Friedhelm Arno Berthold erlebte als Zwölfjähriger in einem Keller an der Kuhstraße den Einmarsch der amerikanischen Truppen in Schwerte.

Friedhelm Arno Berthold erlebte als Zwölfjähriger in einem Keller an der Kuhstraße den Einmarsch der amerikanischen Truppen in Schwerte. © Manuela Schwerte (A)

Nach dem Frühstück durften die Kinder aber trotzdem nach draußen. Fast direkt vor dem Haus, auf der Kreuzung Goethe-/Kuhstraße, habe ein großer Panzer gestanden. Und auf der südlichen Seite der Karl-Gerharts-Straße wurden vier oder fünf Platanen abgehackt, um einen Mörser in Stellung zu bringen.

Auf den Thüner Wiesen in Ergste wurden die geschlagenen deutschen Truppen gefangen genommen.

Auf den Thüner Wiesen in Ergste wurden die geschlagenen deutschen Truppen gefangen genommen. © Ralf Blank

Und mittendrin die neugierigen Kinder. „Dass unsere Eltern uns nicht zurückgehalten haben“, wundert sich Friedhelm Arno Berthold noch heute. Aber die amerikanischen Soldaten waren freundlich: „Wir kriegten Schokolade und Kaugummi.“ Die Kinder versuchten, beides zu essen. Denn Kaugummi kannten sie bis dahin nicht.

Als sie gegen 10 Uhr wieder nach Hause gingen, erblickten sie auf der Straße plötzlich einen älteren deutschen Offizier - unverkennbar mit seinem Uniformmantel, Pistole und einer hellen Ledertasche. „Herr Offizier, die Amerikaner sind hier. Werfen Sie die Tasche weg“, versuchte Bertholds Vater noch zu warnen. Doch der Angesprochene hörte nicht auf ihn, sondern erst auf das Kommando von US-Soldaten: „Hands up.“ Die nahmen ihm dann alles ab, bedauert Friedhelm Arno Berthold: „Sonst hätten wir die schöne Tasche gehabt.“

Kinder hielten Tee mit Milch und Zucker für ihren ersten Kakao

„Das sind meine Erinnerungen an die ersten Stunden nach der Befreiung“, sagt der heute 87-Jährige. Wenig später seien die Engländer gekommen, die auf dem Pausenhof der früheren Friedrich-Kayser-Schule an der Kuhstraße (heute Volksbank-Gelände) eine Reparatur-Werkstatt für Panzer eingerichtet hätten: „Die waren nicht so freundlich wie die Amerikaner.“ Aber einer von ihnen habe die Kinder in kindgerechtem Englisch gefragt: „Want you tea?“ Auf ihr Nicken hin schenkte er in Blechbecher ein.

Zu Hause erzählte man dann der Mutter stolz: „Ich habe Kakao getrunken.“ Doch das war in Wirklichkeit bloß Tee mit Milch und Zucker gewesen. Diese Mischung kannten die deutschen Kinder auch nicht.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden englische Soldaten in Schwerter Häusern einquartiert. Einer von ihnen ritt mit seinem Pferd durch die Hüsingstraße.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden englische Soldaten in Schwerter Häusern einquartiert. Einer von ihnen, Dennis Colton, ritt mit seinem Pferd durch die Hüsingstraße. © Reinhard Schmitz (Repro)

Ein schreckliches Erlebnis wartete am nächsten Morgen auf Friedhelm Arno Berthold und seine Freunde. Über die damalige Hörder Straße (heute Rathausstraße) gingen sie in Richtung Post, als sie vor einer Metzgerei ein weißes Tuch zwischen den Bäumen liegen sahen: „Wir haben es hochgehoben: Da war eine Leiche drunter.“

Wie man später erfuhr, sei es eine Frau aus dem Klusenweg gewesen, die sich vor dem Laden um Wurstebrühe anstellen wollte. Sie war schwerhörig und hatte nicht reagiert, als ein Amerikaner sie zum Stehenbleiben aufforderte.

Durch den Schlitz der Küchentür schob sich eine Gewehrmündung

Ein anderer Zeitzeuge, Alfred Hintz, damals sieben Jahre, hatte zum Glück Comics gelesen. „Daraus kannten wir, wie Soldaten sich ergeben“, berichtet er. Mit erhobenen Armen traten er und sein Opa den US-Truppen entgegen, die an den Wänden entlang schlichen und die Häuser am Markt durchsuchten. „Das Erste, was ich von den Amerikanern gesehen habe, war eine Gewehrmündung durch den Schlitz der Küchentür“, erzählt der 82-Jährige, der damals über dem Schuhhaus Hanna wohnte. Später hätten sie die weiße Fahne über dem Rathaus gehisst und die Uhr in dem Türmchen angehalten - als Symbol für den Anbruch einer neuen Zeit.

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Auf der Rathaustreppe wurden - wie Friedhelm Arno Berthold beobachtete - unterdessen von zwei Hilfpolizisten die Kolben von deutschen Gewehren abgeschlagen. Sie wurden genauso zerstört wie konfiszierte Fotoapparate und Radios. Die Geräte sollten nicht mehr die NS-Propaganda empfangen, die Kinder immer noch als Werwölfe zu einem Untergrundkampf verleiten wollte.

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