Beate Ziehe (51) und ihre Tochter Maira: Die Dreizehnjährige besucht die Schule „Am Marsbruch“. Dort gab es jetzt Aufregung wegen der Corona-Tests. © Ziehe
Schnelltests

Eltern empört: Müssen behinderte Kinder nach der Schule ins Testzentrum?

Die Testpflicht ist da: Zweimal wöchentlich müssen Kinder sich in der Schule selbstständig testen. Kinder mit Behinderungen brauchen dabei Hilfe – daran hat aber niemand gedacht.

Kirsten Schneider aus Schwerte und Beate Ziehe aus Dortmund trauten ihren Augen nicht, als sie vor wenigen Tagen die E-Mail ihrer Schule bekamen. Weil wöchentliche Schnelltests verpflichtend sind, ergab sich ein riesiges Problem.

Kirsten Schneiders Tochter Nina ist vor fünfzehn Jahren viel zu früh auf die Welt gekommen – und seitdem schwerstmehrfachbehindert, genauso wie Beate Ziehes mittlerweile dreizehnjährige Tochter Maira. Beide Mädchen besuchen mit 200 weiteren Kindern aus dem gesamten Kreis Unna die LWL-Förderschule „Am Marsbruch“ in Dortmund-Aplerbeck.

Das medizinische Personal darf nicht helfen

Von dort hatten die Eltern jetzt die Info bekommen: Wer nicht getestet ist oder den Test selbst durchführen kann, darf nicht zur Schule kommen. Die Lehrerinnen und Lehrer dürfen Tests laut Vorgabe des Schulministeriums nur pädagogisch begleiten. „Das medizinische Personal, das die Kinder dort regelmäßig betreut, darf aber auch nicht beim Testen helfen“, stand in der E-Mail. Offenbar gab es Haftungsprobleme.

Ein Schüler führt einen Corona-Schnelltest durch. An der Förderschule am Marsbruch können die Kinder das nicht.
Ein Schüler führt einen Corona-Schnelltest durch. An der Förderschule am Marsbruch können die Kinder das nicht. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Die Eltern waren entsetzt. „An Mairas Schule kann man die Kinder, die sich selbst testen können, an einer Hand abzählen“, sagt Beate Ziehe (51), die Schulpflegschaftsvorsitzende ist. Mehr als die Hälfte der Schüler dort habe schwere Behinderungen.

Nach der Schule mit dem Bus zum Testzentrum?

Die Anweisung des Schulministeriums besagt, dass sich Kinder in diesem Fall zweimal wöchentlich in einem Testzentrum testen lassen müssen. „Das kann und muss man nicht verstehen“, sagt Beate Ziehe. „Der Schultag geht bis 17 Uhr, danach sind die Kinder geschafft.“

Das sieht auch Kirsten Schneider so. Ihre Tochter wird nach dem Schultag eine Stunde gepflegt; Nina wird über eine Sonde ernährt. „Danach sollen wir noch zum Testzentrum fahren? Das funktioniert nicht“, sagt die 44-jährige Schwerterin. „Außerdem hat nicht jeder ein Auto, mit dem er zum Testzentrum fahren kann.“

Und im Bus hätten die Kinder, die aufgrund ihrer Behinderung oft keine Maske tragen könnten, ein hohes Ansteckungsrisiko. „Jede Infektion ist gefährlich“, sagt Beate Ziehe.

Tests für zu Hause darf die Schule nicht verteilen

Bei Schulleiterin Mechthild Miketta war am Donnerstag (15.4.) dauerbesetzt – weil sie so viele besorgte Anrufe von Eltern bekam. „Die Durchführung der Testung ist vom Schulministerium einfach nicht deutlich geregelt“, erklärte die 64-Jährige später. Auch sie konnte nicht verstehen, dass das medizinische Fachpersonal nicht testen darf. „Eine Alternative wären kostenlose Tests, die die Eltern zu Hause durchführen.“

Das erlaubt das Ministerium durchaus. Doch hier offenbart sich ein praktisches Problem: „Ich hätte den Eltern gern Tests für zu Hause zur Verfügung gestellt“, sagt die Schulleiterin. Doch diese Tests werden in Zehner- und Zwanzigerpacks geliefert. „Sie dürfen aus hygienischen Gründen nicht einzeln ausgegeben werden.“

Mechthild Miketta leitet die Schule am Marsbruch. Sie sagt: „Ich würde den Eltern gern Tests mit nach Hause geben.“
Mechthild Miketta leitet die Schule am Marsbruch. Sie sagt: „Ich würde den Eltern gern Tests mit nach Hause geben.“ © Miketta © Miketta

Zudem gebe es für die jeweiligen Testpakete immer nur ein großes Fläschchen mit der sogenannten Pufferlösung. „Schon aus diesem Grund können die Tests nicht an die Eltern verteilt werden“, beklagt Mechthild Miketta.

Tests kaufen? Das kann nicht jeder

Manche Eltern hatten in ihrer Verzweiflung damit begonnen, eigene Tests zu kaufen. Doch langfristig sei das eine finanzielle Frage. „Hier gibt es viele Familien, die sich das nicht leisten können. Und wir Eltern sehen außerdem nicht ein, dass wir die Tests selbst zahlen“, sagt Beate Ziehe.

Kirsten Schneider aus Schwerte versteht die Welt nicht mehr. „Das medizinische Personal, das unsere Kinder gut kennt, darf nicht testen. Aber wenn ich mit Nina zum Testzentrum im Freischütz in Schwerte fahre, dann darf eine Gastronomie-Mitarbeiterin mit entsprechender Schulung mein Kind testen?“

Mechthild Miketta wünscht sich fachkundiges Personal, das für die Tests bereitgestellt wird. „Ich nehme auch Bundeswehrsoldaten. Ich brauche einfach eine festgelegte Ressource.“

Haftung nicht eindeutig geklärt?

Beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der neben der Schule am Marsbruch noch viele weitere Förderschulen in Trägerschaft hat, hatte man der Schulleiterin bisher erklärt, dass die Haftung für die Mitarbeiter in der Anweisung des Schulministeriums nicht eindeutig geklärt sei.

Dem Träger macht Mechthild Miketta keinen Vorwurf; vielmehr fordert sie: „Das Ministerium muss da nachbessern und das Versäumnis umgehend nachholen. Das Problem gibt es doch nicht erst jetzt.“

Die LWL-Förderschule am Marsbruch hat viele Kinder, die schwerstmehrfachbehindert sind.
Die LWL-Förderschule am Marsbruch hat viele Kinder, die schwerstmehrfachbehindert sind. © Bauerfeld (A) © Bauerfeld (A)

Erleichterung macht sich breit

Doch was sagt der Träger? LWL-Pressesprecher Thorsten Fechtner erklärte am Donnerstag auf Anfrage unserer Redaktion, man versuche, eine Lösung zu finden.

Am Freitagmittag (16.4.) folgte dann die Entwarnung: Das medizinische Fachpersonal darf jetzt doch beim Testen Hilfestellung leisten.

„Obwohl der LWL als Schulträger im Zusammenhang mit der Testung der Schülerinnen und Schüler grundsätzlich keine eigenen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten hat, werden die LWL-Beschäftigten vor Ort in den Schulen die Durchführung der Selbsttests im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten unterstützen“, teilte der Pressesprecher mit.

Der Landschaftsverband bemühe sich seit Beginn der Pandemie um „eine bestmögliche Förderung und Bildung“. Wie das konkret ab Montag (19.4.) erfolgen wird, „das wird derzeit jeweils an den einzelnen Schulstandorten abgesprochen und geklärt“.

Schulleiterin Mechthild Miketta ist erleichtert. „Man muss sich in so einer Zeit gegenseitig helfen, auch wenn nicht immer alles klar geregelt ist. Mit dieser Lösung bin ich zufrieden.“ Schulpflegschaftsvorsitzende Beate Ziehe ist ebenfalls froh über das rechtzeitige Einlenken des Schulträgers. „Das wird bei den Eltern für große Erleichterung sorgen.“

Trotzdem sagt sie: „Es wäre schön, wenn so etwas einmal vorher durchdacht würde.“ Sie fasst die Situation so zusammen: „Familien mit besonderen Kindern haben es sowieso nicht einfach. Doch in der Pandemie gehen gerade alle am Stock.“

Das NRW-Schulministerium wird auf unsere Anfrage nach eigenen Angaben bis Montag (19.4.) ebenfalls eine Stellungnahme abgeben. Wir berichten weiter.

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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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