Die Gesamtschule Gänsewinkel geht mit Eva Graß-Marx in die Zukunft. Die neue Leiterin freut sich schon auf alle: die Kinder und Jugendlichen, die Eltern und das Kollegium. © Martina Niehaus
Gesamtschule Gänsewinkel

„Eltern sind Experten für ihre Kinder“: Erstes Interview mit Gesamtschul-Leiterin Eva Graß-Marx

Sie mag Spaziergänge und Literatur. Sie liebt Kunst – und die Mathematik. Die neue Schulleiterin der Gesamtschule Gänsewinkel Eva Graß-Marx (48) sieht darin keinen Widerspruch. Ganz im Gegenteil.

Wenn man Eva Graß-Marx fragt, ob es in ihrer Schulzeit ein Fach gegeben habe, das sie gar nicht mochte, muss die 48-Jährige erst einmal überlegen. Dann stützt sie den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Hand. Mit fast entschuldigendem Lächeln gibt sie zu: „Eigentlich habe ich immer alles gern gemacht.“

Na sowas. Kann sie das wirklich ernst meinen? Je länger das Gespräch dauert, umso mehr wird klar: Sie kann. Die Leidenschaft für Schule, fürs Lernen – die steckt tief drin in der neuen Chefin der Gesamtschule Gänsewinkel.

Unterricht an der hessischen Versuchsschule

Ursprünglich kommt sie aus der hessischen Kleinstadt Bad Arolsen. Nach dem Studium in Kassel unterrichtet sie dort an einer sogenannten „Versuchsschule“ – das sind Schulen, die neue Konzepte und Modelle entwickeln. Schon 1995 unterrichtet Eva Graß-Marx nach Wochenplänen, im inklusiven Unterricht oder in Projektarbeit. „Viele dieser Dinge kommen heute zurück. Das ist für mich unheimlich schön.“

Doch in Hessen wird es zu dieser Zeit praktisch unmöglich, eine Anstellung als Lehrer in Vollzeit zu finden. Nach einer Vertretungsstelle in Koblenz bewirbt sich Eva Graß-Marx an der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Dortmund. Und lernt, dass das Ruhrgebiet schöne grüne Ecken hat. „Die Schule liegt am Volksgarten, und ich wohne sehr gern in Dortmund“, sagt sie.

Gänsewinkel-Schüler zeigen sofort, wo es langgeht

Später folgen sieben Jahre an der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule in Selm als stellvertretende Leiterin. An allen Stationen macht sie eine wichtige Erfahrung: Auf die Teamarbeit kommt es an. „Jahrgangsteams zum Beispiel, die sich regelmäßig treffen und absprechen – so etwas ist der Schlüssel zum Erfolg. Und das ist mir auch wichtig.“

Eva Graß-Marx im Büro ihres Vorgängers Jürgen Priggemeier.
Eva Graß-Marx im Büro ihres Vorgängers Jürgen Priggemeier. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Als die Schulleitungsstelle an der Gesamtschule Gänsewinkel ausgeschrieben wird, ist Eva Graß-Marx bei ihrem ersten Besuch im Frühjahr beeindruckt. „Es kamen mir Schüler auf dem Flur entgegen, die mich direkt sehr nett gefragt haben, ob sie helfen und mir das Sekretariat zeigen sollen.“

Leben in Dortmund, arbeiten an der Ruhr

Von ihrem Wohnort in Dortmund bis nach Schwerte sind es gerade einmal 19 Minuten Fahrt. Und die neue Schulleiterin freut sich, dass sie wieder in einer Stadt arbeiten kann, die an einem Fluss gelegen ist. „In Kassel habe ich direkt an der Fulda gewohnt, und auch hier an der Ruhr finde ich es richtig gut.“

Und bald wird Eva Graß-Marx ihre Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und das Kollegium richtig kennenlernen. Hier in der Ruhrstadt wird sie auch Kunst und Mathe unterrichten. Zwei sehr gegensätzliche Fächer, oder? „Ganz im Gegenteil: Mathe ist eins der kreativsten Fächer. Wer kreativ ist, findet Mathe großartig.“

Mathe soll großartig sein?

Eine gewagte Aussage, die sie erst mal näher erklären muss. Tut sie auch. „Ich schaue auf jedes einzelne Kind. Manche müssen Dinge in die Hand nehmen, andere können schon abstrahieren. Man kann in Mathe zwischen unterschiedlichsten Darstellungsstufen wählen – oder auch mal draußen etwas erläutern.“

Geboren ist sie in Hessen, sie wohnt in Dortmund - und arbeitet jetzt in der Ruhrstadt. Die neue Leiterin der Gesamtschule Gänsewinkel unterrichtet Kunst und Mathe.
Geboren ist sie in Hessen, sie wohnt in Dortmund – und arbeitet jetzt in der Ruhrstadt. Die neue Leiterin der Gesamtschule Gänsewinkel unterrichtet Kunst und Mathe. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Manches Kind brauche bei einem bestimmten Thema etwas mehr Zeit. „Das geht uns in allen Bereichen so.“ Als Mutter einer Tochter weiß sie das. Doch wenn man keinen Druck erzeuge, klappe am Ende vieles besser als gedacht. „Mathe kann ich nicht? Das gibt es eigentlich nicht“, sagt Eva Graß-Marx und lacht. „Mathe ist keine Einbahnstraße, sondern ein großes Netz.“

Wenn es mal nicht klappt, ist das kein Drama

Und im Kunstunterricht? „Hier gewinnt auch nicht immer das ,hübscheste‘ Bild. Die Kreativität siegt“, sagt die 48-Jährige. Talente seien zwar etwas Tolles und sollen gestärkt werden. „Man kann aber auch Stärken ausbilden. Und wenn eine Leistung mal nicht optimal ist, dann ist das auch kein Drama.“ Denn Schule sei ein Prozess. „Zum Lernen gehört auch dazu, dass ich nicht alles kann.“

Die gute Zusammenarbeit im Kollegium, aber auch der enge Kontakt zu Kindern und deren Eltern seien ihr sehr wichtig. „Eltern sind Experten für ihre Kinder. Ich möchte sie mit einbeziehen.“ Als Schulleiterin sei sie auch Wegbegleiterin. „Man fragt sich: Wie kann ich selbst nützlich sein?“

Sicherer Start trotz Pandemie

Zum Schulstart erhofft sich die neue Chefin trotz Corona einen sicheren Start mit Präsenzunterricht. Das soll vor allem durch gut organisiertes und regelmäßiges Testen geschehen. „Diese Schule ist digital schon sehr weit, doch die Beziehungsarbeit ist ungemein wichtig.“ Fragende Gesichter erkenne man in Videokonferenzen eben nicht so gut.

Und wenn sie trotzdem etwas Freizeit hat? Dann geht Eva Graß-Marx mit ihrer Hündin in den Ruhrwiesen spazieren. Vielleicht liest sie aber auch einen wissenschaftlichen Artikel. So wie sie gerade in den Ferien ein Buch über das neuseeländische Schulsystem gelesen hat. Sie lacht wieder. „Ich glaube, im Leben hört man einfach nie auf zu lernen.“

Und als Leiterin einer Schule gehört die Leidenschaft fürs Lernen ja auch dazu.

Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.