Henriette Kühne verlor Fotostudio in den Fluten: „Wussten, dass es nie wieder so wird, wie es war“

Freier Mitarbeiter
Zurück blieben Straßen voller Schlamm: Die Wasserfluten vernichteten vor einem Jahr den Arbeitsplatz der Schwerter Fotografin Henriette Kühne in der Innenstadt von Hagen.
Zurück blieben Straßen voller Schlamm: Die Wasserfluten vernichteten vor einem Jahr den Arbeitsplatz der Schwerter Fotografin Henriette Kühne in der Innenstadt von Hagen. © Montage Leonie Sauerland
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Sie hatte das Porträtstudio 2014 selbst mit eröffnet, sich 2017 zur Managerin und Ausbilderin hochgearbeitet. Doch von einem Tag auf den anderen stand die Schwerter Fotografin Henriette Kühne (28) vor den Trümmern ihres Traumjobs in der Rathausgalerie Hagen.

Im Handy gespeichert hat sie den folgenschweren Anruf vom 14. Juli 2021. Eigentlich ein schöner freier Tag, ein Ausgleich für den Dienst am Samstag. Doch den beendete jäh der SOS-Ruf eines Mitarbeiters. Es war kurz vor Ladenschluss, genau um 19.58 Uhr, als er hilferufend bei seiner Chefin durchklingelte: „Die haben hier den Notstand ausgerufen. Was soll ich jetzt machen?“

Die Schreckensnachricht ereilte sie an ihrem freien Tag

Für Henriette Kühne, die schon Nachrichten von den Überflutungen in Hohenlimburg mitbekommen hatte, gab es kein langes Überlegen. „Du packst jetzt deine Sachen und gehst jetzt“, sagte sie. Ein Glück. Denn der Kollege konnte sein Auto gerade noch rechtzeitig vom Parkplatz der benachbarten Volmegalerie holen und außer Gefahr bringen.

Kurz darauf schwappte eine nie gekannte Flutwelle des Flüsschens Volme in die Innenstadt von Hagen. Was war mit der Rathausgalerie? Vergeblich versuchte Henriette Kühne am selben Abend noch, einen Verantwortlichen zu kontaktieren: „Aber es war keiner zu erreichen wegen der kaputten Elektronik.“

Bis zur Decke geflutet haben die Wassermassen die Einfahrt zur Tiefgarage der Hagener Rathausgalerie.
Bis zur Decke geflutet haben die Wassermassen die Einfahrt zur Tiefgarage der Hagener Rathausgalerie. © Henriette Kühne

Also blieb nichts anderes, als sich am nächsten Morgen ins Auto zu setzen, um sich mit eigenen Augen ein Bild vor Ort zu machen. Das Wasser war schon zurückgegangen, aber die Straßen versanken im Schlamm. Parken konnte Henriette Kühne vor der Anlieferungszone des Einkaufszentrums, wo die Bundeswehr einen kleinen Bereich geräumt hatte.

Was sie sah, ließ ihr Herz fast stocken: „Das Parkhaus der Galerie stand bis zur Kellerdecke voll Wasser.“ Es habe wie ein Rückhaltebecken die Stadt Hagen gerettet, sodass nicht auch noch die komplette Fußgängerzone geflutet worden sei.

„Es sah aus wie nach dem Krieg“

Viel weiter kam man nicht. Der Weg zur Stadt war mit Sandsäcken abgesperrt. Unermüdlich wieselten dort Panzer und Rettungskräfte. „Der Geruch, das kann man nicht beschreiben“, sagt die Fotografin. „Es sah aus wie nach dem Krieg.“ Am meisten leid taten ihr die Bewohner der angrenzenden Häuser, die schon anfingen, durchnässte Sachen nach draußen zu werfen: „Die Leute hatten ihren ganzen Hausrat verloren.“

Nicht im Schlick bei Ebbe an der Nordseeküste kleben die Gummistiefel, sondern im Schlamm der überfluteten Straßen der Hagener Innenstadt.
Nicht im Schlick bei Ebbe an der Nordseeküste kleben die Gummistiefel, sondern im Schlamm der überfluteten Straßen der Hagener Innenstadt. © Henriette Kühne

Nur in Begleitung von Feuerwehrleuten durfte Henriette Kühne kurz in ihren Laden, der von der Rückseite her über eine Feuertreppe zu erreichen war. „Er sah ganz normal aus, als wäre nichts passiert“, sagt sie. „Es hat nur alles sehr feucht gerochen.“ Vermutlich transportiert durch die Lüftungen.

Das komplette Team wechselte den Arbeitgeber

Die Schwerterin hatte zwar das Glück, dass das Studio nicht ihr eigener Laden war, sondern zu einer führenden Kette gehörte: „Aber ich brauchte ein paar Tage, um zu realisieren: So schnell macht das Center nicht wieder auf.“

Nach zwei Monaten hätten Hausmeister Kameras, Computer, Blitze und Kassensysteme aus dem Geschäft geholt. Das fünfköpfige Team, das wie eine kleine Familie so perfekt harmoniert hatte, wurde als Springer auf andere Studios in Essen und Dortmund verteilt.

Berge von mitgespültem Müll und Schlamm hinterließen die Wasserfluten in der Hagener Innenstadt.
Berge von mitgespültem Müll und Schlamm hinterließen die Wasserfluten in der Hagener Innenstadt. © Henriette Kühne

„Keiner von uns ist mehr für die Kette beschäftigt“, berichtet Henriette Kühne, die noch zur stellvertretenden Bereichsleitung befördert worden war. Nach und nach seien alle gegangen: „Wir wussten, dass es nie wieder so wird wie es war.“

Sie selbst wechselte zum Jahresbeginn zur konkurrierenden Kette, wo sie als Fototrainerin für 450 Mitarbeiter und Neu-Einsteiger zuständig ist. „Ich habe Glück im Unglück gehabt“, sagt die Schwerterin. Mit ihrem ehemaligen Team bleibe sie immer freundschaftlich in Kontakt.