Mit einem großen Knall endet der Neubau der A1-Brücke über die Sölder Straße in Schwerte: Für letzte Asphaltarbeiten wird die Autobahn einspurig. Dann soll für mindestens 50 Jahre Ruhe sein.

Lichtendorf

, 10.10.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein letzter Spaziergang über die Autobahn. Wie oft hat mich Carsten Freitag, der Bauüberwacher vom Landesbetrieb Straßen NRW (Meschede), in den vergangenen drei Jahren über seine Brückenbaustelle auf der A1 geführt. Ich durfte Schritt für Schritt miterleben, wie das Bauwerk an der Sölder Straße wuchs.

Jetzt öffnet der Bauingenieur ein letztes Mal die türkise Notausgangstür in der Lärmschutzwand. In Warnwesten klettern wir über die frisch-silbrig glänzende Leitplanke. Sicher ist sicher. Denn direkt hinter dem Seitenstreifen, wo die Fräse gerade den alten Asphalt abkratzt, donnern die Lkw in Richtung Köln.

Nur getrennt durch eine Parade rot-weiß-roter Warnbaken. Die massive provisorische Absperrung mit der Betongleitwand ist schon verschwunden. In wenigen Tagen wird es auch die komplette Baustelle sein.

Das Ende der Baustelle erfordert eine Einengung auf eine Spur

„Es wird mit einem großen Knall zu Ende gehen“, sagt Carsten Freitag. In der Nacht von Samstag auf Sonntag, 10./11. Oktober, werde die Autobahn in Fahrtrichtung Köln von drei auf einen Fahrstreifen eingeengt.

Der Verkehr muss über die Standspur rollen, damit auf den Fahrspuren Flüsterasphalt aufgetragen werden kann. Die alte Decke war durch die Baumaßnahme in Mitleidenschaft gezogen worden. Daran wird ab Montag dann nichts mehr erinnern.

Außer vielleicht einer noch fehlenden Platte in der Lärmschutzwand. Die hatte ein Bagger unsanft erwischt. Sobald das Ersatzstück maßgefertigt ist, kann es aber einfach von einem Hubsteiger aus montiert werden - die mit Dämmwolle gefüllte Alukonstruktion wiegt gerade mal 20 Kilogramm.

Durch eine Rettungstür in der Lärmschutzwand geht Bauüberwacher Carsten Freitag noch einmal auf seine Baustelle auf der Autobahnbrücke Sölder Straße.

Durch eine Rettungstür in der Lärmschutzwand geht Bauüberwacher Carsten Freitag noch einmal auf seine Baustelle auf der Autobahnbrücke Sölder Straße. © Reinhard Schmitz

„Diese Brücke wird es kein zweites Mal geben: Das ist ein Unikat“, sagt der Bauüberwacher mit berechtigtem Stolz. Bauwerke wie dieses seien nicht aus Fertigteilen zusammengesetzt, sondern man versuche immer, sie den landschaftlichen Gegebenheiten anzupassen.

Der Ingenieur lobt die an der Umsetzung der Pläne beteiligten Firmen: „Die Jungs waren gut, haben gut gearbeitet.“ Sogar noch ein bisschen besser als gut, wie externe Gutachter bei der TÜV-ähnlichen Brückenprüfung bescheinigten. Ihre Bewertung ergab die Schulnote 1,5 - sehr gut.

Das neue Bauwerk soll bei guter Pflege 50 bis 80 Jahre halten

Die Autofahrer sollten jetzt lange Zeit Ruhe vor Baustellen haben an diesem Abschnitt der A1. „Wir hoffen, dass das Bauwerk 50 bis 80 Jahre hält - bei guter Pflege und regelmäßiger Kontrolle.“ Die alte Brücke, gebaut 1960 und verbreitert 1980, war schließlich den massiv gestiegenen Belastungen nicht mehr gewachsen gewesen.

Mittlerweile schieben sich in jeder Richtung täglich 120.000 Fahrzeuge über die A1 bei Schwerte. Darunter ein riesiger Anteil Lkw, deren Gesamtgewicht von den 32 Tonnen in den 1960er-Jahren auf offiziell 40 Tonnen gestiegen ist. Die geplanten XXL-Transporter würden es sogar auf 60 bis 80 Tonnen bringen - was von einer steigenden Anzahl von Schwertransporten schon heute erreicht wird.

Die alte Brücke war so beschädigt, dass ein tiefer Riss sich ganz durch den einen Meter dicken Beton der Widerlager-Wand zog. „Mit 20 Jahren tragen Sie noch locker anderthalb Kästen Bier - auch wenn ich Ihnen noch sechs Flaschen drauflege“, verdeutlicht Carsten Freitag mit einem Vergleich: „Aber mit 70 Jahren?“

Ein Unikat ist die Autobahnbrücke Sölder Straße, die Bauüberwacher Carsten Freitag und sein Team in den vergangenen drei Jahren bei laufendem Verkehr neu gebaut haben. Externe Prüfer gaben ihr die Schulnote 1,5 - sehr gut.

Ein Unikat ist die Autobahnbrücke Sölder Straße, die Bauüberwacher Carsten Freitag und sein Team in den vergangenen drei Jahren bei laufendem Verkehr neu gebaut haben. Externe Prüfer gaben ihr die Schulnote 1,5 - sehr gut. © Reinhard Schmitz

Auch wenn die Bauarbeiter abgezogen sind, wird der Bauüberwacher wohl noch bis in den Dezember in seinem Bürocontainer neben der A1 bleiben, um allen Papierkram - vor allem die Abrechnungen - abzuarbeiten. Die Kosten sind von ursprünglich geplanten 7 Millionen Euro auf rund 10,5 Millionen Euro gestiegen. „Weil man nicht in den Boden gucken kann“, erklärt Carsten Freitag.

Der Untergrund hielt immer wieder Probleme bereit, enthielt teilweise nicht tragfähige Schichten. Dazu kam eine aufwendige Kampfmittelsondierung. Rund zwei Kilometer Strecke im Bereich der späteren Fundament-Bohrpfähle musste auf Weltkriegs-Bomben abgesucht werden. Eine verdächtige Stelle musste sogar aufgegraben werden. Zutage kam glücklicherweise nur ein altes Eisenrohr.

Verletzter Bauarbeiter trug keine bleibenden Schäden davon

Baustellen direkt auf der Autobahn sind gefährlich. Manchmal missbrauchten Lkw-Fahrer sie nächtens als Parkplatz. Ein anderes Mal - so berichtet Freitag - sei ein Pkw durch die Baken auf die Betongleitwand zugesteuert. Und ein Arbeiter, der unglücklicherweise unter einen Radlader gekommen war, habe keine bleibenden Schäden davongetragen: „Er war innerhalb von zwei Wochen wieder aus dem Krankenhaus.“

Drei Jahre lang war der Bürocontainer an der Autobahnbrücke Sölder Straße das dienstliche Zuhause von Bauüberwacher Carsten Freitag. Auch wenn die Baustelle am Wochenende abschlossen wird, wird er voraussichtlich noch bis Dezember dort bleiben, bis aller Papierkram erledigt ist.

Drei Jahre lang war der Bürocontainer an der Autobahnbrücke Sölder Straße das dienstliche Zuhause von Bauüberwacher Carsten Freitag. Auch wenn die Baustelle am Wochenende abschlossen wird, wird er voraussichtlich noch bis Dezember dort bleiben, bis aller Papierkram erledigt ist. © Reinhard Schmitz

Als der Brückenabriss und -neubau am 2. Juni 2017 begann, rechnete man noch damit, innerhalb von zwei Jahren fertig zu sein. Dieses Vorhaben wurde auch vom Wetter ausgebremst. „Im ersten Jahr hätte ich den Leuten fast Schwimmflossen geben können“, sagt Carsten Freitag. Das wirbelte den Zeitplan durcheinander.

Denn nicht jeder Bauschritt konnte einfach ein paar Tage oder Wochen verschoben werden. Manche Arbeiten waren nur in den Schulferien möglich, weil dafür die Sölder Straße gesperrt werden musste. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Schwerte sei gut gewesen: „Das ging teilweise sogar auf Zuruf.“

46 Jahre alter Gittermast-Autokran leistete noch gute Dienste

Auch die übrigen Leistungen, die der Bauüberwacher aufgelistet hat, können sich sehen lassen: Beim Abbruch wurden 3000 Kubikmeter Material abtransportiert, für den Neubau 2800 Kubikmeter Beton und 450 Tonnen Stahl verarbeitet. Das Bauwerk ruht auf 800 Bohrpfählen, seine Fahrbahnen bestehen aus 2800 Quadratmetern Asphalt - das sind allein rund 100 Lkw-Ladungen.

Ein letzter Superlativ: Neben Hightech kam beim Bau der ersten Flügelwand ein 46 Jahre alter Gittermast-Autokran zum Einsatz, weil er wegen seiner Räder einfach praktischer war als ein Großkran. „Letzte Woche habe ich die traurige Nacht bekommen, dass er seit letztem Monat in Rente ist“, sagt Carsten Freitag. Es habe leider keine Ersatzteile mehr gegeben.

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