Fridays gegen Altersarmut in Schwerte – Demo-Anmelder: „Ich bin total gegen rechts“

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Eine Mahnwache gegen Altersarmut – was könnte dagegensprechen? Über diese „Fridays“-Bewegung heißt es, sie sei von rechten Gruppen initiiert. Der Demo-Anmelder aus Schwerte widerspricht.

Schwerte

, 10.01.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Reichensteuer. Weg mit der Agenda 2010. Keine Steuern mehr auf Renten. Ein Gesetz, das Supermärkten verbietet, Lebensmittel wegzuwerfen.

Forderungen also, die viele Menschen unterschreiben würden. Dennoch gibt es Ärger um die Mahnwachen unter dem Titel „Fridays gegen Altersarmut“, die am 24. Januar in vielen deutschen Städten anstehen.

Der Initiator sei rechts, heißt es, und zudem eine dubiose Person. Jemand, dem man vorwirft, Spendengelder eingesteckt zu haben. Unter dem Deckmantel „Gegen Armut“ würde man nun versuchen, möglichst viele Menschen zu mobilisieren.

Mahnwache von 16 bis 18 Uhr vor der Arbeitsagentur

Auch in Schwerte gibt es am Freitag, 24. Januar, eine Mahnwache: von 16 bis 18 Uhr auf dem Cava-dei-Tirreni-Platz, also vor der Agentur für Arbeit. Angemeldet hat sie Michael Lange, 55 Jahre, gelernter Maurer, bisher nicht politisch engagiert, wie er unterstreicht.

Mehr noch: Ihn störe, wie stark er nun angegangen werde, unter anderem auf Facebook. Nicht dass man ihm selbst vorwerfe, Nazi oder sonstwie rechts zu sein. Aber es heiße doch, dass er sich da vor einen Karren spannen lasse, den er sich nicht gut genug angeschaut habe.

Vorwürfe, die Lange wegwischt mit einem klaren Statement: „Ich bin total gegen rechts, mit sowas möchte ich überhaupt nichts zu tun haben. Wenn ich merken würde, dass das eine rechte Gruppierung wäre, wäre ich sofort wieder weg.“

Seine Frau Heike unterstreicht: „Wir sind eine internationale Familie.“ Da seien zum Beispiel Schwiegersohn und Enkel aus Jamaika. „Wir haben gar nichts mit der AfD oder irgendwas zu tun, ganz im Gegenteil: Es geht uns nur um unsere Renten.“

Fridays gegen Altersarmut in Schwerte – Demo-Anmelder: „Ich bin total gegen rechts“

Die Demo "Fridays gegen Altersarmut" soll in Schwerte vor der Agentur für Arbeit stattfinden. © Björn Althoff

Leiharbeit: „Zu wenig – zum Leben und zum Sterben“

Die Sache an sich. Nur das sei doch wichtig. „Für mich ist das Thema präsent, denn es betrifft uns ja alle“, erklärt Heike Lange: „Ich finde, es wird Zeit, dass langsam etwas gegen Altersarmut getan wird.“

Selbst für später vorsorgen, um die Rentenlücke zu schließen? Das sei doch für viele gar nicht möglich, weiß Michael Lange. Aus eigener Erfahrung und von Freunden und Bekannten. „Dieser Mindestlohn ist einfach zu wenig. Das denkt sicherlich jeder, der für eine Leihfirma arbeitet, der dafür arbeiten muss, weil es nicht mehr anders geht. Es ist zu wenig – zum Leben und zum Sterben.“

Als Maurer zu arbeiten, das gehe gesundheitlich nicht mehr. Die Alternative: Leiharbeit, dann eine Krankschreibung während der Probezeit, also raus aus dem Job. Eine Arbeit zu finden, wenn er wieder gesund sei – „das ist kein Problem“, sagt er selbstbewusst.

Nur: Wie hoch sei dann der Lohn? Reiche der, um genug einzuzahlen in die Rentenkasse oder sogar anderweitig vorsorgen zu können? Wahrscheinlich nicht. Und gleichzeitig werde alles teurer: Strom, Gas, Miete, und dann komme ja noch die CO2-Steuer dazu. So wichtig das Klima auch wäre, aber irgendwie...das alles...es fällt der Begriff „Abzocke“.

„Viel bei Facebook recherchiert“ – und dann Mahnwache anmeldet

12 Jahre noch bis 67, bis zur Rente. „Man kann nicht nur drüber reden, am Stammtisch oder im Café. Man muss auch was tun.“ Ansonsten werde es doch noch schlimmer.

Er habe viel bei Facebook recherchiert und herausgefunden, dass es am 24. Januar überall im Land Demonstrationen geben soll. „Und da haben wir gesagt: Schwerte ist noch gar nicht dabei“, so Michael Lange.

Wie meldet man eine Demo an? Selbst das sei ja Neuland gewesen. Man sei erst zum Rathaus gegangen und erst dann erfahren, dass die Polizei der richtige Ansprechpartner ist, erklärt Heike Lange.

Das Ziel für den 24. Januar? 20 Teilnehmer, 50, 100? Egal, sagen Langes. Und unterstreichen ein weiteres Mal: Es gehe doch nur um die Sache.

Kommentar

Linke Themen? Rechte Themen?

„Vorsicht, hinter dieser Demo-Bewegung stecken Rechte“, warnen die einen. „Das behaupten doch nur Linke“, schießt es zurück. In der Tat ist es schwierig, genau zu durchschauen, wer da eigentlich wie unter dem Titel „Fridays gegen Altersarmut“ firmiert. Es gibt mehrere Facebook-Gruppen, viele Vorwürfe, eine Handvoll Belege, selbst mehrere leicht veränderte Logos. Allen gemeinsam ist der weiße Schriftzug im grünen runden Rand. Doch mal zieht in der Mitte eine alte Frau Flaschen aus dem Mülleimer, mal ist es ein Mann. Dieses Beispiel zeigt nicht nur, wie vergiftet die politische Diskussion in Deutschland seit einigen Jahren ist. Sie zeigt auch, wie kompliziert es geworden ist. Gehen wir doch mal zwei, drei Schritte zurück und schauen auf die Sache: Was ist daran links oder rechts, etwas gegen Altersarmut zu haben? Ist irgendwer überhaupt dafür? Nein, alle sind dagegen, so wie auch alle gegen Mord oder Krieg sind. Genauso wie auf der anderen Seite niemand sagen würde: Also, ich fänd‘s gut, wenn die Umwelt kaputt ist, wenn es mehr Katastrophen, Hungersnöte und bewaffnete Konflikte gibt, die auch nach Deutschland schwappen. Ist man links, wenn man das Klima für wichtiger hält als Arbeitsplätze? Oder ist man links, wenn man es genau andersherum sieht? Nein: Die simple Einordnung passt nicht mehr. Man muss genauer hinsehen. Auch bei einer Mahnwache wie dieser, die ja inhaltlich fast jeden einsammelt. Wer sind die Demo-Teilnehmer? Wen machen sie verantwortlich für die Missstände? Die Bonzen? Die Ausländer? Vielleicht sogar eine Verschwörung gegen uns? Und dann bleibt die Frage: Wer ist denn dieses „Wir“? Die Arbeiterschaft? Die Deutschen? Erst wenn es darauf Antworten gibt, lassen sich die Intentionen erkennen. Und noch viel wichtiger ist die Antwort auf eine andere Frage: Wer will nur Radau machen und für seine politischen Anliegen trommeln – und wer hat tatsächlich ein Interesse an einer Lösung?
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