Geschäft in der Schwerter Innenstadt: Jetzt ist die 4. Generation Chef

hzMeister mit Auszeichnung

Uropa war Chef, Opa auch, Papa auch – jetzt ist er Geschäftsführer. Bei einem Geschäft in der Schwerter Innenstadt läuft die Übergabe an die vierte Generation. Der Neue ist Landesmeister.

Schwerte

, 26.10.2020, 05:00 Uhr

Klick macht es. Genau in dem Moment, in dem der kleine goldfarbene Stift oben einrastet in der Lücke. Eine Zuckerdose könnte das sein, aus gebürstetem Stahl vielleicht? Jedenfalls lässt sie sich nach dem Klick plötzlich öffnen. Der Stift wird zum Griff, mit dem sich der Deckel abheben lässt.

Den feinen Mechanismus auf der Unterseite des Deckels hat sich ein 26-Jähriger aus Schwerte ausgedacht. Nach seiner Ausbildung zum Gesellen hatte er für zwei Jahre seine Heimatstadt verlassen, um in Hessen zum Meister zu werden.

Mehr noch als das: Landesbester ist er dort geworden mit diesem Meisterstück, das er in den Händen hält. Es handelt sich nämlich nicht um eine Zuckerdose und erst recht nicht um Stahl: „Das ist eine Steinbriefdose“, sagt Mats Grafe: „Das heißt: Darin werden die wertvollen Steine aufbewahrt, die wir verarbeiten.“

Das Material der Dose: Platin. Sehr schwierig zu verarbeiten. Für die Dose musste es gefaltet werden. Späteres Abfeilen? Fast unmöglich.

Der Stift wiederum ist aus Gold. Vier Magnete hat Mats Grafe eingearbeitet. Dadurch wird der Stift zum Schlüssel, denn er löst den Mechanismus aus.

Betrieb feiert 2021 sein 100-jähriges Bestehen

Mats Grafe ist zurück in Schwerte, mittlerweile sogar als zweiter Geschäftsführer der Gold- und Platinschmiede am Markt, die 2021 das 100-jährige Bestehen feiern kann.

Wilhelm Grafe hatte den Betrieb 1921 gegründet, Sohn Willi Grafe wirkte ab 1959 mit. Nach seinem plötzlichen Tod im Jahr 1972 trat Jürgen Grafe ins Familien­unternehmen ein: sein Sohn, die dritte Generation, seit vielen Jahren Geschäftsführer, seit Anfang 2020 nun Co-Chef neben seinem Sohn Mats.

„Ich habe immer überlegt, ob ich irgendwann jemanden finden kann, der den Betrieb übernehmen wird“, sagt Jürgen Grafe (63): „Und das erledigte sich natürlich mit der Frage: Papa, darf ich kommen?“

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Zwei Jahre auf der Akademie: „Rauskommen und mich weiterentwickeln“

Mats Grafe ist 26, „damit auch ein relativ junger Meister“, wie er unterstreicht. Im Familienbetrieb absolvierte er eine verkürzte Ausbildung zum Gesellen, sammelte dort die Berufserfahrung, die notwendig war, um auf der Staatlichen Zeichenakademie Hanau angenommen zu werden.

Zwei Jahre war er dort. Nach dem Abschluss ist er nun nicht nur Goldschmiedemeister, sondern auch staatlich geprüfter Designer.

Über diese zwei Jahre sagt Mats Grafe: „Die wollte ich gerne auch haben, um ein bisschen rauszukommen und mich weiterzuentwickeln.“ Im Gegensatz zur Schwester, die in Schweden wohnt und sich beruflich anderweitig orientierte, wollte Mats Grafe aber auf jeden Fall zurück nach Schwerte.

Sehr zur Freude des Papas: „So kann ich weiter mitarbeiten und meinen Beruf, den ich auch als Hobby ansehe, weiter ausüben“, sagt Jürgen Grafe. Die Alternative wäre gewesen, den Betrieb irgendwann zu verkaufen. Was nicht einfach sei bei einer Gold- und Platinschmiede: „Bei uns wird ein Wahnsinnskapital gebraucht“, verdeutlicht er. Logisch: bei all den Edelmetallen und Edelsteinen, die verarbeitet werden.

Mit diesem Meisterstück aus Platin und Gold ist Mats Grafe Landessieger in Hessen geworden: ein Kasten, in etwa so groß wie eine Zuckerdose, in der er wertvolle Steine aufbewahren kann.

Mit diesem Meisterstück aus Platin und Gold ist Mats Grafe Landessieger in Hessen geworden: ein Kasten, in etwa so groß wie eine Zuckerdose, in der er wertvolle Steine aufbewahren kann. © Björn Althoff

Jürgen Grafe: „Ich will mich ja gar nicht zurückziehen“

Hätte er an jemand anderen verkaufen müssen, „hätte ich irgendwann rausgehen müssen und hätte zuhause nichts mehr gehabt“, sagt Jürgen Grafe.

So aber kann er bleiben. Denn von komplettem Rückzug kann keine Rede sein, ganz im Gegenteil: „Nein, ich will mich gar nicht zurückziehen. Das ist ja das Schöne. Jetzt kann ich dabeibleiben und wir können es zusammenmachen. Jeder hat seine eigenen Ideen und wir verstehen uns extrem gut.“

Sagt er, legt seinen Arm um Mats und blickt stolz: auf den Sohn und auf das besondere Meisterstück, das der fürs Foto präsentiert.

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