Goldgräberstimmung erlebten westdeutsche Händler vor der Wiedervereinigung in der DDR. Heinz Schmücker staunte, wie Badewannen sich mit Geld füllten und Russinnen mit Kaviar-Eimern zahlten.

Schwerte

, 03.10.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Haufenweise Mark der DDR, Rubel, D-Mark-Scheine. Heinz Schmücker (60) wollte es nicht glauben, als sein Schwiegervater seinen Marktstand zum ersten Mal in der DDR aufbaute. Der Schwerter Textilhändler hatte einen perfekten Riecher gehabt, als er er kurz nach dem Mauerfall seinen Transporter vollstopfte, um den Blinker in Richtung Eisenach zu setzen. „Wir dachten, er braucht 14 Tage“, erzählt Heinz Schmücker: „Aber er war nach drei Tagen wieder da.“ Wortlos öffnete der Heimkehrer die Tür und fiel in den Sessel, sodass alle schon einen Herzinfarkt befürchteten. Aber er stammelte nur: „Das könnt ihr euch nicht vorstellen – ich bin ausverkauft.“

Scheine wurden einfach durch das Seitenfenster ins Auto gestopft

Das hatte er noch nicht erlebt. Niemals war der Wagen ohne irgendwelche Reste nach Schwerte zurückgekommen. Doch wo waren die Einnahmen? „Nimm eine Wanne mit, es ist alles lose“, wies der Schwiegervater an. Die Zeit beim Verkaufsmarathon hatte gerade dazu gereicht, Münzen und Scheine durch die einen Spalt breit heruntergekurbelte Seitenscheibe ins Führerhaus zu schmeißen. „Als wir die Beifahrertür öffneten, stürzte das Geld nur so raus wie aus einem geplatzten Tresor“, sagt Heinz Schmücker und staunt noch immer. Einfach unglaublich.

Heinz Schmücker (60) pendelte mit seinem Transporter nach dem Mauerfall zu den Märkten in der damaligen DDR, wo er die Goldgräberstimmung der ersten Stunde miterlebte.

Nur so auf der Straße lag das Geld für pfiiffige Händler nach der Wende entlang der Autobahn zwischen Eisenach und Jena in Thüringen.

Umgehend wurden die Lieferanten angerufen, alle Rechnungen in bar bezahlt und der Transporter neu gefüllt, damit es sofort wieder in den wilden Osten gehen konnte. Auf der Karte: die Wochenmärkte in Weimar und Rudolstadt, Apolda und Jena. Chaotisch ging es dort zu, nachdem die Obrigkeit alle Anweisungs-Macht verloren hatte. „Keiner wusste, was er tun sollte“, sagt Heinz Schmücker und erinnert sich: „In Jena gab es beispielsweise fünf Marktmeister, und jeder stellte uns auf einen anderen Platz.“

West-Jacken gingen auch im Hochsommer reißend weg

Ganz anders die Kunden. Sie waren Schlange stehen gewohnt, warteten geduldig in nicht enden wollender Reihe vor dem Stand mit der West-Mode: „Die haben alles gekauft, einfach alles.“ Bikinis im Winter, dicke Jacken im Sommer. Um den Umschlag zu beschleunigen, wurde eine Transportkette gebildet und ein zweiter VW-Transporter angeschafft. Damit ging es vollbeladen nach Kassel oder Weimar, wo der Schwiegervater im Tausch seinen leergekauften Wagen abgab. Mit dem düste Heinz Schmücker dann wieder zum Nachschubholen nach Schwerte zurück.

Russinnen bezahlten mit Fünf-Kilo-Eimern Kaviar

„Die hatten Tausender gerollt in der Tasche“, demonstriert Schmücker mit Daumen und Zeigefinger. Damaliger Umtauschkurs: drei Ostmark für eine D-Mark. Doch woher kam das viele Geld? „Einer sagte uns: Wir konnten ja nichts kaufen.“ Auf einen Trabi habe er 16 Jahre warten müssen. Da sammelte sich einiges an. Mit Fünf-Kilo-Eimern Kaviar bezahlten Offiziersfrauen der Roten Armee, die schon ihren Rückmarschbefehl in die Sowjetunion erhalten hatten. „Das kannte ich nur vom Honig“, so Heinz Schmücker, der über diese Mengen nur mit den Ohren schlackerte. Ganze Wagenladungen seien damit aufgekauft worden.

Käsehändler schlief in seinem Wagen auf der Ware

Nach und nach kriegten auch andere kleine Geschäftsleute den Goldrausch im Osten spitz. „Weil es keine Hotels gab, schlief ein Käsehändler in seinem Wagen auf der Ware“, berichtet Schmücker, der sich selbst später in einer Laubenkolonie eingemietet hatte. Auch pfiffige DDR-Bürger eröffneten einen eigenen Markthandel, um auf den Zug des schnellen Geldes aufzuspringen. Und einige der „VW“, der über Nacht arbeitslosen „Vietnamesischen Werktägigen“, organisierten ruckzuck einen schwunghaften Handel mit Zigarettenstangen, wie Schmücker beobachtete.

Rußschicht legte sich über die Marktschirme

„Es war ein Eldorado“, erlebte der Schwerter die Monate des Aufbruchs. Da war es zu verschmerzen, dass die neu bespannten Marktschirme in Nullkommanichts von einer dicken Rußschicht überzogen waren, wenn die DDR-Bürger ihre Ofenheizungen mit Braunkohle anfeuerten. „Ich dachte, es schneit schwarz“, glaubte Heinz Schmücker angesichts des dunklen Flockenregens vom Himmel: „Das war damals wirklich Dunkel-Deutschland.“ Selbst das Gras sei dunkelgrüner gewesen, sobald man den damaligen Grenzübergang Herleshausen hinter sich gelassen habe.

In den Seitenstraßen von Weimar sah der Schwerter nur Ruinen

„In Weimar gab´s nur die Prunkstraße mit dem Goethe-Schiller-Denkmal“, erlebte der Schwerter, wenn er nach der Verkaufsschlacht einmal Zeit fand, durch die Innenstädte zu streifen: „In den Seitenstraßen standen nur Ruinen, wie ich das sonst nur von Kriegsbildern kannte.“ Bei manchen Häusern habe man sogar die Hand durch das Fachwerk stecken können. Als eines der ersten Gebäude sei der Erfurter Dom, vorher „schwarz wie Dachpappe“, per Sandstrahl gereinigt worden.

Nach zwei Jahren war der große Boom vorbei

Nach und nach änderte sich auch die Atmosphäre auf den Marktplätzen. „Die Stimmung kippte“, bemerkte Heinz Schmücker. Die Menschen seien hektischer und ungeduldiger geworden, so wie man es aus dem Westen kannte. Nach zwei Jahren zog der Schwerter den Schlussstrich. „Das waren Zeiten“, kann er kaum glauben, wie lange das alles her ist. Schon seit 30 Jahren ist Deutschland wieder vereint.

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