Mit einem klassizistischen Giebel und vielen Schmuckelementen wurde der Neubau für die Adler-Apotheke im Jahr 1906 an der Hüsingstraße 1 errichtet. © Reinhard Schmitz
Corona in Schwerte

Heute unverzichtbar: Vor 270 Jahren bekam Schwerte die erste Apotheke

Mal schnell ein Rezept einlösen. Was nicht nur in Corona-Zeiten unverzichtbar ist, gab es nicht immer. Vor 270 Jahren eröffnete die erste Apotheke in Schwerte. Lange Zeit blieb sie die einzige der Stadt.

Die Pest ist als schreckliche Erinnerung noch allgegenwärtig. Mit den Pocken war die zweite Epidemie im Anmarsch. Doch einen Mann, der heilkundig Medikamente herstellen konnte, gab es nicht für die 1100 Bürger der Stadt. Nicht eine einzige Apotheke in Schwerte fanden die Zähler, die Preußenkönig Friedrich II. im Jahr 1748 durch sein Reich schickte, um alle medizinischen Einrichtungen zu erfassen.

Das sollte sich erst drei Jahre später ändern. Am 16. März 1751 erhielt ein Ludolf Lange das Apothekenprivileg für Schwerte. Außer ihm kümmerten sich noch drei Chirurgen und zwei Hebammen um die Schwerter – das war das ganze Gesundheitswesen.

Der einzige Apotheker der Stadt war rund um die Uhr im Dienst

Ludolf Lange war ein Kind dieser Stadt. Nach Lehrjahren in Soest und anderswo kehrte er zurück, um sich im elterlichen Haus an der Brückstraße 1 (heute steht dort der Kodi-Markt) selbstständig zu machen. Als Einzelkämpfer musste er Dienstzeiten wie das Internet anbieten: 7/24, also an allen Wochentagen rund um die Uhr.

Trotzdem konnte der Herr Apotheker nebenbei auch noch das Amt des Bürgermeisters übernehmen. Hätte er sich mal mehr auf sein Geschäft konzentriert. 1782 machte die Aufsichtsbehörde es nach Kontrollen wieder dicht, weil wichtige Arzneien fehlten und es das Lager der Heilmittel und Narkotika an Ordnung und Sauberkeit mangeln ließ.

Eine Besonderheit der Adler-Apotheke ist die Nachteule neben dem Eingang: Ihr Leuchten zeigte den Kunden an, dass der Apotheker im Haus war.
Eine Besonderheit der Adler-Apotheke ist die Nachteule neben dem Eingang: Ihr Leuchten zeigte den Kunden an, dass der Apotheker im Haus war. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Dem preußischen Staat passte diese Situation absolut nicht, weil viele Schwerter nun in die nächste Apotheke nach Hohenlimburg wandern mussten. Doch die Nachbarstadt lag in einem fremden Herrschaftsgebiet, sodass Steuereinnahmen flöten gingen. 1788 kaufte ein Nachbar die Schwerter Apotheke, konnte sie aber erst zwei Jahre später wiedereröffnen, weil Vorgänger Lange die nötige Konzessionsurkunde nicht herausrücken wollte.

Jahrzehntelang ging es mit dem Betrieb auf und ab. Immer wieder wechselte er den Betreiber. Mal durch frühen Tod, mal durch alkoholische Exzesse oder unduldbare Mängel. Noch im Jahr 1910 fällte der zuständige Kreisphysikus ein vernichtendes Urteil über die Zustände in der einzigen Apotheke – obwohl deren Umsatz „erheblich“ war in der 14.000-Einwohner-Stadt, deren sechs Ärzte täglich rund 60 Patienten mit Rezept schickten.

Bis 1908 war die Adler-Apotheke in der Stadt ohne Konkurrenz

Für alle Schwerter sichtbar aufwärts ging es aber, als 1905 ein Carl Werth die alte Apotheke kaufte. Mit einem vermögenden Schwiegervater im Rücken ließ er sich schon ein Jahr später an der Hüsingstraße 1 nach einem Architektenwettbewerb einen repräsentativen Firmensitz bauen. Keine der drei Etagen glich der anderen, weil sie alle von unterschiedlichen Baumeistern entworfen wurden.

Außerdem bildete das Gebäude eine Einheit mit dem angrenzenden Geschäftshaus Hüsingstraße 1a, in dem auf zwei Etagen das erste Schwerter Kaufhaus eröffnete – dessen Besitzer heiratete die Apothekers-Tochter. Kurios: Ein Schlafzimmer ragte sogar ins Nachbargebäude hinüber. Getrennt wurden die beiden Grundstücke übrigens erst bei einem Verkauf in den 1940er-Jahren.

Carl Werth war es, der seinem Betrieb den Namen „Adler-Apotheke“ gab. Das wurde nötig, weil er nicht mehr konkurrenzlos war, als 1908 die „Neue Apotheke“ am Postplatz eröffnet wurde. Weil Carl Werth keine Kinder hatte, wechselte der Betrieb später erneut mehrfach den Besitzer. Vielen Schwertern in Erinnerung ist davon noch die Ära Surmann – erst ab 1961 unter der Leitung von Theo Surmann, der 1976 eine komplette Modernisierung vornahm.

Er übergab 1982 an seine Tochter Sigrid Bohr, die sich erst Ende 2018 im Alter von 74 Jahren zur Ruhe setzte. Ihr folgte ab 2. Januar 2019 als 14. Apotheker-Generation Carsten Schumacher, der auch die Neue Apotheke übernommen hat.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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