Discos sterben schon seit Mitte der 80er-Jahre. Branchenkenner sagen: Betreiber dürfen keine Trends verschlafen. Doch es gibt Gegenbeispiele – eines davon öffnet jeden Samstag in Schwerte.

Schwerte

, 29.07.2018, 09:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am Wochenende in den Kuhstall nach Wandhofen. Das war einmal. Wo in den den 80ern nächtelang abgetanzt wurde, speist man jetzt leckere Burger. Und das Papillon in der Hagener Straße? Das hat seine Disko-Zeiten auch längst hinter sich. Zuletzt wurden die Räume für eine Shisha-Bar genutzt. Aus dem Forum an der Nordstraße ist eine stinknormale Wohnung geworden. Auch in den Großstädten ringsherum verschwanden in den vergangenen Jahren viele der Legenden des Nachtlebens, die Großraumdiscos und Clubs, von der Bildfläche.

Die Partynächte von früher sorgen bei denen, die sie erlebten, für nostalgische Gefühle. In Facebook-Gruppen tauchen regelmäßig alte Werbeanzeigen, Fotos und manchmal Videos der heiß und innig geliebten Kultlokale auf und sorgen für Gesprächsstoff.

Im For You leben die 70er-Jahre weiter

In Schwerte dagegen kann man die Nostalgie noch regelmäßig leben. Das Flair der 70er-Jahre hat sich Schwertes Ur-Disco For You an der Unnaer Straße bewahrt, die nach wie vor jeden Samstag von 21 bis 5 Uhr Partygäste unter dem riesigen Neonherz ins plüschige Innere einlädt. Wenn Inhaber Dietmar Duhme dann wie eh und je hinter dem Plattenteller steht, füllt sich die Tanzfläche unter der blitzenden Diskokugel im Handumdrehen. Er nennt nicht nur die größte Schallplattensammlung der Stadt – sage und schreibe 24.900 Vinylscheiben – und Tausende CDs sein Eigen. Er weiß vor allem, was er für sein Publikum auswählen muss. „Wie er die Ärsche ans Wackeln bringt, das ist es“, schwärmt seine Ehefrau Ulla Duhme

Nur „Schmusebude“ und Separee sind verschwunden.

Die 30- bis 40-Jährigen heben im For You genauso ab wie die 60- bis 70-Jährigen, die die schönsten Abende ihres Lebens mit Duhme und seinem Tanzpalast verbracht haben. Schon 1968 hatte seine Schwiegermutter die einstige Ausflugsgaststätte „Brunnenschenke“ zur Disco gemacht, zuerst noch als „Brandung“ – mit „Schmusebude“ am Eingang und Separees. Die sind längst zur Ablage für die Garderobe geworden. Aber die Tischlampen sind geblieben. Genauso wie die Leuchtbilder an den Wänden, die der Schwerter Künstler Ernst Montenbruck schuf. Seine offenherzigen Gespielinnen Neptuns wurden damals noch als höchst frivol beäugt.

Vom „Bonanza“ gibt´s nur noch Fotos

Nur noch auf Fotos lebt dagegen die Dortmunder Diskothek Bonanza, die 1967 bis 1985 in Mengede Treffpunkt der Jugend war. Helmut Rathjen war mehr als 18 Jahre Betreiber des Kultschuppens, dessen Spezialität Auftritte namhafter Beat-Bands waren. Für das Aus gab es mehrere Gründe: Es stand ein großflächiger Ausbau des Gebietes rund um den Laden an. Zudem befürchteten Behörden um die Tragfähigkeit des Daches durch einen eingebrochenen Stützpfeiler. Das Bauamt ließ das Bonanza schließen.

Noch einmal Diskothekenbetreiber zu werden, war für Rathjen nie wieder ein Thema: „Ich hatte bemerkt, dass sich da was gewandelt hatte.“ Die Leute seien immer mehr und immer öfter in große Hallen abgewandert, zu Konzerten der Lieblingsbands. Andere hatten die Neue Deutsche Welle für sich entdeckt hattten. Denn Rathjen war riguros: „NDW haben wir uns geweigert zu spielen. Bei uns war R’n’B, Soul oder Beat angesagt.“ Ärger mit Behörden und immer neue Bestimmungen hätten den Spaß zunehmend verhagelt. „Früher reichte es, wenn man die Musik liebte und eine Portion Glück auf seiner Seite hatte. Aber die Zeiten waren Mitte der 80er-Jahre vorbei.“

Verband sieht Talsohle erreicht

Dem stimmt Stephan Büttner uneingeschränkt zu. Von einem „Diskothekensterben“, will der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT) im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), aber nicht sprechen: „Wir erleben in den vergangenen Jahrzehnten eine Marktbereinigung, die in absehbarer Zeit wohl ihre Talsohle erreichen wird.“

Laut Dehoga gab es 2011 bundesweit noch 2259 Disko- und Tanzbetriebe, 2016 waren es nur noch 1986. Die aktuelle Zahl schätzt der BDT-Geschäftsführer auf circa 1500. Gesonderte Zahlen für die einzelnen Bundesländer hält man beim Verband nicht bereit.

Vor allem die Großraumdiskotheken mit mehreren tausend Quadratmetern Fläche und mehreren Hallen hat der Tod ereilt. „Große Läden verursachen große Kosten. Wenn da die Tanzflächen nicht mehr voll werden, können laufende Kosten nicht mehr erwirtschaftet werden“, unterstreicht Büttner. Mehr im Trend: kleinere Clubs. Und: „Es überleben nur noch professionell geführte Lokale dauerhaft, deren Betreiber Trends nicht verschlafen. Denn wer pennt, kann schnell seine Existenz verlieren“, sagt Büttner. Ein verändertes Ausgehverhalten und eine Vielzahl von Freizeitangeboten über die Discos und Clubs hinaus hätten dem Überangebot, welches lange bestanden habe, den Garaus gemacht.

Bei den Freizeitaktivitäten weiterhin vorn

„Einfach Musik zu spielen und die Türen zu öffnen, reicht schon lange nicht mehr aus“, so Büttner. Und Einzelpersonen könnten das, was die Branche Betreibern mittlerweile abverlange, schon gar nicht mehr stemmen. „Das fängt schon bei den Investitionen in die Technik an. Mehrere Millionen Euro müssen da rein gesteckt werden, die man erst Jahre später wieder erwirtschaftet hat, wenn der Laden denn stabil läuft. Und dafür braucht es Ahnung vom Marketing, Buch- und Betriebsführung, rechtlichen Rahmenbedingungen und vielem mehr. Schnellschüsse kann man da vergessen.“ Wer sich nicht regelmäßig mit Kollegen austausche und Fortbildungen besuche, manövriere sich als Betreiber ins Aus.

Dennoch strahlt man beim Branchenverband Optimismus aus: Auch in Zeiten der Digitalisierung und Online-Kennenlernportalen verweist Stephan Büttner darauf, dass der Besuch von Diskotheken und Clubs nach wie vor an der Spitze der Freizeitaktivitäten stehe. „Von den 6,5 Millionen jungen Menschen in Deutschland gehen an den Wochenenden gut 1,5 Millionen regelmäßig in die Clubs.“

Shisabars als Konkurrenz

Der Club „Franz von Hahn“ in Menden ist beispielsweise einer dieser kleineren Lokalitäten, die die jungen Leute aus Dortmund, dem Kreis Unna und dem Sauerland regelmäßig ansteuern. Seit 2014 betreiben Fabian Kärnbach und Phillip Nieland den Club. „Dass der Laden läuft, ist keine Selbstverständlichkeit. Wir leben in einer Event-Gesellschaft und es ist nicht mehr möglich, den Leuten 10 Euro Eintritt abzunehmen und ihnen keinen besonderen Mehrwert zu bieten“, sagt Nieland.

Als Clubbetreiber trete man mittlerweile gegen alternative Mitbewerber wie Shishabars an, das habe Auswirkungen auf den Besucherstrom. „Klar, wenn es darum geht, das zu spielen, was die Leute hören wollen, kann man sich auch an den Spotify-Charts orientieren, aber bis zu 80 Prozent werden die gerade von Hip-Hop dominiert. Und das ist keine Clubmusik.“ Kurzlebige Hypes erschwerten es, am Zeitgeist zu bleiben mit dem Programm. „Da fährt man besser, wenn man weniger Veranstaltungen bringt, aber dafür gezielt Highlights setzt“, so der Clubbetreiber. Gut liefen immer noch Retro-Partys.

Die wiederum haben doch eigentlich dasselbe Prinzip wie der Schwerter Dauerbrenner For You: Das Gute von früher spielen – und die Leute tanzen.

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