Janne (31) will Pfarrerin werden, sagt aber von sich: „Ich bin nicht besonders fromm“

hzKirche in Westhofen

Janne Holzmann ist 31 Jahre alt und will Pfarrerin werden. Im Interview erzählt die Vikarin aus Westhofen, warum ihr Beerdigungen gefallen, und warum sie sich nicht für besonders fromm hält.

Westhofen

, 12.10.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie kommt man auf die Idee, Pfarrerin zu werden?

Das ist eine lange Geschichte: Anfangs wollte ich Lehrerin werden und wollte Theologie studieren, weil ich schon in der Jugendarbeit aktiv war. Dann habe ich Latein und Theologie auf Lehramt studiert und das auch beendet.
Während des Studiums war ich in Jerusalem im theologischen Studienjahr. Und alle anderen dort waren Pfarrämtler. Da war mein Interesse geweckt. Vorm Referendariat hatte ich eine Zwischenzeit. Da hatte ich einen Minijob in der Kirchengemeinde Bochum. Da hatte ich dann ein Praktikum. Bei dem habe ich festgestellt, dass Beerdigungen und Trauergespräche das Spannende an diesem Beruf sind. Genau die hatten mir vorher etwas Angst gemacht.

Wie geht man so etwas an: Ist man erst mal beim einem Trauergespräch dabei, oder wird man gleich ins kalte Wasser geworfen?

Ich war erstmal beim Trauergespräch dabei, natürlich mit Einverständnis der Trauernden. Wie man ein Seelsorgegespräch führt, das lernen wir nun erst im Seminar.

Was war das für ein Fall?

Das war eine ältere Dame, die hatte ein langes und spannendes Leben. Was ich daran interessant fand: dass die Menschen einem in so einem Gespräch auch ihre ganze Lebensgeschichte erzählen und man einen riesigen Vertrauensvorschuss hat. Die kennen einen ja gar nicht und erzählen aus dem Leben, von Konflikten und sozialen Problemen.

Haben Sie auch schon Trauergespräche gehabt, nachdem junge Menschen gestorben sind?

Bislang noch nicht. Aber ich hatte ein Gespräch mit Hinterbliebenen einer Frau, die völlig unerwartet gestorben ist. Aber auch wenn Menschen älter sind und man schon damit rechnet, erlebe ich immer, dass die Menschen dennoch sehr geschockt sind.

Wie viel macht das von Ihrer Arbeit aus?

Das hängt von die Todesfällen ab. In Westhofen hatte ich seit Juli etwa zwei Trauerfälle pro Woche. Jetzt war aber auch mal drei Wochen gar nichts.

Menschen kommen zur Beerdigung, zur Taufe, zur Konfirmation und zur Hochzeit in die Kirche. Wie ist es denn zwischendurch?

Ich hab mal gelernt, dass heutzutage drei Prozent der Kirchenmitglieder die Gottesdienste am Sonntagmorgen besuchen. In Westhofen war ich seit Juli oft bei Gottesdiensten, die was Besonderes sind wie auf der Amtswiese oder beim Erntedank. Da ist es dann voller, daher ist die Anzahl der Gottesdienstbesucher sehr unterschiedlich

Ärgert einen das nicht, muss man dann nicht das Konzept ändern?

Ja, aber ich glaube, das Konzept ist bereits dabei, sich zu ändern. Ich bin ja noch frisch aus dem Examen, und dort erfährt man, dass der Sonntagsgottesdienst irgendwann wegfallen wird. Die Menschen haben Kontakt mit der Kirche in Schwellenmomenten, also Hochzeit, Konfirmation und Taufe. Aber sie gehen auch zu besonderen Gottesdiensten und zu Abendandachten.

Müssen Konfirmanden noch in den Gottesdienst?

Nein, das Wort müssen verwenden wir nicht. Wir haben mit den Konfirmanden die Verabredung, dass sie in etwa zwei Mal pro Monat in den Gottesdienst gehen, aber das geschieht freiwillig. Aber es muss sich ja auch niemand konfirmieren lassen.

Sind das immer dieselben, die sonntagmorgens in die Kirche kommen?

Ja, es gibt so eine Kerngemeinde, die immer da ist. Was ich auch gut finde. Ich habe ja am Sonntag (10 Uhr in der Kirche Garenfeld) meinen ersten Gottesdienst und da ist es schön, wenn die Gemeinde einem zulächelt.

Janne (31) will Pfarrerin werden, sagt aber von sich: „Ich bin nicht besonders fromm“

Janne Holzmann, neue Vikarin der Gemeinde Westhofen/Garenfeld im Gespräch mit den Ruhrnachrichten. © Foto: Manuela Schwerte

Jetzt ist das Herzstück in einem evangelischen Gottesdienst ja die Predigt. Was für ein Thema haben Sie sich ausgesucht?

Für diese Woche den Predigttext aus dem Buch Josua als Vorgabe. Da geht es um die Eroberung Jerichos.

Da geht es doch um einen Eroberungsfeldzug, das ist als Text wenig spirituell, oder?

Ich bin ja mehr ein Fan vom Alten Testament als vom Neuen. Da ist alles drin. Da geht es um irgendwelche Mordgeschichten, um Intrigen, um Sünden, die begangen werden. Man hat da Liebe, poetische Sprache, Lebensweisheiten und kleine Geschichten. Das finde ich viel spannender, und da steckt viel für Menschen heutzutage drin.

Kommen Sie eigentlich aus einer besonders gläubigen Familie?

Ich komme eigentlich aus Rotenburg an der Wümme, das ist norddeutsch evangelisch geprägt. Aber meine Familie ist nur Weihnachten in die Kirche gegangen. Sonntags fand bei uns ein gemeinsames Sonntagsfrühstück statt. Die Familie hat aber auch nichts gegen meine Berufswahl. Ich war wie meine Freunde
beim Kindergottesdienst und in der Jugendarbeit tätig. Meine Familie ist unaufgeregt standard-christlich. Die Frage ist ja auch, was besonders gläubig heißt? Ich bin auch nicht besonders fromm. Ich glaube an Gott, aber ich habe auch meine Zweifel. Alles andere wäre ja fundamental.

Janne (31) will Pfarrerin werden, sagt aber von sich: „Ich bin nicht besonders fromm“

Janne Holzmann, neue Vikarin der Gemeinde Westhofen/Garenfeld im Gespräch mit den Ruhrnachrichten. © Foto: Manuela Schwerte

Ist das in einem immer weniger christlich geprägten Umfeld nicht schwierig, wenn man sagt, man will Pfarrer werden?

Ja, aber die Joblage ist gut (sie lacht). Diese Arbeit wird ja auch immer wichtig, bleiben und Seelsorge wird man immer brauchen. Mein Partner ist eher Philosoph, der hat mit Kirche nichts zu tun. Bei vielen unserer Freunde ist es ähnlich. Dadurch bin ich oft in der Situation, mich erklären zu müssen.

Und wie erklären Sie das?

Ich mag an diesem Beruf, dass man sich mit so vielen Leuten austauschen muss, ihnen helfen kann und sich täglich selbst reflektieren muss. Das kann anstrengend sein. Aber ich habe das Gefühl, dass es eine sinnvolle Aufgabe ist, wenn man in existenziellen Lebenslagen bei den Menschen sein kann. In den Seelsorgegesprächen geht es meist ja gar nicht um Gott.

Gibt es viele Vikarskollegen, mit denen Sie sich austauschen können?

Im Kirchenkreis Iserlohn bin ich die aktuell die einzige. Ich habe gehört, dass es noch zwei gibt, die hier in der Nähe tätig sind. In meinem Vikariatskurs sind aus der Landeskirche Westfalen acht Vikare dabei.

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