Die Kita Gänsewinkel soll im Sommer 2019 den Träger wechseln? Das sorgte für Riesen-Aufregung bei Eltern und Erzieherinnen. Jetzt gibt es die Rolle rückwärts. Warum? Und wie geht es weiter?

Schwerte

, 05.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Es ändert sich nichts an der Kita Gänsewinkel, zumindest nicht im Sommer 2019. Der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) bleibt nun doch für ein weiteres Jahr der Betreiber. Aber warum eigentlich? Und wie lange bleibt es jetzt so? Was wird 2020 passieren? Viele Fragen sind noch offen. Andere sind geklärt.

? Warum sollte die Trägerschaft wechseln?

Das hing mit einer Kündigung aus dem Frühsommer 2018 zusammen. Der damalige Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Unna hatte die Kündigung an die Stadt Schwerte geschrieben – offenbar mit dem Hintergedanken, so den finanziellen Druck zu erhöhen. Das ging nach hinten los. Die Stadt akzeptierte das Schreiben ohne weitere Nachverhandlungen, suchte einen neuen Träger und fand ihn im Lebenszentrum Königsborn in Unna.

? Wie reagierte das DRK?

Komplett überrascht. Der Vorstand wusste offenbar nichts vom Handeln des eigenen Geschäftsführers. Vorsitzender Michael Makiolla – der auch Landrat des Kreises Unna ist – meldete sich gemeinsam mit seinen Kollegen bei der Stadt Schwerte. Die ließ sich aber nicht umstimmen. Ansprechpartner sei immer der Geschäftsführer gewesen. Dem Vernehmen nach gab es dort schon viele Jahre Reibereien und schwierige Verhandlungen.

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? Wer ist das Lebenszentrum Königsborn?

Das Lebenszentrum - gegründet 1880 - kümmert sich in vielfältiger Weise um Menschen mit Behinderungen – vor allem um Kinder: in einer Klinik, in Wohneinrichtungen, speziellen Zentren, in einer Schule und mehreren Kitas. In Schwerte ist das Lebenszentrum ebenfalls vertreten – bisher mit einer speziellen Gruppe im Gebäude der städtischen Kita Wandhofen. Genau so etwas – mehrere Kita-Gruppen verschiedener Träger unter einem Dach – wird aber problematischer.

? Warum das?

Grob verkürzt: aus finanziellen Gründen. Alle Einrichtungen erhalten Zuschüsse vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, quasi dem Jugendamt von Westfalen. Und dort ist man der Ansicht: Einzelne Gruppen für Kinder mit Behinderung und für Kinder ohne Behinderung sind nicht so gut wie Inklusion. Deshalb drängt man die Träger mit sanftem Druck dazu.

? Die Kündigung kam der Stadt Schwerte also gelegen?

Ja, und daraus macht auch keiner der Beteiligten einen Hehl. Die Stadt konnte dem Lebenszentrum so einen Umzug anbieten. Das DRK war aus eigenem Verschulden raus.

? Was sagten die Eltern dazu?

Die waren verunsichert bis sauer. Das wurde bei einer Versammlung Anfang des Jahres 2019 deutlich. Man sei mehr als zufrieden mit den Erzieherinnen, mit dem DRK-Konzept. Und man wisse nicht, was ab Sommer 2020 anders würde. Denn das Lebenszentrum hatte zunächst zugesagt, alle drei Kita-Gruppen zu erhalten, allerdings nur für 2019/20. Danach sollten statt 90 nur noch 60 reguläre Kita-Plätze zur Verfügung stehen. Die Stadt argumentierte übrigens, dann gebe es in geringer Entfernung ja neue Plätze – in der Diakonie-Kita Ruhrauen.

? Und wieso kam es jetzt doch nicht zum Trägerwechsel? Gab der Eltern-Protest den Ausschlag?

Nein, das lag an den komplizierten Verhandlungen. Knackpunkt war die Zusatzversorgung für die Erzieherinnen. Das DRK darf einzahlen in die kommunale Zusatzversorgung, genauso wie Städte und Kreise als Arbeitgeber. Das Lebenszentrum als privatwirtschaftliche Firma darf das nicht. „Bei uns gibt es eine Direktversorgung“, erläutert Geschäftsführer Michael Radix. Würden die bisherigen DRK-Erzieherinnen jetzt aber ihre Verträge auf Eis legen bis zur Rente und ab sofort neue Verträge mit der Lebenszentrum-Versicherung abschließen, würden sie finanziell schlechter da stehen.

? Und dieses vergleichsweise kleine Problem lässt sich nicht lösen?

Nein, nicht kurzfristig. Deshalb zog die Stadt Schwerte jetzt die Reißleine. Man wollte Planungssicherheit für sich selbst und für die Eltern und Erzieherinnen - und setzte deshalb „beiden Trägern eine Frist für Erklärungen, ob denn nun der Betriebsübergang vollzogen werden kann.“ Diese Erklärungen seien am Montag angekommen: Das DRK erklärte einmal mehr, man würde die Kita natürlich gerne weiter betreiben. Das bestätigte am Dienstag auch Norbert Hahn aus dem DRK-Vorstand. Das Lebenszentrum unterstrich: So lange das Problem ungelöst sei, sehe man sich nicht in der Lage, die Kita zum 1. August 2019 zu übernehmen.

? Und später?

DRK und Lebenszentrum gehen jetzt von einem Betreiberwechsel im Sommer 2020 aus. Das erklärten Hahn und Radix übereinstimmend. „Wir sind immer noch in Verhandlungen, aber wir wollen keinen Übergang, der mit der heißen Nadel gestrickt ist“, sagte Hahn. Erst müsse die Hängepartie aufhören. Radix betonte: Man wolle das Thema nicht erst im Frühjahr 2020 klären, sondern möglichst schon 2019. Bevor noch mehr Unruhe aufkomme bei den Mitarbeitern und Eltern.

? Wie könnte denn eine Lösung aussehen?

Lebenszentrum-Geschäftsführer Radix erinnert sich an eine ähnliche Situation vor einigen Jahren in Unna. Dort habe die Stadt quasi zugesichert, dass sie im größten Notfall die Beiträge für das Lebenszentrum weiter bezahlen würde, zum Beispiel, wenn das insolvent würde. Einen Fall, den Radix ohnehin für extrem unwahrscheinlich hält. Seit 140 Jahren gebe es das Lebenszentrum mittlerweile. Und eine finanzielle Schieflage sei nicht in Sicht. Allerdings, das fügt Radix an: In Unna sei es seinerzeit um drei oder vier Mitarbeiterinnen gegangen, nicht um so viele wie jetzt bei der Kita Gänsewinkel.

? Gibt es eine andere Idee?

Ja, Radix hat sich an Ina Scharrenbach gewandt, die NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung. Die CDU-Politikerin kommt aus Kamen und kennt das Lebenszentrum Königsborn. Ihr Ministerium habe zugesagt, so Radix, sich um die Frage mit der kommunalen Zusatzversorgung zu kümmern. Wie schnell es eine Lösung geben könne, sei da aber natürlich offen.

? Und wenn es auch bis 2020 keine Einigung geben sollte?

Das DRK stünde weiterhin bereit, signalisiert Norbert Hahn. Die Hoffnung sterbe ja zuletzt. Die Eltern seien zufrieden, die Mitarbeiter „sehr DRK-affin“. Vielleicht gelinge es ja der Stadt Schwerte auch noch, einen alternativen Plan zu finden. Noch sei ja Zeit.

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