Nach monatelangem Schweigen: Michael S. will doch über den Mord in Ergste reden

hz72-Jährige getötet

Monatelang saß er schweigend im Prozess. Und fast alles deutete darauf hin, dass er eine 72-Jährige in Ergste umgebracht hat. Jetzt will Michael S. reden. Was den ganzen Zeitplan umwirft.

Ergste

, 30.09.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alles war durchgetaktet, man wollte offenbar endlich fertig werden mit diesem Prozess. Einen Zeugen hatte das Gericht nach Rücksprache mit Staatsanwaltschaft und Verteidiger dann doch wieder ausgeladen.

Nach einem Telefonat hatte sich herausgestellt, dass der Zeuge, der sich selbst beim Gericht gemeldet hatte, einiges zu den Vorgängen in den JVA in Schwerte-Ergste hätte sagen können - aber eben nichts Wesentliches rund um den gewaltsamen Tod der 72-Jährigen in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar in ihrem Haus an der Gillstraße.

Blieben also die Plädoyers von Staatsanwalt Michael Burggräf und Verteidiger Martin Düerkop, vielleicht vorab ein paar Nachfragen an den psychologischen Gutachter Pedro Faustmann, der Michael S. schon mehrfach besuchte und ihn auch nach Aktenlage durchleuchtete.

So hatte der Vorsitzende Richter Marcus Teich denn auch den Beginn des Verhandlungstages relativ kurzfristig von 9 auf 11 Uhr verschoben. Viel stand ja nicht an. Und die Urteilsverkündung sollte ohnehin erst am Donnerstag, 10. Oktober, sein.

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Michael S.: Wollte wieder zurück in den Käfig

Dann aber hieß es, Michael S. wolle gerne noch etwas sagen. Das ist einem Angeklagten erlaubt. Das dürfte ein Richter nicht einmal untersagen, wenn er es wollen würde.

Also redete Michael S. - über sein Leben im Allgemeinen, ausgeschmückt mit vielen dramatischen Details. Mit fünf Jahren schon eingesperrt im Keller - und solch einen Käfig habe er seitdem immer wieder gesucht in seinem Leben.

Nach monatelangem Schweigen: Michael S. will doch über den Mord in Ergste reden

Direkt nebenan: Wer im Landgericht aus dem Fenster guckt, schaut auf die Justizvollzugsanstalt Hagen. © Björn Althoff

Alle nutzen ihn aus - er erhalte nie einen Dank

Insgesamt 33 von 50 Lebensjahren hinter Gittern. Der Rest, als grobe Zusammenfassung: Tue er Gutes, danke es ihm niemand. Die anderen würden ihn aber schlecht behandeln. Körperlich, sexuell sogar - und auch geistig.

„28 Jahre, jeden Tag“ habe er sich selbst mit dem Mord von 1990 beschäftigt. Oft durch Malerei. Das seien doch alles Hilferufe gewesen, die aber niemals jemand gehört habe.

Nie habe er ein Leben gehabt, warf er den Richtern entgegen. Marcus Teich, der ihm viele Minuten lang in die Augen geschaut hatte, antwortete nur: „Naja, am Ende ja schon...“

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Einzelgespräch mit dem Psychologen, der dann im Saal berichtet

Dann der sicherlich entscheidende Satz von der Richterbank aus: „Und zum Leben draußen wollen Sie sich nicht äußern? Das wäre für uns ja sehr interessant.“

Nach einem anfänglichen „Nein“ tauschten Michael S. und sein Verteidiger Blicke aus. Und nach einer rund halbstündigen Pause stand dann fest: Doch, Michael S. will sich doch zu den Tatvorwürfen äußern.

Allerdings nicht in öffentlicher Verhandlung, sondern im Einzelgespräch mit dem Psychologen. Und das geht nicht mal eben so in einer Verhandlungspause. Das soll in den nächsten Wochen in der JVA Hagen passieren, in der Michael S. seit seiner Festnahme sitzt.

Der Termin am 10. Oktober um 9 Uhr bleibt bestehen. Dann wird aber wohl nicht viel passieren. Entscheidender werden die beiden neuen letzten Verhandlungstage: 30. Oktober, 14 Uhr, und 6. November, 11 Uhr. Am ersten gibt Psychologe Faustmann das wieder, was Michael S. ihm erzählt. Am zweiten folgen Plädoyers und Urteil.

Vorwurf wird allgemeiner: „Tötungsdelikt“ statt „Mord“

Übrigens sind die Vorwürfe aus der Anklageschrift abgewandelt: War vorher nur von einem Mord zur Vertuschung einer Straftat die Rede, ist es nun verallgemeinert von einem Tötungsdelikt. Ein möglicher Diebstahl und die Körperverletzung an sich tauchen nun nicht mehr auf - dafür aber die Möglichkeit einer sexuellen Nötigung.

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