Plastikfrei einkaufen in Schwerte ist aufwendig - aber nicht unmöglich

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Plastik überall in den Schwerter Supermärkten. Es geht aber auch ohne. Wer gut hinschaut, schafft den umweltbewussten Einkauf (fast) ohne Mühe. Unsere Reporterin hat das Experiment gewagt.

Schwerte

, 08.02.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ein wenig geschockt bin ich immer, wenn ich mir die Supermarktregale anschaue - eigentlich mehr als nur ein wenig. Und eigentlich fühle ich mich damit oft allein.

Wir befinden uns im Plastik-Zeitalter. Das Problem: Der Kunststoff ist nicht biologisch abbaubar, verrottet also nicht. Bis eine PET-Plastikflasche komplett „verschwunden“ ist, kann es bis zu 450 Jahre dauern, eine Plastiktüte überlebt 20 Jahre in der Natur.

Der Aufschrei wird größer, und so langsam findet ein Umdenken statt: Viele Supermärkte, Modeketten und Kaufhäuser haben Plastiktüten aus dem Sortiment verbannt, alternativ gibt es Papiertaschen oder Stoffbeutel.

Und auch auf höherer Ebene tut sich etwas. Das Europäische Parlament hat den Verkauf von Einweg-Kunststoffartikeln verboten. Bis 2021 sollen Strohhalme und Plastikbesteck aus den Regalen verschwunden sein. Vielen geht das nicht weit genug. Denn was ist mit den Plastikverpackungen?

Hier kommen die Verbraucher, also wir Kunden, ins Spiel. Immer mehr Menschen wollen nachhaltig und bewusst einkaufen und dabei auf unnötige Verpackungen verzichten. Aber funktioniert das überhaupt?

Ich habe es in der Schwerter Innenstadt versucht. Ich möchte alles vor Ort bekommen und nichts im Internet bestellen - an sieben Tagen. Sieben Produktkategorien, sieben Mal einkaufen, sieben Mal ein gutes Gewissen.

Obst und Gemüse: Aller Anfang ist einfach

Es ist die Aufwärmphase dieses Experiments. Denn Obst und Gemüse ohne Plastikverpackung zu kaufen, ist leicht. Naja, wenn man auf dies und das verzichten kann.

Viele Lebensmittel, die gerne im praktischen Plastiknetz gekauft werden - Kartoffeln, Zwiebeln, Orangen - gibt es lose zu kaufen. Schwierig wird es aber bei Beeren, Weintrauben und Co. Denn Kleinobst gibt es eben oft nur in den Plastikboxen, die zuhause direkt im Müll landen und da zusätzlich jede Menge Platz wegnehmen.

Generell gilt: Sobald Obst- oder Gemüsesorten im Stückpreis verkauft werden, sollten sie immer ohne Plastiktüte gekauft werden. Rewe- und Edeka-Filialen verkaufen auch in Schwerte schon Mehrwegnetze, damit nichts lose in der Einkaufstasche herumfliegt.

Plastikfrei einkaufen in Schwerte ist aufwendig - aber nicht unmöglich

Die Mehrwegnetze eignen sich perfekt für den Transport von losem Obst und Gemüse. Viele Supermärkte bieten auch schon Papiertüten an. © Aileen Kierstein

Für mich besonders interessant: vor allem Bio-Obst und -Gemüse ist eingeschweißt. Paradebeispiel dafür sind Gurken. Grund ist, dass Händler Bio- und Nicht-Bio-Produkte trennen müssen – und Klebeetiketten auf Gurken nicht halten.

Apropos Klebeetikett: Der Plastiksticker auf Äpfeln oder Kiwis wird im Experiment zur ersten Falle - der lässt sich nicht vermeiden. Bald soll ihn aber ein Laser, der Lebensmittel als „bio“ markiert, überflüssig machen - das gilt dann auch für Gurken.

Ich bin zufrieden mit meiner gesunden Ausbeute, noch sieht mein Einkauf nicht wirklich anders aus als sonst. Durch die Mehrwegnetze spare ich mir die kleine Plastiktüte von der Rolle. Der Preisunterschied von wenigen Cents beim Wiegen an der Kasse stört mich nicht.

Fisch und Fleisch: Heißt plastikfrei auch vegetarisch?

Ich starte also top-motiviert in den zweiten Tag meines Experiments, wenn auch etwas skeptisch. Fisch- und Fleisch steht auf meiner Einkaufsliste. Kein leichtes Spiel: In den Kühltheken stapeln sich die Plastikverpackungen, an der Frischetheke benutzen die Verkäuferinnen Einweghandschuhe und tüten die Bestellung gleich doppelt ein.

Ich versuche es mit einer mitgebrachten Glasdose an der Theke im Rewe und sehe es schon am Blick der Verkäuferin: Das wird nichts. „Wir würden gerne, dürfen aber nicht.“ Aus hygienischen Gründen. „Falls hinterher etwas mit dem Fleisch nicht stimmt, kann niemand nachvollziehen, ob Keime im Fleisch waren oder in der Dose.“ Ich bekomme also kein Fleisch und will es später beim Metzger und auf dem Wochenmarkt probieren. Da klappt es tatsächlich.

Ähnlich ist es beim Fisch. Wer im Supermarkt oder Discounter ohne eigene Fischtheke einkauft, hat den Kampf gegen Plastik sowieso verloren. In der Tiefkühltheke gibt es viele Verpackungen aus Pappe, als ich die eine von ihnen zuhause öffne, fällt mir Fisch in Folie entgegen. Plastikfalle Nummer zwei.

Körperpflege: teuer und niemals plastikfrei

Für unsere Körperpflege nutzen wir unglaublich viele Pflege-Produkte mit Plastik. Mikroplastik in Kosmetika ist keine Seltenheit.

Info

Kosmetik- und Reinigungsartikel enthalten Mikroplastik: Das sind kleinste Partikel mit einem Durchmesser von unter fünf Millimetern, die über den Abfluss ungehindert in unsere Gewässer gelangen.

Viele Duschgels, Shampoos und Cremes enthalten Plastik und machen zusätzlich viel Verpackungsmüll. Schon lange vor dem Experiment habe ich eine Zahnbürste aus Bambusholz besessen - aus dem Internet, weil ich sie in keinem lokalen Markt finden konnte. Mittlerweile haben sie es aber auch in die großen Supermärkte geschafft, ich nehme also noch eine mit. Ebenfalls neu: Zahnputztabletten. Die werden zerkaut und lassen sich wie Zahnpasta verwenden. Alternativ dazu geht Kokosöl.

Plastikfrei einkaufen in Schwerte ist aufwendig - aber nicht unmöglich

Im Drogeriemarkt gibt es Zahnbürsten aus Bambus und Zahnputztabletten. © Aileen Kierstein

Auch Creme und Deo finde ich im Glas, beim Preis falle ich aber fast hintenrüber. Für das Creme-Deo zahle ich knapp neun Euro, die Creme liegt bei sechs Euro. Und unter dem Deckel befindet sich dann doch noch das Hygiene-Siegel. Aus Plastik. Falle Nummer drei.

Erstaunlich einfach ist es dagegen bei Shampoo und Duschgel. Ich steige um von flüssig auf fest: sogenannte „Shampoo-Bars“ sind die plastikfreie Alternative, und man kann sie in Seifenläden und Supermärkten bekommen. Außerdem landet ein Block Seife in meinem Einkaufskorb, und ich fühle mich schon fast ein bisschen altmodisch.

Plastikfrei einkaufen in Schwerte ist aufwendig - aber nicht unmöglich

Eine teure Ausbeute: Plastikfreie Kosmetikprodukte haben ihren Preis. © Aileen Kierstein

Der bewusste Einkauf spricht für sich: An der Kasse lege ich 40 Euro auf die Theke. Ein gutes Gewissen hat eben seinen Preis. Übrigens: Wer bei Kosmetik und Hygiene-Artikeln auf Nachhaltigkeit setzt, ist im Bio-Markt oder Reformhaus gut aufgehoben.

Getreide: Große Portionen, größere Preise

Der Einkauf im Drogeriemarkt hat meinen Kampfgeist geweckt. Ich habe bislang alles ohne Plastikverpackung kaufen können. Und ich habe einen Lauf. Beim Bäcker bekomme ich mein Brot unverpackt, der Verkäuferin sei es egal, wie die Kunden ihr Brot transportieren.

TIPP

Schwerte hat keinen eigenen Unverpackt-Laden. Kunden bringen Dosen oder Gläser mit und füllen sich dort nur das ab, was sie brauchen. In Dortmund gibt es „pur - loses und feines“, in Witten die „füllbar“.

Vielleicht sollte sie mal mit ihrer Kollegin an der Fleischtheke reden, denke ich mir. Im Discounter bekomme ich meinen Reis im Jutesack - auch wenn es viel mehr ist, als ich jemals essen kann.

Im Nudelregal muss ich dann kapitulieren - es ist voll mit in Plastik verpackten Lebensmitteln. Auch in den anderen Märkten sieht es nicht besser aus. Erfolgreich werde ich erst im Drogeriemarkt: ein Paket Dinkel-Nudeln in Papiertüte für 2,85 Euro! In diesem Experiment bleibt mir nichts anderes übrig, als den Preis zu zahlen.

Plastikfrei einkaufen in Schwerte ist aufwendig - aber nicht unmöglich

Reis, Nudeln und Hülsenfrüchte lassen sich in Glasbehältern leicht verstauen. © Aileen Kierstein

Putzmittel und Haushaltswaren: keine Chance!

Am fünften Tag halte ich mich gar nicht lange im Regal für Reiniger auf. Es ist aussichtslos - zwar bekomme ich eine plastikfreie Waschpulver-Packung für Großfamilien und Taschentücher aus der Pappbox, das war’s dann aber.

Tipp

Putzlappen können auch durch alte Küchentücher, Handtücher oder T-Shirts ersetzt werden, zum Spülen eignet sich ein Luffaschwamm. Den kann man übrigens auch selbst züchten.

Bei Reinigern, Spül-Tabs und Müllbeuteln geht es nicht ohne Kunststoff. Zuhause möchte ich Allzweck-Reiniger aus Orangenschalen und Essig herstellen (alternativ geht auch Natron), bei Mülltüten steige ich auf Bio-Papierbeutel um.

Milchprodukte: Es ist kompliziert

Wer Milch und Joghurt plastikfrei kaufen will, der hat es leicht im Supermarkt. Zwischen vielen kleinen Bechern und Tetrapacks verstecken sich einzelne Gläser und Glasflaschen. Alternativ kann man auch direkt beim Bauern kaufen oder zur Milchtankstelle fahren. Da müsste der Kunde in plastikfreier Mission auch Butter, Käse und Sahne im Glas kaufen, all das gibt es im Supermarkt nämlich nicht.

Schweren Herzens verzichte ich auf Feta und Mozzarella und stapfe leicht beleidigt mit meinen Milchflaschen zur Kasse. Erst auf dem Wochenmarkt bekomme ich, was ich brauche.

Süßkram und Getränke: Abschluss mit Umwegen

Ich bin am letzten Tag meines Experiments, und habe trotz kleiner Hürden meine Motivation nicht verloren. Ganz im Gegenteil.

Tipp

Trink Leitungswasser oder kaufe Wasser in Glasflaschen. Packe immer einige Einkaufsbeutel ein und kaufe Gemüse und Obst unverpackt. Lebensmittel können in Glas, Edelstahl und Stoff gelagert werden.

Für das Wochenende mache ich mich auf die Suche nach Getränken, Chips und Schokolade. Die Ausbeute ist mager: In meinem Wagen landen eine Tafel Schokolade in Papier verpackt (zuhause werde ich unter dem Papier noch eine Plastikfolie finden, Falle Nummer vier) sowie zwei Flaschen Saft. Die kosten jeweils 2,65 Euro, obwohl es die Plastikalternative schon für 80 Cent gegeben hätte - allerdings ohne Pfand.

Ich mache einen großen Bogen um Softdrinks. Pfand ist per se ein gutes System, fällt aber in der plastikfreien Woche raus. Auf Chips und anderen Süßkram muss ich definitiv verzichten - gar nicht schlimm, denke ich. Plastikfrei leben heißt in gewisser Weise auch gesund leben. Doppelt gut!

Plastikfrei einkaufen in Schwerte ist aufwendig - aber nicht unmöglich

In Schwerte bekommt man mehr plastikfreie Lebensmittel, als ursprünglich gedacht. © Aileen Kierstein

Was noch wichtig ist: Jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse beim Einkauf. Niemand muss von heute auf morgen auf Plastik verzichten. Lieber klein anfangen und ausprobieren! Und Kunststoff muss nicht immer schlimm sein - solange es sich nicht um ein Wegwerf-Produkt handelt. Hier gilt es, auf nachhaltige Alternativen umzusteigen.

Abschlussgedanken

  • Wer sich nicht auskennt, neu in Sachen Plastikvermeidung unterwegs ist, der kann schnell frustriert sein - aber ist das nicht immer so, wenn man alte Gewohnheiten ablegen will?
  • Jeder Kunde hat die Macht, etwas zu verändern: mit Konsequenz.
  • Der Kassenbon ist ein Stimmzettel! Hersteller wollen mit ihren Produkten Umsatz machen. Was nicht gekauft wird, fliegt raus. Das beste Beispiel sind Deos mit Aluminiumsalzen, davon gibt es heute kaum noch welche.
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