Vier Covid-19-Tote aus Fröndenberg und Schwerte haben seine Mitarbeiter schon überführt: Sascha Bovensmann weiß, was Corona für Bestatter verändert. Und wo die Politik ihn im Stich lässt.

Schwerte

, 07.04.2020, 18:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Infektionsschutzgesetz“ heißt es heute. „Bundesseuchengesetz“ hieß es früher. Was drin steht, regelt genau, was der Bestatter zu tun hat, wie er den Verstorbenen behandeln soll und darf, dass das würdevoll und sicher zugleich geschehen muss.

Sascha Bovensmann (47) weiß: Viele Jahre war das ein eher theoretisches Gesetz, doch dann kam Corona. „Was wir in den vergangenen Wochen an Auswirkungen hatten...“, sagt der Bestattungsmeister aus Schwerte. Und: „Jetzt wird‘s doch real.“

Familienbetrieb existiert seit vielen Jahrzehnten

Vor 87 Jahren machte sich sein Opa mit einer Schreinerei selbstständig, in der auch Särge entstanden. Heute ist da der Bestattungsbetrieb, Tüv- und Iso-zertifiziert. Sascha Bovensmann erwähnt noch einmal, dass er der erste Bestattungsmeister im Kreis Unna war, damals, 2002. Im BWL-Studium hatte er kurz zuvor schon den elterlichen Betrieb analysiert: Wie müsste man ein Bestattungshaus fit machen für die Zukunft?

Trotz aller Fachkenntnis und Vorausschau – auf so etwas wie Corona war selbst Bovensmann nicht vorbereitet. Als irgendwann der Anruf kam, dass ein Mensch aus Fröndenberg gestorben sei. Aus dem Ort also, in dem Bovensmann vor einigen Jahren Bestattungen Hellmann übernahm.

Es ist ein „Verstorbener“ und zugleich ein Virusträger

Es war ein Mann, der im Fröndenberger Schmallenbach-Haus gewohnt hatte, der dann im Krankenhaus in Menden starb, bei dem erst spät feststand: Ja, das Coronavirus, die tödliche Lungenkrankheit Covid-19 also sei die Ursache.

„Wir müssen uns besonders schützen“, unterstreicht Bovensmann, und er sagt das Folgende in der vorsichtigen Sprache der Bestatter. Die immer von dem Menschen reden, der jetzt nicht mehr ist. Vom „Verstorbenen“, wie Bovensmann betont.

Was er sagt – und da geht es nicht mehr um das Würdevolle allein, sondern auch um eine mögliche Infektion: Ein Mensch hat Luft in Mund und Nase, vor allem aber in der Lunge. Ist der Mensch tot, ist die Luft noch da. Wird dieser Leichnam aber bewegt, wird er umgelagert, dann entweicht Luft.

Und wenn da eine hohe Corona-Konzentration ist, dann wird die freigelassen auf die direkte Umgebung. Der Mensch mag gestorben sein. Das Virus aber ist vielleicht noch da.

Corona-Toter muss in eine spezielle Hülle

Bestatter setzen desinfizierende Tücher ein, die über Mund und Nase platziert werden. Der ganze Körper wird in eine Kunststoffhülle gelegt. Später muss der Sarg von außen als „infektiös“ gekennzeichnet werden, bevor er feuer- oder erdbestattet werden könne.

Soweit das Technische. Bovensmann kann seine Überführungsteams in verschiedene Einheiten aufteilen, die nicht aufeinandertreffen. Er kann Bürokräfte auf unterschiedliche Räume aufteilen, man kann Home-Office anordnen, nur per Video-Konferenz kommunizieren, und wer mit den Toten zu tun hat, kann Mundschutz, Handschuhe, Schutzkleidung tragen.

„Wir sind professionell darauf vorbereitet“, unterstreicht Sascha Bovensmann. Schon in der Vergangenheit habe man mit infektiösen Verstorbenen zu tun gehabt. Auf die Corona-Gefahr habe man mit neuen Arbeitsanweisungen, mit Videos und Trockenübungen an Lebenden reagiert.

Sascha Bovensmann ärgert sich, dass Bestatter in NRW nicht zu den "systemrelevanten Berufen" gehören.

Sascha Bovensmann ärgert sich, dass Bestatter in NRW nicht zu den "systemrelevanten Berufen" gehören. © privat

Wenn Angehörige nicht Abschied nehmen können

Durch all das lässt sich für den Bestattungsbetrieb das Risiko minimieren. Bevor sich Mitarbeiter sich infizieren und in Quarantäne müssten.

Doch Bovensmann weiß: Es geht doch vor allem um die Trauernden. Im Corona-Fall „darf nicht Abschied genommen werden. Und das ist wirklich schwierig, auch im trauerpsychologischen Prozess.“

Ein letzter Blick, der ist nicht möglich, wenn die Diagnose „Covid-19“ heißt. Wie in seinem Fall schon drei Mal in Fröndenberg und ein Mal in Schwerte geschehen.

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Zehn Menschen pro Trauerfeier – oder ein Video

Doch Corona wirkt sich auch aus auf alle, die nicht Corona haben: 600 Trauerfälle habe man pro Jahr in Schwerte, verdeutlicht Bovensmann. Für alle gelte derzeit: Trauerfeiern nur unter freiem Himmel, mit maximal zehn Menschen. In Dortmund muss man sogar alle Namen aufschreiben, mit Adresse versehen.

„Wir haben schon zwei Mal Trauerfeiern auf Video aufgenommen“, sagt Bovensmann. In einem Service-Portal sei das dann für die Angehören abrufbar, vor allem für diejenigen, die aus rechtlichen Gründen nicht hätten Abschied nehmen können.

Ärzte und Pfleger sind systemrelevant, aber Bestatter nicht

„Ich glaube, dass die uns vergessen haben“, sagt Sascha Bovensmann mit Blick nach Düsseldorf. In Bayern und Berlin gehören die Bestatter zu den „systemrelevanten Berufen“, wie Ärzte, Krankenschwestern, Polizei, die Mitarbeiter in Lebensmittelläden, Drogerien, Apotheken. In NRW nicht.

Gehört man zu den Unverzichtbaren der Gesellschaft oder nicht? Das mag man als irrelevant ansehen. Aber Bovensmann weiß um die ganz realen Auswirkungen, die so etwas haben kann: „Wenn uns die Schutzmaterialien ausgehen, dann ist es doch so, dass man als Systemrelevanter mehr Zugriffsmöglichkeiten hat.“

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Sorge um genügend neue Schutzkleidung

Die Frage, die er nicht ausspricht, die aber doch dahintersteckt: Wie soll es denn funktionieren, wenn ein Bestatter seine Mitarbeiter nicht mehr mit Schutzmasken, mit doppelt Handschuhen, mit Kunststoffhüllen für infektiöse Verstorbene ausstatten kann? Falls es tatsächlich noch viele Menschen geben sollte, die an Corona sterben, was soll mit ihnen geschehen?

Bovensmann sagt, auf die Schutzmaterialien bezogen: „Wir haben noch was, aber es reicht auch nicht ewig.“

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