Wenn Mails und Handys nicht mehr funktionieren, dann sollten wieder Brieftauben her. Findet zumindest unser Redaktionsteam. © picture alliance / dpa
Stromausfall

Voll unter Strom: Redakteure im Stromausfall

Wie berichtet man so völlig ohne Strom eigentlich über einen Stromausfall? Ein kurzer Erfahrungsbericht über verstummte Telefone, verlorene Kollegen und die Sehnsucht nach Brieftauben

Warum ich mitten in einem Stromausfall überhaupt Zeit zum Schreiben habe? Die Sache ist ganz einfach: Ich erreiche sowieso gerade niemanden. Der Stromausfall, der am Mittwoch (24.2.) ganz Schwerte lahmgelegt hat, hat eben auch unsere Redaktion lahmgelegt.

9 Uhr: Ja wo laufen sie denn?

Die erste Verwunderung macht sich bei uns in der morgendlichen Teams-Videokonferenz breit. Komisch, anstelle von sieben Redakteuren plus zwei freien Mitarbeitern sind nur vier Menschen an Bord. Und niemand meldet sich ab.

Dann sickern die ersten Nachrichten vom Stromausfall zu uns durch. Alle Kollegen, die sich in der Konferenz sehen können, sitzen im Home-Office. Und zwar außerhalb von Schwerte. Alle, die sich in der Redaktion oder in der Stadt befinden, könnten genauso gut auf dem Mars hocken. Wir verschieben die Besprechung und beschließen, Infos zu sammeln.

10 Uhr: Horror aus der Warteschleife

Infos sammeln, das ist leider nicht so einfach. Wer noch keinen Ohrwurm hat, sollte einmal versuchen, bei den Stadtwerken durchzukommen. Dort landen wir, obwohl wir bei der Pressestelle anrufen, direkt in der Warteschleife der Störungsstelle.

Ist ja logisch: Wir gehören zu den hunderten Menschen, die dort gerade Sturm klingeln. Die lieblichen Saxofonklänge der Warteschleife sind allerdings nichts für schwache Nerven. Morgen rufe ich da an und beschwere mich!

11 Uhr: Wir werden immer weniger

Während sich drei der Kollegen, die in der Redaktion sowieso nichts machen können, nach draußen stürzen, um sich die Auswirkungen des Stromausfalls anzuschauen, halten wir Home-Office-Kollegen die Stellung und aktualisieren die Berichte. Wir sind schließlich die einzigen, die noch unter Strom stehen. Doch die Rückrufe der Kollegen werden weniger, und nach und nach verschwinden sie scheinbar. Was ist passiert?

12 Uhr: Brieftauben wären jetzt toll

Wie sich herausstellt, kann von den Kollegen niemand mehr antworten, weil sämtliche Festnetze bekanntermaßen vom Strom abhängig sind – und die Mobilfunknetzte sind überlastet.

Das bedeutet: Warten. Zwischendurch trudeln plötzlich zwanzig Bilder über Mail ein, wenn einer der Kollegen es geschafft hat, mal schnell mit dem Auto die Stadtgrenze zu verlassen. Dann herrscht wieder Funkstille. Wenn man jetzt nur eine Brieftaube hätte.

13 Uhr: Treffen sich zehn Polizisten bei McDonalds

Ein Kollege sichtet viele Polizeiautos vor dem McDonalds-Restaurant am Eckey. Wir rufen in der Pressestelle an, in der es – Gottseidank – keine Warteschleife gibt. Doch einen Einsatz gibt es auch nicht.

Offenbar hat nur ein Schichtwechsel stattgefunden, den die Schwerter Polizei vermutlich mit Kaltgetränken statt heißen Burgern vornehmen musste. Wobei: Eiswürfel kühlen geht ja auch nicht…

14 Uhr: Warteschleife – der zweite Versuch

Ach ja, die Warteschleife. Da ist sie wieder. Nach einer Viertelstunde informiert mich die Störungsstelle, dass sie mich offiziell nicht informieren darf. Dass die Pressestelle überlastet ist. Und, dass es leider noch keine neuen Informationen gibt. Der Mann am anderen Ende klingt erschöpft. Hören die Mitarbeiter dort eigentlich selbst ihre Musik?

Die Kollegen Reinhard Schmitz (l.) und Heiko Mühlbauer haben es ins Licht geschafft: Sie sind in einem Wohnzimmer gelandet. Dort gibt es Strom.
Die Kollegen Reinhard Schmitz (l.) und Heiko Mühlbauer haben es ins Licht geschafft: Sie sind in einem Wohnzimmer gelandet. Dort gibt es Strom. © Mühlbauer © Mühlbauer

15 Uhr: Rettung ins stromversorgte Wohnzimmer

Geschafft! Wie zwei Gestrandete auf einer einsamen Insel haben sich die Kollegen Heiko Mühlbauer und Reinhard Schmitz in ein Wohnzimmer „gerettet“, das vom Stromausfall nicht betroffen ist. Dort essen sie Nussecken und bekommen einen Zuckerschock. Die genaue Adresse verraten wir lieber nicht. Immerhin kann unser Team wieder telefonieren.

16 Uhr: Sind alle wieder da?

Die zweite Konferenz des Tages ohne Strom. Es sind ein paar Nasen mehr auf den Bildschirmen zu sehen. Hach, ist das schön. Ich habe sie ja schon vermisst, die lieben Kollegen. Jetzt drücken wir alle die Daumen, dass der Strom bald wieder da ist. Und losen untereinander aus, wer als nächster bei den Stadtwerken anrufen muss. Musik ab!

17 Uhr: Die Rettung ist in Sicht

Die erlösende Meldung der Stadtwerke ist da: Bis 18:30 soll wieder Strom da sein. Puh. Trotzdem haben wir heute alle ein paar graue Haare mehr bekommen. Und haben auch schöne Zungenbrecher gelernt: „Rat tagt mit Aggregat“ und „Gastronomen ohne Strom“ zum Beispiel. Das ist so einer der Tage, an denen man sich fragt, warum eigentlich noch nicht Samstag ist…ich jedenfalls arbeite jetzt mal weiter. Und verabschiede mich später in einen hoffentlich stromversorgten Mittwochabend.

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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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