110 Jahre Schwerte-Iserlohn: Tierischer Schwarzfahrer versteckte sich in 4. Klasse

hzEisenbahn in Schwerte

Hochwasser riss die neugebaute Ruhrbrücke weg. Trotzdem ließ sich der Bahnbau von Schwerte nach Iserlohn nicht aufhalten. Vor 110 Jahren fuhr der erste Zug. Es gab viele Veränderungen.

Schwerte

, 04.10.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Schwarzfahrer war mehr als bescheiden. Er begnügte sich mit einem Waggon der 4. Klasse, als er sich in dem Dampfzug von Iserlohn nach Schwerte versteckte. Bei Reinigungsarbeiten wurde er doch entdeckt: Der Igel, der lebendig zwischen den Rohren der Heizung feststeckte. „Nach Entfernung der Schutzbleche wurde der blinde Passagier aus seiner misslichen Lage befreit“, zitiert Wolfgang Güttler die Schwerter Zeitung vom 21. Oktober 1911. Er stieß auf die ungewöhnliche Randnotiz, als er für die Eisenbahnfreunde Schwerte zum runden Geburtstag der Eisenbahn nach Iserlohn recherchierte. Vor 110 Jahren, am 30. September 1910, stampfte der Eröffnungszug über die neugebaute Linie. Gleichzeitig hieß es, endgültig Abschied zu nehmen von der Postkutsche.

Tunnel unter dem Schälk hindurch wäre zu teuer gewesen

Allerdings war die neue Eisenbahn in erster Linie nicht für den Personenverkehr, sondern für die Güterbeförderung gebaut worden. Fabrikbesitzer - so berichtet Wolfgang Güttler - setzten sich Ende der 1890er-Jahre beim Ausbau des westfälischen Schienennetzes für eine Verbindung von den Stahlwerken in Dortmund zu den Kalkwerken und Erzgruben des Sauer- und Siegerlandes ein: „Die Planungen sahen eine Streckenführung von Dortmund über Schwerte mit Fortsetzung nach Letmathe oder Iserlohn vor.“

1904 seien die Pläne für die Linie Schwerte-Iserlohn entlang des Baarbachs über Kalthof und Hennen konkret geworden. Die Variante, stattdessen ab Ergste über den Schälk nach Letmathe abzuschwenken, war schnell verworfen worden. Der Tunnel unter dem Schälk wäre viel zu teuer geworden.

Mit Eröffnung der Eisenbahn Schwerte-Iserlohn verschwand die letzte Postkutsche aus dem Ruhrtal. Die Abschiedsfahrt am 30. September 1910 wurde vor dem Iserlohner Bahnhof mit einem Foto gefeiert.

Mit Eröffnung der Eisenbahn Schwerte-Iserlohn verschwand die letzte Postkutsche aus dem Ruhrtal. Die Abschiedsfahrt am 30. September 1910 wurde vor dem Iserlohner Bahnhof mit einem Foto gefeiert. © Reinhard Schmitz (Repro)

Es gab viele Vorschläge. Der damalige Besitzer der Nickelwerke, Theodor Fleitmann, machte sich für einen Schienenweg durch das Elsebachtal stark. „Für dieses Projekt hatte Fleitmann finanzielle Mittel bereitgestellt“, berichtet Wolfgang Güttler: „Sie waren für diese Streckenführung zweckgebunden.“ Als der Industrielle jedoch 1904 gestorben sei, sei ein Jahr später die Entscheidung für die Linie durch das Baarbachtal gefallen.

Hochwasser schwemmte Ruhrbrücke Wandhofen wieder weg

Die Baukolonnen begannen 1907 mit dem recht aufwendigen Projekt, das etliche Brücken und Dämme erforderte. „Es wurden fast 40 Kunstbauten errichtet und rund 1 Million Kubikmeter Erdreich bewegt“, erklärt Wolfgang Güttler. Schließlich war zwischen Schwerte und Iserlohn ein Höhenunterschied von rund 130 Metern zu überwinden. Dazu kam eine Naturkatastrophe. Durch ein Hochwasser wurde die schon fertiggestellte große Ruhrbrücke bei Wandhofen im Februar 1909 schwer beschädigt.

Ein Dampfzug stampft in den 30er Jahren durch den Bahnhof Hennen.

Ein Dampfzug stampft in den 30er Jahren durch den Bahnhof Hennen. © Reinhard Schmitz

Doch der Aufwand wurde belohnt. „Aus einem Artikel der Schwerter Zeitung von 1911 ist zu entnehmen, dass in den ersten sechs Monaten des Bahnbetriebs am Ergster Fahrkartenschalter 27.123 Fahrkarten verkauft wurden“, recherchierte Wolfgang Güttler. Und das, obwohl dort in viele Bahnen gar nicht eingestiegen werden konnte. Sie fuhren als sogenannte Eilzüge ohne Zwischenstopp direkt von Schwerte nach Iserlohn durch. Erst nach Eingaben des Amtsmanns und der Gemeindevorsteher von Ergste und Hennen willigte die Königliche Eisenbahndirektion in Elberfeld (Wuppertal) ein, dass ab Oktober 1911 weitere Halte in Ergste, Hennen und Kalthof erfolgen sollten.

Der Bahn folgte das Stahlwerk in Ergste

Auch der Güterverkehr lief gut an. Im ersten Halbjahr nach der Eröffnung wurden 1083 Güterwaggons nach Ergste transportiert und 477 Tonnen Stückgut verladen. „Die Anbindung Ergstes an das Eisenbahnnetz war eine wesentliche Voraussetzung für die Gründung des Stahlwerks Ergste im August 1918“, berichtet Wolfgang Güttler: „Aus dem ehemaligen rein landwirtschaftlichen Dorf wurde ein respektabler Industriestandort.“ Das Stahlwerk (heute: Zapp) erhielt einen eigenen Gleisanschluss, der gleich von der Kettenfabrik Theile mitbenutzt wurde, die einen eigenen Verladekran aufstellte.

Ein Dampfzug stampft in den 30er Jahren durch den Bahnhof Hennen.

Ein Dampfzug stampft in den 30er Jahren durch den Bahnhof Hennen. © Reinhard Schmitz

Durch die Konkurrenz des Lkw ging das Transportraufkommen aber Anfang der 1960er-Jahre spürbar zurück. Die Ladegleise im Bahnhof Ergste verschwanden, die Güterzüge wurden eingestellt. Nur hin und wieder können noch spektakuläre Transporte von riesigen Transformatoren beobachtet werden. Die bis zu 500 Tonnen schweren Kolosse werden nach Hennen gebracht, um von dort auf Spezialfahrzeugen auf der Straße zum Umspannwerk in Sümmern weiterzurollen.

Es gab sogar einen Haltepunkt in Wandhofen

Im Personenverkehr hatten die Dampflokomotiven mit Beginn des Winterfahrplans am 30. Oktober 1954 ausgedient. Stattdessen konnten die Schwerter ein neues Fahrzeug bewundern: Die roten Schienenbusse brummten über die Strecke. Auch ein zusätzlicher Halt wurde eingerichtet: „Die Schwerter Zeitung berichtete, dass mit Aufnahme des Triebwagenverkehrs der neue Haltepunkt Wandhofen angefahren wird, der unweit der Bundesstraße in der Nähe der Eisenbahnbrücke angelegt wurde.“

Mehr Komfort als die Schienenbusse bieten die neuen Pesa-Triebwagen aus Polen, die jetzt auf der Strecke Iserlohn pendeln. „Die Eisenbahnerstadt Schwerte ist bis heute ein Bahnknoten“, sagt Wolfgang Güttler: „Von den im Zeitraum von 1867 bis 1912 errichteten Strecken sind alle noch in Betrieb.“ Im Schwerter Bahnhof, in den vergangenen Jahren aufwendig runderneuert, können die Reisenden aus Iserlohn in Züge in Richtung Dortmund, Hagen, Hamm und Kassel umsteigen.

Lesen Sie jetzt