Vor der Roten Armee aus Danzig geflüchtet, heute in Schwerte Zuhause

hz75 Jahre Kriegsende

Im Winter 1945 musste Werner Regenbrecht wie viele andere aus Danzig fliehen. Heute lebt er in Schwerte. Eine Geschichte, die sich nicht wiederholen soll.

Schwerte

, 13.04.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am 25. Januar 1945 erreichte die Rote Armee die heutige Stadt Malbork in Polen. In der Marienburg – dem ehemaligen Zentrum des Deutschen Ordens – verschanzte sich die Wehrmacht. Einen Tag später begann die Flucht von Werner Regenbrecht.

Flucht aus Danzig vor der Roten Armee

Am 26. Januar mussten viele Danziger vor der herannahenden Roten Armee fliehen. „Ich war gerade 8 Jahre alt geworden, der Jüngste war zwei Jahre“, erinnert sich Werner Regenbrecht an den Tag, als er mit seiner Mutter und den drei Geschwistern in Richtung Westen aufbrach.

Mit einen Pferdewagen machte sich sich die Familie in einem Treck auf den Weg. Nur das Nötigste wurde mitgenommen. Lediglich ein Zeltdach schützte die Flüchtenden auf dem Wagen vor der Witterung.

„Als es losging, waren wir neun Personen“, erzählt Regenbrecht. Denn auch andere Flüchtlinge schlossen sich an. Der Flüchtlingstreck, darunter viele Wagen mit Pferden, kam nur gemächlich voran. „Wir sind auch viel nebenher gelaufen, das ging ja verhältnismäßig langsam“.

Auf dem Weg stellte sich immer wieder die Frage, wo die Familie unterkommen sollte. „Wir sind von einem Dorf zum nächsten, haben in Schulen, Kirchen und bei Privatleuten übernachtet – solange die noch da waren.“

Ein Flüchtlings-Treck machte sich ab dem 25. Januar 1945 von Danzig auf den Weg Richtung Westen.

Ein Flüchtlings-Treck machte sich ab dem 25. Januar 1945 von Danzig auf den Weg Richtung Westen. © Bundesarchiv

Engländer bombardierten Dresden, das Ziel war Bremen

Im Laufe der Zeit kamen noch weitere Begleiter dazu. „Wir haben auch noch Flüchtlinge aus Ostpreußen mitgenommen, die zu Fuß gelaufen kamen. Dann hieß es auf einmal, wir müssten ganz schnell weg – am besten nach Kolberg.“

Die Hafenstadt Kolberg liegt etwa 200 Kilometer von Danzig entfernt. Dort sollte die Familie schließlich auf ein Schiff steigen, was die Mutter aber verhinderte.

Von Kolberg bog der Pferdewagen ab in Richtung Stettin. „Wir haben unterwegs erfahren, was eigentlich so los war: Die Engländer haben Dresden bombardiert. Im kleinen Städtchen Stargard habe ich dann den ersten deutschen Panzer gesehen.“ In Stettin angekommen, überquerte die Familie nachts die Oder über die Autobahnbrücke.

Ende März kam Regenbrecht schließlich mit seiner Familie in Bremen an. „Da hieß es, wir bräuchten nicht weiter“. Hinter ihnen lagen zwei Monate und etwa 1000 Kilometer Strecke.

Flüchtlinge erfuhren auch nach Kriegsende noch Ablehnung

Werner Regenbrecht und die anderen Flüchtlinge fühlten sich allerdings alles andere als willkommen: „Wir wurden da abgelehnt. Und es kamen noch mehr Flüchtlinge, wir waren die ersten da.“

Die Familie kam in einem Dorf bei Bremen unter.

Britische Soldaten marschieren durch das zerstörte Bremen am 26. April 1945.

Britische Soldaten marschieren durch das zerstörte Bremen am 26. April 1945. © A. N. Midgley

„Wir waren 70 Prozent Flüchtlinge. Wir sind bei einem Bauern untergebracht worden. Ein älteres Ehepaar mit einem Sohn und einem schönen großen Haus. Da wohnten 13 Flüchtlinge.“

Auf geschätzten 40 Quadratmetern lebte die fünfköpfige Familie für etwa 5 Jahre in dem Bauernhaus. Bereits im Sommer 1945 wurde Regenbrechts Vater aus der Kriegsgefangenschaft in Dänemark entlassen und komplettierte die Familie. Dennoch sei es eine „elende Zeit“ gewesen. „Wir hatten kaum zu Essen.“

Später erfuhr Regenbrecht, was in Danzig nach Einmarsch der Roten Armee passiert ist: „Das Haus in dem wir lebten ist in Flammen aufgegangen“. Auch sein Geburtshaus sei zerstört worden.

Ordensschwester kannte die Wohnorte der Familienmitglieder

1950 zog es die Familie dann ins Rheinland. Mit dem Zug ging es von Bremen in Richtung Koblenz. Dort wohnte die Tante von Werner Regenbrecht – eine Ordensschwester. Auch hier war man den Bewohnern fremd.

„Die wollten uns nicht haben. Die Rheinländer wollten vom Osten nichts wissen.“ So wurde die Familie zum Teil getrennt, um überhaupt unterzukommen. Während die Eltern in Koblenz blieben, kam Werner Regenbrecht in einem Pfarrhaus im 30 Kilometer entfernten Monreal unter, ging dort zur Schule und war in der Kirche aktiv.

Zwar trennten sich die Wege der Familienmitglieder, aber jeder in der Familie kannte die Anschrift der Ordensschwester. „Alle haben ihr geschrieben und sie hat geantwortet, wer wo wohnt.“

Nach Abschluss der Schule führte der Weg zurück nach Koblenz, wo Regenbrecht eine Lehre zum Bäcker und Konditor machte. Eigentlich wollte er Missionar werden.

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Nach 30 Jahren im Münsterland heute in Schwerte Zuhause

Später zog es ihn beruflich nach Hagen, lernte dort seine heutige Ehefrau kennen. Sie kauften sich ein Haus im Münsterland und lebten dort 30 Jahre.

Bei einem Spaziergang in Schwerte – eine Tochter wohnte dort – sagte er zu seiner Frau: „Ich kann mir vorstellen, in Schwerte zu leben. Das ist doch eine schöne Stadt.“ Innerhalb weniger Monate folgte der Umzug. Seit 13 Jahren lebt Regenbrecht nun in Schwerte und sagt dazu: „Ich bin froh, dass ich hier bin. Hier bin ich mit meiner Familie Zuhause.“

Die Geschwister sind heute noch im Bundesgebiet verteilt: Dortmund, Koblenz, Bayern.

„Es ist nicht zu Ende, es geht immer weiter“

Die Erlebnisse in seiner Kindheit als Flüchtling waren für Werner Regenbrecht prägend. „Wir wurden beschimpft und beleidigt.“ Deshalb warnt er: „Es ist nicht zu Ende, es geht immer weiter.“ Dabei sieht er nicht nur den Fremdenhass mit Sorge, sondern auch die politische Situation der jüngeren Vergangenheit in Thüringen.

Was er früher erlebt habe – Krieg, Flucht und Leid: „Das darf es nicht wieder geben.“

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