Vorurteile gegen Mormonen - Schwerter Mitglied erklärt seine Religion

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Vielweiberei und geheimnisvolle Tempel, was man über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage weiß, sind meist Gerüchte. Der Schwerter Mormone Mateusz Turek erklärt, was stimmt.

Schwerte

, 23.08.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die schnellst wachsende Kirche auf der Welt ist die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, viele kennen sie eher als Mormonen. Aber was wissen wir über diese Kirche? Und wie sieht es mit den ganzen Vorurteilen rund um die Glaubensgemeinschaft aus?

Auf Missionsreise

16 Millionen Anhänger hat die Kirche weltweit, die ihren Ursprung in den USA hat. In Deutschland sind es rund 40. 000. Die Hochburg der Mormonen liegt in Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Dort steht der Salt-Lake-Tempel. Aber auch in Deutschland gibt es zwei Tempel.

In Kontakt kommt man mit den Anhängern der Kirche meist, wenn sie missionieren. Sie versuchen andere Menschen für ihre Religion zu gewinnen und haben nur dieses eine Ziel. Dafür gehen viele Jugendliche der Mormonen für ungefähr zwei Jahre auf Missionsreise.

Daran glauben Mormonen

Ein Mormone in Schwerte ist Mateusz Turek (41). Er arbeitet als Koordinator für Seminare und Religionsunterricht für die Kirche der Heiligen der letzten Tage in Dortmund. Er hat selbst zweimal missioniert, zuletzt für drei Jahre in Polen.

Aber woran glauben Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage überhaupt? „Wir glauben an Leiden und Sterben Jesu Christi und an seine Auferstehung und an Vergebung der Sünden“, sagt Mateusz Turek.

Im Unterschied zu anderen Kirchen, wie der Katholischen Kirche, glauben die Anhänger der Mormonen aber an eine fortlaufende Offenbarung. Gott spreche immer noch mit den Menschen. Allen voran gibt es einen Propheten, der die Kirche leitet und den Anhängern hilft, nach Gottes Gebot zu leben. Zudem folgen sie neben der Bibel auch dem Buch „Mormon“, das eine zweite heilige Schrift für die Mormonen darstellt.

Handys, iPads und Zoom

Wer nach Mormonen im Netz sucht, der stößt auf viele Gerüchte. Eines davon ist, dass Jugendliche, die mit rund 18 Jahren für etwa zwei Jahre missionieren, auf Technik verzichten müssen. Das heißt kein Netflix, keine Playstation oder einfach mal Fernsehen.

Zwei Missionare besprechen ihren nächsten Termin in Frankfurt/Main.

Zwei Missionare besprechen ihren nächsten Termin in Frankfurt/Main. © picture-alliance/ obs

Mateusz Turek widerspricht: „Einen Verzicht auf Technik gibt es nicht. Die Jugendlichen haben Handys und iPads und können so auch mit ihren Familien über Zoom sprechen.“ Aber es gehe darum, dass die Jugendlichen sich auf ihre Aufgaben konzentrieren. Die Aufgabe, das ist die Botschaft zu verbreiten von der Auferstehung Jesu Christi und der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.

„Dazu ist die Technik sogar dienlich, um die Aufgabe zu erfüllen“, so Turek. Aber auch für Dinge wie Essen zu bestellen über das iPad sei die Technik da. „Die Jugendlichen auf Missonsreise werden dazu angehalten, nicht ständig auf Youtube unterwegs zu sein, aber das unterscheidet sich vielleicht auch von Region zu Region“, ergänzt Mateusz Turek.

So eine Regel gibt es nicht

Ein weiteres Gerücht ist, dass Frauen von Mormonen nur Besuch empfangen dürfen, wenn ein Mann aus der Familie anwesend ist. Dazu sagt der 41-Jährige: „Bei manchen Familien mag das so sein, aber bei mir ist es nicht so und ich kenne auch niemanden, bei dem das so ist.“ Es sei keine Regel der Kirche, dass Frauen keinen Besuch empfangen dürfen. „In unserer Religion geht es viel um sexuelle Reinheit, vielleicht ist es deshalb bei manchen Familien so, aber so eine Regel gibt es nicht“, so Turek.

Apropos Besuch, es heißt, dass Menschen, die keine Mitglieder sind, auch nicht in die Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage dürfen. Das stimmt so halb. „Tempel sind nicht für alle zugänglich, das stimmt“, sagt Mateusz Turek. Es gebe zwei Arten von Gebäuden bei den Mormonen: die Kirchen, sie werden auch Kapellen oder Gemeindehäuser genannt, und die Tempel. Letztere gibt es in Deutschland zweimal, in Friedrichsdorf und in Freiberg.

„Sich würdig fühlen“

In die Kirchen dürfen alle kommen, in die Tempel hingegen nicht einmal alle Mormonen. „Dafür muss man auch als Mitglied der Kirche bestimmte Auflagen erfüllen, sich würdig fühlen“, erklärt Turek. Aber wie fühlt man sich denn würdig genug? „Mitglieder, die Gebote befolgen, sich moralisch rein verhalten, haben erst ein Interview. Da werden dann Fragen gestellt wie: Glauben Sie an Gott und die Offenbarung? Halten Sie sich an die Gebote? Der Befragte entscheidet selbst, ob er würdig ist.“

Ein Raum im Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im sächsischen Freiberg.

Ein Raum im Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im sächsischen Freiberg. © pa/obs/Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzte

Als der Tempel in Friedrichsdorf vor gut einem Jahr saniert wurde, gab es einen Zeitraum kurz vor der Weihung, als alle Menschen diesen besichtigen durften. „Das war so wie Tage der offenen Tür. Da durften auch Fragen gestellt werden“, sagt Mateusz Turek.

Gegen die Lehre der Kirche

Ein anderes Vorurteil ist, dass Jugendliche auf Missionsreise gehen müssen. „Sie dürfen frei entscheiden was sie werden wollen, die Kirche gibt nicht vor was aus einem wird“, sagt der 41-Jährige, der selbst Vater ist. Auch dass Familien ihre Kinder verstoßen, wenn sie nicht missionieren oder sich gar von der Kirche distanzieren, stimme nicht.

„Das wäre sogar gegen die Lehre der Kirche, wenn jemand verstoßen wird. Wenn es um meine Familie gehen würde, fände ich es traurig, aber es wäre ihr Leben, ihre Entscheidung und ich würde den Kontakt nicht abbrechen“, erklärt Turek. Wenn jemand wegen eines Austritts ein Familienmitglied verstoße, findet Mateusz Turek „das ist nicht in Ordnung“.

In der Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage gibt es eine Zeit, in der Polygamie ausgeübt wurde. „Das änderte sich durch eine Veröffentlichung am 6. Oktober 1890 durch Wilford Woodruff“, erklärt Turek. Er war der vierte Präsident der Kirche. Trotzdem gebe es in den USA immer noch Abspaltungen der Mormonen. Sie leben nach wie vor in Polygamie. Aber wer das bei den Kirche Jesu Christi praktiziere, der werde ausgeschlossen. „Wer das tut, hält sich nicht an die Gebote unserer Religion.“

Nicht weniger wert

Familie ist in der Religion, die Mateusz Turek ausübt, besonders wichtig. „Für die Kindererziehung sind sowohl Mutter als auch Vater zuständig“, sagt er. Beide Geschlechter können in der Kirche hohe Leitungsfunktionen erreichen, nur das Priesteramt, sei wie bei der Katholischen Kirche, den Männern vorbehalten.

Auch Ledige seien nicht weniger wert, so wie es vielleicht den Anschein habe. Familie habe einen hohen Stellenwert, deshalb können sich Alleinstehende als Aussenseiter fühlen. Aber „niemand wird deshalb weniger geschätzt“, so Turek. „Jesu Christi ist für jeden Menschen da.“

Nicht selten wird die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage als Sekte bezeichnet. Diese Behauptung ist in den Augen von Mateusz Turek eher eine wissenschaftliche Diskussion. „Wir wurden immer schon so bezeichnet, aber wie definiert man das?“, fragt er sich. Er findet, dass „wir eine Kirche sind. Wir zwingen niemanden zu etwas, wir schotten uns nicht ab und beten keinen Anführer in einer kleinen Hütte an. Wir sind die Kirche Jesu Christi.“

Sekte sagt man nicht mehr

Aber was sagen Experten dazu? Dr. Martin Rademacher ist Vertretungsprofessor für Religionswissenschaft am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhr-Universität Bochum. Er sagt, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage aus religionswissenschaftlicher Sicht „nicht als „Sekte zu bezeichnen“ ist. Um neutral zu bleiben, „hat man sich darauf geeinigt, Formulierungen wie ‚neue religiöse Gemeinschaft‘, ‚kleine religiöse Gemeinschaft’ oder einfach ‚Religionsgemeinschaft‘ oder ‚religiöse Bewegung‘ zu verwenden.

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