Schwerter Apothekerin erklärt, warum immer öfter lebenswichtige Medikamente fehlen

hzArzneimittelmangel

Kein Blutdrucksenker, kein Impfstoff - die Liste der fehlenden Medikamente ist lang. Selbst Mittel gegen Krebs oder Parkinson fehlen. Schwerter Apotheker schlagen Alarm und nennen Gründe.

von Maximilian Stascheit

Schwerte

, 11.06.2019, 12:12 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Frust bei Heike Nickolay ist groß. Das Problem, dass sie ihren Kunden viele oftmals lebenswichtige Medikamente nicht aushändigen kann, ist für die Inhaberin der St.-Viktor-Apotheke längst zu einem leidigen Thema geworden. In ganz Deutschland klagen Apotheker über die erheblichen Lieferengpässe der Pharmafirmen – und ein Ende des Arzneimittelnotstands ist nicht in Sicht.

Betroffen seien nicht einzelne Medikamente oder Wirkstoffe, sondern nahezu das gesamte Sortiment von Blutdruck- und Schmerzmitteln bis hin zu Impfstoffen und Krebsmedikamenten. „Im schlimmsten Fall kann das bei den Patienten zu einer Umstellung der Medikation führen“, erklärt Nickolay.

Iboprofen-Firma ging in Flammen auf

Auch in der Rathausapotheke sind viele Standardmedikamente schon seit längerer Zeit Mangelware. „Aktuell habe ich 150 Lagerartikel auf der Liste, die aktuell nicht lieferbar sind“, erklärt Inhaberin Sarah Doll. Dazu kämen Medikamente, die direkt bei den Herstellern bestellt würden.

Bei der Frage nach den Gründen können auch die Apotheker vor Ort nur spekulieren. Klare Antworten bekomme man von den Herstellern nicht, beklagt Heike Nickolay. Ein Problem sei, dass sich die Medikamentenproduktion auf einzelne Teile der Welt konzentriere, an denen die Lohn- und Produktionskosten am geringsten sind. „Wenn es dort zu größeren Produktionsproblemen kommt, kann das erhebliche Auswirkungen auf den Weltmarkt haben“, so Nickolay. Ein konkretes Beispiel sei die Produktion von Ibuprofen: „Eine von fünf Fabriken, die den Wirkstoff herstellen, ist im letzten Jahr in Flammen aufgegangen“, erzählt die Inhaberin der St.-Viktor-Apotheke. „Wenn die 20 Prozent der gesamten Weltproduktion ausmacht, kann man sich vorstellen, dass es zu Engpässen kommt.“

Niedrige Preise als Hauptursache für den Mangel

Auch Sarah Doll übt scharfe Kritik an dem Preisdruck, unter dem die Hersteller stehen und der dazu führe, dass die Produktion der Medikamente fast ausschließlich in asiatischen Ländern stattfinde. Neben den daraus resultierenden Lieferengpässen bereitet ihr auch ein ganz anderer Aspekt Sorgen: „Auch sicherheitstechnisch ist das ein großes Problem. Eigentlich dürfte die Produktion von Medikamenten gar nicht auf dem asiatischen Markt stattfinden.“

Eine weitere mögliche Ursache sieht Heike Nickolay im Lagerungskonzept der Hersteller. „Die Medikamente werden eigentlich nur noch auf dem Transportweg gelagert. Große Hallen gibt es dafür fast gar nicht mehr“, sagt die Apothekerin.

Auch den bevorstehenden Brexit zählt sie zu den möglichen Ursachen des Problems. Zudem würden Medikamente aus Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen in andere Länder exportiert: „Es gibt andere Länder, in denen dafür einfach mehr gezahlt wird.“

Örtliche Apotheker helfen sich gegenseitig aus

„Wir sind einfach zu billig“, findet auch Sarah Doll. Die Sprecherin der örtlichen Apotheker sieht das preisliche Problem vor allem bei Generika, bei denen das Patent abgelaufen ist und deren Preise unter anderem durch Rabattverträge der Krankenkassen gesenkt würden.

Seien bestimmte Medikamente tatsächlich nicht lieferbar, würde sie meistens zunächst bei den örtlichen Kollegen nachfragen. „Wir tun alles Menschenmögliche, um die Medikamente für unsere Kunden zu besorgen“, versichert Doll. Im Zweifel sei es jedoch die einzige Lösung, Rücksprache mit dem Arzt zu halten und das Medikament umzustellen.

Große Hoffnungen auf eine baldige Verbesserung der Situation kann sie ihren Kunden nicht machen. „Ich habe eher den Eindruck, dass sich die Situation immer weiter verschlimmert“, so Doll. In ihren Augen sei die Politik gefordert, der sie in dieser Hinsicht jedoch Versagen vorwirft: „Ich sehe leider gar nicht, dass da irgendwas passiert.“

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