Da liegen gewöhnliche Eicheln im Wald? Auf dem Bürenbruch in Schwerte-Ergste nicht. Aus diesen Früchten werden einmal Bäume entstehen, die in ganz Deutschland in den Himmel wachsen sollen.

Ergste

, 25.11.2019, 12:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zwei Tonnen Eicheln. Also 2000 Kilogramm. Mal 200, denn so viele Eicheln sind es pro Kilo. Unterm Strich mache das also 400.000 Eicheln.

So viele hätten seine Mitarbeiter in den vergangenen Wochen im Bestand gesammelt, überschlägt Hendrik Wassermann, Junior-Chef auf Gut Halstenberg in Schwerte-Ergste. In seinem Bestand auf dem Bürenbruch stehen besondere Eichen.

Eicheln, die fast so aussehen wie Haselnüsse

Es sind nicht diejenigen, deren Blätter so aussehen wie auf den Cent-Münzen. Nicht die Stieleichen also, sondern andere: Die Lappen, die links und rechts an den Blättern abgehen, sind etwas spitzer. Die Eicheln haben zwar auch das charakteristische Hütchen, wenn sie wachsen. Sie sind aber nicht länglich, sondern eher rund und etwas größer. Fast könnte man sie mit Haselnüssen verwechseln.

Doch es handelt sich um Roteicheln, um die Frucht der Roteiche. Zudem um eine besondere Sorte. Denn was hier im Ergster Wald von den Bäumen fällt, wächst bald im ganzen Land.

Was in Ergste vom Baum fällt, wächst bald als Eichen im ganzen Land

Herrlicher bunter Herbst: Der Blick vom Hügel nebenan auf die Roteichen. © Björn Althoff

Deutschland ist zweigeteilt – in etwa wie bei Aldi

Oder, um etwas korrekter zu sein: im halben Land. Mit den Roteichen ist es wie mit Aldi: Deutschland ist zweigeteilt, und Ergste liegt knapp im Süden. Was Roteichen angeht, bildet die B1 in Dortmund die Grenze. Was südlich davon vom Baum fällt, darf auch nur südlich davon in Wälder gepflanzt werden, nachdem es die ersten Jahre in Baumschulen angezogen wird. Und die wiederum nehmen nur zertifizierte Früchte. So wie die Roteicheln vom Bürenbruch.

„Die Eicheln sind wirklich handverlesen“, erklärt Wassermann: Gesammelt wird nur, was kein Loch und keinen Riss hat, was noch nicht gekeimt ist und was ohne das Hütchen vom Baum gefallen ist. „Die Eicheln, die noch das Hütchen aufhaben, sind unfruchtbar. Die sammeln wir nicht, die lassen wir liegen. Darüber dürfen sich dann die Wildschweine freuen“, so Wassermann.

Was in Ergste vom Baum fällt, wächst bald als Eichen im ganzen Land

Die Eicheln der Roteiche sind runder und größer als normale Eicheln und sehen fast aus wie Haselnüsse. © Björn Althoff

Noch haben die Tiere aber keine Chance. Solange gesammelt wird, steht noch ein Elektrozaun am Waldweg. Zu kostbar sind die Roteicheln. Einen Teil der Baumfrüchte müssen die Waldbesitzer an ein Labor schicken. „Hinterher bekommen wir die Analyse, wie viel Prozent unserer Eicheln keimfähig sind“, erklärt Wassermann: „Das wird auch von den Baumschulen so gefordert.“

Baum ist besser auf den Klimawandel vorbereitet

Ursprünglich stammt die Roteiche aus Nordamerika. Schon seit Jahrhunderten wird sie allerdings auch in Europa gepflanzt. Ein Vorteil: Die Wurzel geht tief. Das macht den Baum erstens resistent gegen Stürme, lässt ihn zweitens auch genügend Wasser bekommen, wenn die oberen Erdschichten trocken sind.

In Zeiten des Klimawandels sind das plötzlich enorm wichtige Eigenschaften. Dass die Roteiche zudem besser mit Ruß klarkommt als andere Bäume – das hingegen ist heute nicht mehr so wichtig wie in vergangenen Jahrzehnten.

Was in Ergste vom Baum fällt, wächst bald als Eichen im ganzen Land

Oben die Roteichen, unten der Ahorn: Diese Eichenart verdrängt die anderen Bäume nicht, sodass ein Mischwald entstehen kann. © Björn Althoff

Das Allerwichtigste aber: „Die Roteiche ist nicht invasiv“, weiß Hendrik Wassermann. Soll heißen: Im Gegensatz zu anderen eigentlich fremden Arten breitet sie sich nicht aus und verdrängt heimische Arten.

Was auch mit dem Eichelhäher zusammenhängt. Dieser Vogel nimmt ähnlich wie das Eichhörnchen heruntergefallene Eicheln, vergräbt sie für schlechte Zeiten, vergisst sie dann aber. Die Folge: Die Eichel keimt, ein neuer Baum entsteht. Die Roteiche hingegen verschmäht der Vogel. Sie erfreut dann eher das Wildschwein.

Ein Teil der Roteichen wird später wieder in Ergste wachsen

Nur halt nicht dort, wo Wassermanns Mitarbeiter schon alles eingesammelt haben. „Einen Teil behalten wir selbst, um sie auf unseren Schadflächen auszusäen“, erklärt er. Viele Fichten seien dem Sturm Friederike und den Borkenkäfern zum Opfer gefallen. Jetzt soll dort nachhaltiger etwas wachsen: „Bei uns ist wirklich geplant, dass wir die Roteiche als kleine Blöcke immer dazwischen pflanzen, einfach um die Monokulturen zu entzerren.“

Was in Ergste vom Baum fällt, wächst bald als Eichen im ganzen Land

Die Roteiche stammt eigentlich aus Nordamerika, wächst aber auch in Europa sehr gut. Im Gegensatz zu anderen importierten Pflanzen verdrängt sie aber nicht die heimischen Arten. © Björn Althoff

Ob die Qualität der Bäume stimmt, testen Experten, erläutert Förster Andreas Weber. Fachkriterien wie Zwiesel und Drehwuchs würden dabei bewertet, und das geschehe frühestens 40 Jahre, nachdem die ersten Bäume gepflanzt wurden, und nur in Gebieten, die groß genug sind, dass die Eicheln von vielen verschiedenen Bäumen stammen. „Jeder Baum hat seine eigene Kleinstgenetik“, so Weber.

Anders gesagt: So wie Menschen keine Nachkommen mit engen Verwandten zeugen sollten, so sollte auch ein neuer Wald aus Bäumen bestehen, die nicht allzu eng miteinander verwandt sind.

Dass an der Qualität des Holzes hier auf dem Bürenbruch nichts zu beanstanden ist, sieht Förster Weber aber auch ohne lange Kriterienliste: „Die Bäume hier haben relativ lange gerade Schäfte und oben große Kronen. Würden sie hier stehen wie Obstbäume und zwei Meter über dem Boden schon auseinandergehen, dann würde man sagen: hmmm, eher schwierig. Aber so: Das sind ziemlich gute Bäume.“

Aufzucht

Wie entstehen neue Laubbäume, wie neue Nadelbäume?

Damit ein neuer Baum entstehen kann, müssen im Herbst die Früchte anderer Bäume gesammelt werden. Bei Laubbäumen wie der Roteiche geschieht das in Handarbeit auf dem Boden: Menschen sammeln die qualitativ guten Eicheln ein. Bei Nadelbäumen ist es komplizierter. Dort müssen die Samen aus den Zapfen geholt werden, wenn die noch am Baum hängen. Die Zapfenpflücker kommen entweder mit einem Hubsteiger in die Baumkronen. Oder sie klettern, wie man auf diesem Video sieht, nach oben. Die Samen und Früchte werden einige Jahre in Baumschulen aufgezogen und dann an Waldbesitzer verkauft, die sie dort einpflanzen, wo die Bäume jahrzehntelang wachsen sollen.
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