Wie Hitlers Wehrmacht sich mit Pferd und Fahrrad in Schwerte einquartierte

hzSensationeller Foto-Fund

Dass im Weltkrieg Truppen für den Westfeldzug in Schwerte einquartiert wurden, verschweigt das Stadtarchiv. Jetzt ist ein Fotoalbum aufgetaucht. Das zeigt sie ganz anders als die Propaganda.

Schwerte

, 01.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit Pferd und Planwagen in den Zweiten Weltkrieg. Oder mit dem Fahrrad und bestenfalls auf dem Moped. Ein Fotoalbum, das jetzt in Schwerte aufgetaucht ist, zeigt Hitlers Wehrmacht von einer ganz anderen Seite als die Propagandafilme einer hochmotorisierten Armee.

Auf einem Bauernhof mit Kornbrennerei an der Schützenstraße warteten Soldaten, die den am 1. September 1939 gestarteten Angriff auf Polen in wenigen Wochen siegreich beendet hatten, auf neue Befehle.

In ihre ostpreußische Heimat durften sie nicht zurück. Die Generäle hatten offensichtlich noch mehr mit ihnen vor. Die Pläne waren aber so geheim, dass über die Einquartierung - anders als im Ersten Weltkrieg - nirgendwo auch nur eine Zeile in der Schwerter Zeitung berichtet wurde.

Keiner sollte offenbar wissen, wie viele Truppenteile schon in der Nähe der deutschen Westgrenze geparkt waren. Hier sollte am 10. Mai 1940 der Einmarsch nach Holland und Belgien beginnen.

Unwirkliche Bauernhof-Idylle mitten im Krieg

Kurz vorher, im Frühjahr 1940, lagen die Soldaten noch friedlich auf dem Anwesen an der Schützenstraße in Schwerte. Eine fast unwirkliche Bauernhof-Idylle zum Atemholen in der Kriegspause. Einer döst auf einem Stuhl neben dem Misthaufen, sein Kamerad hockt auf einer Bank und füttert ein Schäfchen mit einer Milchflasche.

Am Rande einiger Fotos sind Kinder als Zuschauer zu erkennen, deren Kleidung auf die Jahreszeit schließen lässt. „Die Einquartierung war damals Unterhaltung, ein Event“, erklärt Stadthistoriker Alfred Hintz. Eine willkommene Abwechslung für die Schwerter in Zeiten ohne Fernsehen und Smartphone. Die Stimmung sei positiv gewesen, weil die Männer als Sieger aus Polen zurückgekehrt seien.

Wie Hitlers Wehrmacht sich mit Pferd und Fahrrad in Schwerte einquartierte

Mit Pferde-Planwagen waren die deutschen Soldaten unterwegs, die im Frühjahr 1940 auf dem Hof Potthoff an der Schützenstraße einquartiert wurden. © Repro: Reinhard Schmitz

Ein so direkter Kontakt zu der Truppe war selten, wie Hintz weiß: „Normalerweise war sie kaserniert oder im Felde.“ Wenn die Soldaten durch Deutschland weiterzogen, mussten sie aufgenommen werden - auch von Privatleuten, die dafür eine Entschädigungszahlung erhielten.

„Es gab ein Gesetz für mobile Truppen“, erläutert der Stadthistoriker. Normalerweise sei ihnen ein Quartiermeister eine Tagesreise voraus gefahren, um in den Orten entlang der Marschroute nach einer geeigneten Unterbringungsmöglichkeit zu suchen: „Er hat im Rathaus vorgesprochen, und die Stadt musste Quartiere benennen.“

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Fotos von der Soldaten-Einquartierung im Frühjahr 1940 in Schwerte

Im Nachlass ihrer Schwiegermutter stieß die Schwerterin Anne Potthoff auf ein kleines Fotoalbum. Es zeigt Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg zwischen dem Polen- und dem Westfeldzug in Schwerte einquartiert wurden.
29.08.2019
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Nach den Strapazen des Polenfeldzugs konnten sich die Soldaten auf dem Hof Potthoff ein wenig erholen, bevor es weiterging Richtung Westen.© Repro: Reinhard Schmitz
Truppenparade der in Schwerte einquartierten Schützenkompanie im Frühjahr 1940.© Repro: Reinhard Schmitz
Vor der Gastwirtschaft Potthoff an der Schützenstraße sind die dort einquartierten Soldaten im Frühjahr 1940 angetreten.© Repro: Reinhard Schmitz
Ein in Schwerte einquartierter Soldat aus Königsberg mit seinem Motorrad.© Repro: Reinhard Schmitz
Anhand des Nummernschilds "WM" auf dem Motorrad konnte das Zentrum für Militärgeschichte ermitteln, dass die einquartierten Soldaten im Wehrkreis I Königsberg im 1. Armeekorps aufgestellt worden waren.© Repro: Reinhard Schmitz
Zwischen dem Polen- und dem Westfeldzug erholten sich die Schützenkompanie bei der Einquartierung.© Repro: Reinhard Schmitz
Offensichtlich nutzten die einquartierten Soldaten auch Fahrräder, um in die Stadt zu fahren.© Repro: Reinhard Schmitz
Mit dem Fahrrad starteten die einquartierten Soldaten auf dem Hof Potthoff wohl zu kleinen Ausflügen in die Stadt.© Repro: Reinhard Schmitz
Auf dem Hof der Kornbrennerei Potthoff an der Schützenstraße wurden im Frühjahr 1940 Truppenteile des I. Armeekorps aus Königsberg einquartiert. Sie waren im Anschluss an den Polenfeldzug Richtung Westen verlegt worden, bevor sie am 10. Mai 1940 durch Holland nach Frankreich einmarschierten.© Repro: Reinhard Schmitz
Zur Parade angetreten ist die in Schwerte einquartierte Schützenkompanie im Frühjahr 1940.© Repro: Reinhard Schmitz
In der Gastwirtschaft Potthoff an der Schützenstraße versuchten die einquartierten Soldaten bei Bier und Korn, den Krieg zu vergessen.© Repro: Reinhard Schmitz
Erstaunlich: Die Soldaten hatten keine Lkw, sondern Pferde-Planwagen wie in Cowboyfilmen.© Repro: Reinhard Schmitz
Der Hofhund der Familie Potthoff schien bei den Soldaten Freunde gefunden zu haben.© Repro: Reinhard Schmitz
Mit Pferdeplanwagen waren die deutschen Soldaten unterwegs, die im im Frühjahr 1940 auf dem Hof Potthoff einquartiert wurden.© Repro: Reinhard Schmitz
Ein einquartierter Soldat füttert auf dem Hof Potthoff ein Kälbchen mit einer Nuckelflasche.© Repro: Reinhard Schmitz

Quartierslisten aus dem Zweiten Weltkrieg sind Stadtarchivarin Dr. Andrea Niewerth nicht bekannt. Ob sie nie angelegt oder gezielt vernichtet wurden - das wäre reine Spekulation. Umso spektakulärer ist deshalb das Fotoalbum mit der Aufschrift „Zur Erinnerung an die Einquartierung im Kriegsjahr 1940“, das die Schwerterin Anne Potthoff im Nachlass ihrer Schwiegermutter gefunden hat.

Den kleinformatigen Schwarzweiß-Abzügen können Experten im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (Potsdam) sogar einiges entlocken, was das Stadtarchiv verschweigt.

Nummernschild führt nach Königsberg

Anhand der Kraftfahrzeugnummer WM an einem Krad ermittelte Angelika Nawroth aus der Ansprechstelle für militärhistorischen Rat, „dass die betreffende Truppe im Wehrkreis I - Königsberg - I. Armeekorps aufgestellt wurde“. Dieses sei im Anschluss an den Polenfeldzug an den Niederrhein verlegt worden, um am 10. Mai 1940 im Verband der 6. Armee den Vormarsch durch Holland und Nordfrankreich zu starten.

„Vermutlich handelt es sich um Teile der 11. Infanterie-Division“, erklärt Angelika Nawroth weiter, die annimmt, dass es sich bei den Einquartierten um eine Schützendivision handeln müsse. Den Abschied haben die Soldaten in der zur Kornbrennerei gehörigen Kneipe noch einmal begossen. Ein Bild zeigt sie an einer langen Tafel vor Biergläsern und Schnapspinnchen, bevor es wieder in den mörderischen Krieg ging.

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