Hat er den Mord an der 72-Jährigen aus Ergste begangen? Sechs Prozesstage saß Michael S. schweigend im Gerichtssaal und zeigte keine Regung. Dann ging es um seine Zeit in der JVA Schwerte.

Ergste

, 04.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Verteidiger war überrumpelt. Sechs Prozesstage lang hatte Michael S. (51) nichts gesagt - nichts zum Vorwurf eine 72-Jährige ermordet zu haben, nichts über die Zeit seit seiner Entlassung aus der JVA Schwerte, nicht einmal, wie er den Zeitraum verbracht habe, in dem der Mord an der Gillstraße in Ergste passierte. Und auch nichts über den Mord von 1990, nach dem er 28 Jahre in Haft saß.

Dann redete er. Wobei: Es war mehr ein Ausbruch. Ein Herauslassen dessen, was sich aufgestaut hatte. Ein Jetzt-rede-ich aus dem Nichts heraus, ohne dass sich das vorher angedeutet hatte.

Emotional war es vorher schon häufig gewesen in diesem Prozess. Freunde des Opfers sitzen seit Tag eins in Reihe eins des Zuschauerraumes - mit T-Shirts, die ein Foto der Toten zeigen. Als Zeugen hatten unter anderem ausgesagt:

Keine Reaktion - selbst bei den Vorwürfen der Schwester

Dann - auch schon an Prozesstag sechs - hatte es einen emotionalen Ausbruch einer Zeugin gegeben. Und selbst den hatte Michael S. äußerlich ruhig über sich ergehen lassen: Seine Schwester hatte ihn beschimpft, fast körperlich attackiert, ihm zudem private Vorwürfe gemacht. Der Richter hatte die Sitzung sogar für eine gute Viertelstunde unterbrochen, bevor es weiterging.

Wie kann man Michael S. psychologisch bewerten? Darum war es in der Folge mehr als zwei Stunden lang gegangen. Pedro Faustmann, ein Fachmann, der selbst im NSU-Prozess in München eine Rolle gespielt hatte, sprach auch darüber, wie Michael S. heute auf die Zeit in der JVA Schwerte zurückblickt.

„Gedemütigt“ habe er sich gefühlt. Immer wieder habe er der Vorzeige-Gefangene sein müssen, weil er doch so gut gewesen sei in der JVA-internen Theatergruppe. Dabei hätte er lieber etwas gelernt.

Nicht nur Staatsanwalt, Richter und Zuschauer waren überrascht. Auch der Verteidiger hakte nach: Michael S. habe also viel Lob und Anerkennung erhalten. Aber sich dabei ausgenutzt gefühlt? Das passe doch eigentlich nicht zusammen.

Der Psychologe setzte an zu einer Erklärung: „Wenn ich mitmache, läuft der Laden gut für mich.“ So sei es vielen bewusst, die hinter Gittern seien. „Die Frage ist doch: Wie viel emotionale Tiefe bringe ich ein, zum Beispiel in dieses Theater?“

Michael S.: „Man hat mir meine ganzen Wünsche weggenommen“

Dann der Ausbruch von Michael S.: „Das hatte doch alles nichts mit der Realität zu tun - in einem Käfig zu sitzen oder zu stehen. Die Realität ist für mich gewesen: Wie geht man zum Sozialamt? Wie macht man eine Steuererklärung?“

Der Verteidiger versuchte, Michael S. aufzuhalten. Er redete sanft auf ihn ein, legte ihm die Hand auf den Arm, aber vergeblich: „Ich habe diese Wünsche immer erwähnt, aber man hat mir meine ganzen Wünsche weggenommen. Was ist das für eine Vorbereitung [auf das Leben in Freiheit] gewesen?“

Nur mit dem Gefängnispfarrer habe er verkehren sollen, nur mit ihm.

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Harte Vorwürfe, die zwar nicht sonderlich relevant für die Frage sind, ob Michael S. die Tat begangen hat oder nicht. Die aber aus psychologischer Sicht interessant für das Gericht sind. Zumal es auch darüber entscheiden muss: Darf der verurteilte Mörder, dem nun der nächste Mord vorgeworfen wird, überhaupt noch einmal die Chance auf Freiheit haben oder nicht?

Wenn der Prozess weitergeht - am Freitag, 6. September, ab 9 Uhr am Landgericht Hagen - soll der Gefängnispfarrer im Zeugenstand Platz nehmen. Das bestätigte der Sprecher des Landgerichts am Montag. Dann hat der Geistliche, dessen Name im Laufe des Prozesses schon häufig im Gerichtssaal fiel, also die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge zu schildern.

Letzten Endes erhofft sich das Gericht auch Antworten auf die Fragen: Hat sich Michael S. in der langen Zeit hinter Gittern nur immer besser angepasst oder ist seine Persönlichkeit weiter gereift? Haben sich nur Aspekte wie Wortschatz und IQ verbessert? Oder hat er doch soziale Defizite aufgeholt?

Psychologe Faustmann geht eher von Anpassungsfähigkeit aus. Und davon, dass von Michael S. weiterhin eine „ganz erhebliche Gefährlichkeit“ ausgehe.

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