Albanische Flüchtlingsfamilie muss Bork verlassen

Abschiebung

Für die drei Menschen, die auf dem Bett des Sohnes Miri Majnishta in ihrer kleinen Wohnung im Übergangsheim Auf dem Südfeld sitzen, hat man sich den Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ ausgedacht. Als solche dürfen sie nicht bleiben. Am 22. Oktober endet daher ihre Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland. Sie müssen zurück nach Albanien.

BORK

, 21.09.2016, 16:24 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Nach Shkodra geht es, in eine große Stadt“, sagt Miri, wo seine Großmutter wohnt und sich schon auf die Rückkehr ihres Sohnes, ihrer Schwiegertochter und ihres Enkels freut. Um acht Uhr holt Norbert Böckenbrink, der sich als städtischer Angestellter um die kommunal zugewiesenen Flüchtlinge kümmert, die drei am Morgen in Bork ab, bringt sie zum Nordausgang des Dortmunder Hauptbahnhofes. 

Vom gelobten, reichen Norden zurück in den Süden

Dort steht ein Bus bereit, der um 10.15 Uhr abfährt. Ziel: Tirana. Dort werden sie, die dreimal 40 Kilo Gepäck mitnehmen dürfen, in ein Taxi umsteigen. Einen Fernseher haben sie geschenkt bekommen, ein Notebook für den Sohn. Einmal längs durch Europa, vom gelobten, reichen Norden in den Süden – dahin, wo die Majnishtas keine Zukunft für sich sahen.

Vor allem um ihren Sohn sei es damals bei der Entscheidung gegangen, sagt die Mutter Valbone, die zuletzt dreimal in der Woche Kinder – vor allem Flüchtlingskinder – im Vorschulalter in der Spielgruppe Lufticus in Bork betreute. 

Keine Perspektive in Albanien

Schon im Mai sollte die Familie ausreisen, da kam erstmals ein Brief von der Behörde. Der Asylkreis Bork erwirkte zusammen mit den Majnishtas, dass Miri erst das Schuljahr zu Ende machen darf. Er bekam sein Zeugnis, ging in die zehnte Klasse der Erich-Kästner-Hauptschule. „Ich muss aber die neunte Klasse in Shkodra wiederholen“, erzählt Miri. Sein Zeugnis aus Deutschland hat dort keine Gültigkeit.

In Albanien muss Miri weitere drei Jahre zur Schule gehen. Dann sei sie zu Ende, aber in der Hand habe man wenig. „Danach geht es an der Universität weiter“, sagt er – für alle, die das nicht schaffen, wartet das Nichts. 

Sicher, man kann Arbeit finden. Aber Ausbildung? „Das gibt es da nicht so richtig“, sagt Miri. Man arbeitet halt einfach irgendwas – ungelernt, dann angelernt, aber nie richtig gelernt. Naja, vielleicht schaffe er es ja, Anwalt, Lehrer, Arzt oder Ingenieur zu werden. „Das weiß ich noch nicht“, sagt Miri. Bis dahin vergehen noch Jahre. Er hat zurzeit andere Sorgen: Daran zu knabbern, dass er gehen muss.

Gelungene Integration 

Er war inzwischen ein kleiner Teil Borks: Er spielte beim PSV Fußball, war ein talentierter Stürmer in der B-Jugend. Was die Mannschaftskameraden gesagt hätten, als er erzählte, dass er in die Heimat zurück müsse? „Sie haben gesagt, ich solle bleiben.“ Das geht nicht. Dienstagabend hatte er sein letztes Training beim PSV.

Er ging oft ins Otantik, den Treff an der Hauptstraße, wo viele Menschen in den Kursen der Schicksalshelfer Deutsch lernen. Sein Vater arbeitete für die grüne Abteilung der Stadtwerke – er hatte etwas zu tun, täglich eine Aufgabe.

Nach Schicksalsschlag: Suche nach Glück in Deutschland

Das Schicksal der Familie begann damit, dass Vater Pellumpe sich bei der Arbeit auf einer Baustelle – er war Maurer – schwer an beiden Füßen verletzte. Die Verletzung wurde schlecht behandelt und machte ihn auf Baustellen arbeitsunfähig.

Valbone, die Mutter, die in der fleischverarbeitenden Industrie arbeitete, wurde auch krank. Der Familie ging es schlecht, ihr Sohn war gerade zehn Jahre alt, und die Lebensgrundlage war durch den Doppelschlag weg.

Als viele Menschen aufbrachen, um in Deutschland ihr Glück zu versuchen, da ließen auch sie sich von der Hoffnung anstecken, lebten einen Monat in Duisburg in einer Zeltstadt mit 1000 anderen Menschen aus aller Welt. Dann kamen sie nach Bork. Sie fassten Fuß. 14 Monate später ist diese Hoffnung längst gestorben.

Ausreisebescheinigung: Fehlende Asylgründe

Denn schon seit einigen Monaten haben die Majnishtas Ausreisebescheide vorliegen. Albanien ist ein sicheres Herkunftsland. Asylgründe sind damit keine zu finden. Ein Antrag aussichtslos. Dennoch gab es mehrfach Aufschub: Erst die Schule, dann eine Erkrankung von Mutter Valbone.

„Sie wird uns fehlen“, sagt Monika Heitmann. Sie meint die ganze Familie, aber im Speziellen auch Valbone, die sich in der Borker Spielgruppe so toll engagiert habe. „Wir haben ihr eine Arbeitsbescheinigung ausgestellt über ihr Engagement“, berichtet die Sprecherin des Arbeitskreises Asyl Bork, die bestimmt zehn, vielleicht 15 Stunden pro Woche in die ehrenamtliche Integrations-Arbeit steckt.

Vielleicht wird die Bescheinigung, ein Zeugnis, unterschrieben von ihr und Andrea Strunk, Valbone helfen, Arbeit zu finden. Keiner weiß es.

Freunde und Familie warten in Shkodra

Der Platz in der Schule in Shkodra ist für Miri reserviert. In die alte Wohnung in Shkodra zur Schwiegermutter können sie zurück. „Einige alte Freunde haben mir schon geschrieben, dass sie sich freuen, mich wiederzusehen“, sagt Miri.

So ist das Gesetz, so sind die Regeln, sagt Monika Heitmann. Aber schlimm sei es trotzdem immer wieder. Das Übergangsheim in Bork leere sich zurzeit: Neun Menschen, die den Integrationshelfern ans Herz gewachsen sind, die so langsam einen Fuß in die Integrationstüre bekommen haben, müssen in diesen Wochen gehen. Man schloss Bekanntschaften, Freundschaften – und das wird nun jäh durchbrochen.

50 Euro Handgeld und bezahlte Busreise

So werden auch die Majnishtas in Bork fehlen. Ihre zwei Zimmer im Obergeschoss des hinteren Hauses „Auf dem Südfeld“ werden aber vermutlich schon bald von anderen Menschen bezogen – keine „Wirtschaftsflüchtlinge“, wie man in Deutschland sagt; aber Menschen – genauso wie die Majnishtas aus Albanien.

Weil sie sich jetzt nicht sperren, sondern „freiwillig“ ausreisen, bekommen sie immerhin die Busfahrten bezahlt. Und 50 Euro Handgeld, das sie dann vielleicht fürs Taxi von Tirana nach Shkodra ausgeben. Dann sind sie wieder da, wo sie vor 16 Monaten waren. Vor der Flucht.

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Was versteht man unter Abschiebungsandrohung und "freiwillige" Rückkehrforderung?

Eine Abschiebungsandrohung erfolgt, sofern der Asylantrag abgelehnt wird und es auch aus anderen Gründen kein Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik Deutschland gibt.
Der Asylbewerber wird innerhalb einer bestimmten Frist zur Ausreise aufgefordert. 
Nach Ablauf der Frist wird die Abschiebung zunächst angedroht und anschließend durchgeführt.
"Abschiebung" bedeutet, dass ein Ausländer unter Anwendung von (polizeilichen) Zwangsmitteln außer Landes gebracht wird .

"Freiwillige" Rückkehrforderung bedeutet, dass Asylbewerber, deren Asylantrag in Deutschland abgelehnt worden ist, sich für eine freiwillige Rückkehr in ihr Herkunftsland entscheiden können - eine Alternative zur zwangsweisen Rückführung. 
Die "freiwillige" Rückführung ermöglicht die Ausreise zu einem selbst gewählten Termin. Zudem gibt es Förderprogramme , die z.B. die Reisekosten übernehmen , Starthilfen und Reintegrationsprogramme unterstützen. 

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