Lange war Madeleine Bauch aus Selm arbeitslos. Mit einem Programm für Langzeitarbeitslose hat sie eine Chance bekommen - aber es gibt auch ein Aber.

Selm

, 12.03.2020, 14:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Sache ist Madeleine Bauch (36) besonders wichtig: „Es gibt viele Menschen, die gerne arbeiten würden“, sagt sie. „Aber sie bekommen keine Stelle, weil sie keine Ausbildung oder keinen Schulabschluss haben.“ Sie sagt: „Diese Leute sollten eine Chance bekommen.“

So wie sie eine bekommen hat. 828 Menschen waren im Februar in Selm arbeitslos gemeldet. 286 davon gelten als Langzeitarbeitslose. Das heißt, sie sind seit mindestens einem Jahr ohne Arbeit. Lange Zeit war Madeleine Bauch eine von ihnen.

„Ich wollte mich nicht mit dem Wischmop unterhalten“

Einen Abschluss, eine Ausbildung. Über all das verfügt sie. Allerdings war es die Berufserfahrung, die ihr fehlte. Madeleine Bauch ist ausgebildete Bürokauffrau, direkt nach der Ausbildung ist sie Mutter geworden. Ihre Kinder sind heute 14, 12 und 9 Jahre alt.

Nur Hausfrau zu sein, wäre für sie nicht in Frage gekommen. „Ich wollte mich nicht nur mit dem Wischmop unterhalten“, sagt sie. Aber ohne Berufserfahrung und mit einer Ausbildung, die schon viele Jahre zurückliegt, waren lediglich Mini-Jobs in greifbarer Nähe. Im Mai 2017 startete Madeleine Bauch dann in der Volkshochschule in Selm. Die Stelle kam über das Projekt „Chancen eröffnen – Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ vom Jobcenter und richtete sich an Menschen, die seit langer Zeit arbeitslos sind - speziell an Frauen.

Eine Bereicherung

Madeleine Bauch arbeitete im Service-Bereich, empfing zum Beispiel Besucher im Bürgerhaus und half ihnen bei Fragen, auch den Dozenten stand sie zur Seite, fertigte Kopien an und unterstützte sie. „Das haben wir als Bereicherung erlebt“, sagt Petra Bröscher, Madeleine Bauchs Mentorin im Fokus.

Seit dem 28. Januar 2019 ist Madeleine Bauch nun in einem neuen Programm. Sie hat nun eine Vollzeitstelle statt zwei Teilzeitstellen und deutlich mehr Verantwortung. Damit ist Madeleine Bauch eine Profiteurin des Teilhabechancenarbeitsgesetz, das am 1. Januar 2019 in Kraft trat.

Madeleine Bauch bei der Arbeit im Fokus.

Madeleine Bauch bei der Arbeit im Fokus. © Sabine Geschwinder

Besondere Förderung bei Einstellung von Langzeitarbeitslosen

„Das Gesetz ermöglicht Arbeitgebern eine besondere finanzielle Förderung, sofern sie einen langzeitarbeitslosen Bewerber einstellen“, erklärt Antonia Mega vom Jobcenter im Kreis Unna. Die Förderung belaufe sich auf fünf Jahre und richte sich nicht nur nach der Höhe des Mindestlohnes, sondern bis zur Höhe der tariflich vereinbarten Löhne und Gehälter.

Viele Vorteile. Aber auch weniger Stellen. Für das Fokus wurden nicht mehr so viele Stellen bewilligt, erklärt Petra Bröscher. Im Vorgänger-Programm hatte Madeleine Bauch noch eine Kollegin, sie konnte nun nicht im nächsten Programm weiterbeschäftigt werden. Auch insgesamt haben sich die Stellen in Selm reduziert. 58 Teilnehmer aus Selm gab es 2018 im Vorgängerprogramm. „Derzeit befinden sich 27 Selmer Kunden im Rahmen des Teilhabechancengesetzes in Beschäftigung“, sagt Antonia Mega. Allerdings gebe es Besetzungsverfahren für weitere Stellen.

Für Madeleine Bauch endet der Vertrag im April 2022. Wie es dann weitergeht, kann weder sie noch ihre Mentorin Petra Bröscher sagen. Insgesamt bekomme das Jobcenter in Bezug auf das Förderprogramm gute Rückmeldungen, sagt Antonia Mega. „Das bisherige Feedback von Kunden und regionalen Arbeitgebern fällt positiv aus, womit sich auch die niedrigen Abbruchquoten erklären.“

Gemischte Gefühle

Madeleine Bauch stellt ein gemischtes Zeugnis aus. „Man lernt viel“, sagt sie, „aber im Hinterkopf ist immer die Befristung.“ Eine großartige Chance. Aber eben auch eine mit einem Aber. „Leider können wir keine Sicherheit geben“, sagt Petra Bröscher. Bei der angespannten Haushaltslage sei das schwierig. „Bedauerlicherweise“, sagt Petra Bröscher.

Es sei unfair, Hoffnungen auf eine Stelle zu machen, die dann vielleicht nicht erfüllt werden. Viel wichtiger sei doch, Madeleine Bauch zu zeigen, dass sie geschätzt werde und ihr auch das Rüstzeug zu geben, damit sie später einen Job im so genannten ersten Arbeitsmarkt finden kann. Ohne Befristung. „Sie soll bei aller Unsicherheit eine Perspektive haben.“

Die Chance ergreifen

Für Madeleine Bauch heißt die Perspektive, endlich in ihrem Ausbildungsberuf als Bürokauffrau zu arbeiten. „Es darf auch gern etwas mit Abwechslung sein“, sagt sie. Madeleine Bauch ist eher eine ruhige Person. Aber sie sagt: „Ich brauche das, über meinen Schatten zu springen.“

„Was mich beeindruckt hat“, sagt Petra Bröscher, „Madeleine Bauch hat sich entschieden, arbeiten zu gehen.“ Sie wollte es. „Wenn man es möchte, ist es nicht so schwer“, sagt Madeleine Bauch. Minijobs, das geht immer.

Eine Arbeit ohne Befristung, Vollzeit, das alles ist wesentlich schwerer. Doch Madeleine Bauch hat ihre Chance erhalten. Sie hat sie genutzt. Und will sie weiter nutzen.

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