Im alten Ratssaal des Amtshauses Bork gab Thomas Orlowski sein erstes großes Interview nach Amtsantritt. © Sylvia vom Hofe
Interview

Bürgermeister Orlowski: Vier Neubaugebiete in Selm und Abrisspläne

Seit 100 Tagen ist Thomas Orlowski im Amt. Selms neuer Bürgermeister spricht über Corona, über Neubauflächen und Abrisshäuser und über ein Unternehmen, das groß erweitern möchte.

Was er alles in seinen ersten 100 Tagen im Amt angehen wollte, hatte sich Thomas Orlowski (SPD) schon früh überlegt. Vieles kam anders – wegen Corona. Trotz der Pandemie bleibt Selm aber auf Veränderungs-Kurs, wie der neue Bürgermeister im Interview sagt.

Die ersten 100 Arbeitstage im Amt des Bürgermeisters von Selm sind um, genau genommen am 16. Februar. Kam es Ihnen lange vor?

Im Gegenteil. Die Zeit ist unheimlich schnell vorbeigegangen. Schon nach ein paar Wochen habe ich hier in der Verwaltung gesagt: Ich habe das Gefühl, dass ich schon seit Monaten hier bin. Wenn man sich sehr wohlfühlt und gerne etwas macht, dann vergehen die Tage ganz schnell.

Die Pandemie macht das Wohlfühlen schwer. Wie sehr bestimmt Corona Ihre Arbeit?

Erheblich. Ich wollte mich nach Amtsantritt überall vorstellen: hier in der Verwaltung habe ich das gemacht, aber z.B. in den Schulen und Kindergärten nicht. Ich hätte auch gerne eine Auftaktveranstaltung gemacht mit dem ganzen Personal. Das ging alles nicht. Auch die Begegnungen mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort können nicht so stattfinden, wie ich das geplant hatte. Da muss man andere Wege finden: zum Beispiel Telefonsprechstunden. Zwei hatte ich schon, die sehr gut angenommen wurden. Die nächste ist am 16. März.

Öffentliche politische Diskussionen in Ausschüssen und Rat sind wegen Corona zurzeit die Ausnahme. Wie geht es weiter?

Laut der Corona Verordnungen ist es möglich, Sitzungen durchzuführen. Da braucht es Fingerspitzengefühl. Die zurzeit sinkenden Infektionszahlen bestärken mich darin, dass wir die nächsten Sitzungen am 23. und 25. Februar durchführen sollten.

Ein großes Thema der letzten Sitzungen waren die Vorbereitungen zur Ansiedlung des Sanitärgroßhändler Cordes und Graefe an der Werner Straße mit 200 neuen Arbeitsplätzen, in der Spitze vielleicht sogar 800, wie es zumindest immer hieß. Wann erfolgt denn jetzt der erste Spatenstich?

Zum Jahresende 2020 hatten wir die letzten Grundstücke erwerben können bzw. die Wirtschaftsförderungsgesellschaft, des Kreises hatte das für uns getan. Daher bin ich guter Hoffnung, dass der Spatenstich in diesem Jahr erfolgen kann. Wann genau, das kann ich allerdings nicht sagen.

Und wie sieht der Zeitplan im Auenpark aus? Wann geht es da los mit der Wohnbebauung?

Ende des Jahres soll die Erschließung beginnen. Ab März 2022 ist die Bebauung geplant.

Verantwortlich ist ja das Unternehmen Wilma Immobilien, an die die Stadt 2020 die Grundstücke verkauft hatte: eine sehr umstrittene Entscheidung. Teilen Sie die Sorge, dass das ursprüngliche Selmer Vorzeige-Projekt jetzt nur noch ein Geschäft ist und die Qualität der Ausführung verwässert wird, ohne dass die Stadt darauf noch Einfluss hätte?

Nein. Das war eine bewusste Entscheidung der Politik, die ich auch so mitgetragen habe. Das ist eine Top-Lage, und mit Wilma haben wir einen Partner, der das bestens umsetzen wird. Ich gehe davon aus, dass es in diesem Jahr losgehen wird.

Das Baugebiet Neuenkamp hinter dem Lidl in Bork ist ebenfalls in den Startlöchern …

Da wird es wohl im nächsten Jahr losgehen. Die Nachfrage nach Baugrundstücken ist enorm.

Im Neuenkamp hat die Stadt selbst keine Flächen, anders am Fährenkamp in Selm, also auf der Freifläche zwischen Luisenstraße und Haus-Berge-Straße. Da wird die Stadt selbst aktiv zusammen mit der Volksbank.

Ich freue mich auf dieses Baugebiet. Es wird aus Umwelt -und Naturschutzsicht ein ganz besonderes Projekt für uns werden mit besonderen Standards. Die Details erarbeiten wir gerade. Da haben wir noch etwas Zeit, denn der Fährenkamp ist dem Neuenkamp nachgelagert.

… aber vermutlich noch vor dem letzten neuen Wohngebiet am Bahnhof Beifang: dem Wohnen am Hüttenbachweg.

Das ist noch nicht so konkret. Die Umsetzung hängt von der Gewerbeansiedlung an der Werner Straße ab und dem dadurch entstehenden Bedarf nach zusätzlichem Wohnraum.

Weitere Wohnbauflächen stehen dann erst einmal nicht mehr zur Verfügung. Ist Selm dann also fertig?

Wir haben dann ein sehr, sehr gutes Angebot für die Menschen hier und aus der Umgebung, um schön zu wohnen. Perspektivisch sollten wir aber noch schauen, ob wir ein Baugebiet für den Ortsteil Cappenberg realisiert bekommen.

Zusätzliche gewerbliche Flächen stehen Selm nicht mehr zur Verfügung. Oder?

Doch, Saria hatte ja immer schon mit dem Gedanken gespielt, sich zu vergrößern. Da sind wir in sehr, sehr guten Gesprächen, dass das möglich wird.

Am bestehenden Standort Werner Straße?

Ja, genau. Da geht es um eine erhebliche Erweiterung, über die ich mich freuen würde.

Der Vlieshersteller Mc Airlaid`s auf der anderen Seite der Werner Straße dürfte ja bereits erweitern, wenn er wollte. Die Planungen bei der Ansiedlung 2018 sah von vorne herein eine zweite Halle vor.

Stimmt. Ich gehe davon aus, dass die in diesem Jahr, im Sommer kommen wird.

Gehen wir nach Bork. Machen Sie sich weiter stark für einen Abriss des Kirchrings?

Auch dazu stehe ich. Wir brauchen da eine neue Entwicklung, eine Ortsmitte, Platz für den Markt. Das ließe sich durch einen Abriss der alten Häuser ermöglichen. Wir können diese mittelfristige Planung aber erst dann durchführen, wenn entsprechende Fördergelder da sind.

Noch fehlt also das Geld?

Leider ist ein erster Förderantrag nicht gewährt worden. Trotzdem bleiben wir da am Ball. Aber man muss es auch ehrlich sagen: Im Moment haben wir da noch nichts in der Hand. Von daher wird es so ganz bald noch nichts werden. Die Voraussetzungen sind aber geschaffen, sofort loszulegen, wenn wir eine Förderung bekommen.

Voraussetzungen geschaffen, heißt: Hauser gekauft. Gehört der Stadt jetzt der komplette Kirchring?

Ja, alle Häuser dort gehören jetzt der Stadt. Das letzte haben wir Anfang des Jahres erworben.

Wenn es um Abriss geht, müssen wir auch über die Kreisstraße sprechen. Dort hatte die Stadt zwei Häuserzeilen mit acht Gebäuden gekauft. Wie lange können die noch bewohnt werden?

Bis Ende dieses Jahres.

Das heißt, wenn das Unternehmen Ten Brinke den Bau von Aldi und Rewe auf der ehemaligen Rüschkamp-Fläche abgeschlossen hat, macht es also gleich ein paar hundert Meter nördlich weiter?

So ist das geplant. Dass Ten Brinke ein verlässlicher Partner ist, konnte man ja bereits beim Bau von Lidl/Rossmann in Bork sehen, aber jetzt auch bei Rewe/Aldi in Selm. Bei den Häusern an der Kreisstraße, für die Ten Brinke eine neue Bebauung plant, bleiben wir Eigentümer. Es gibt inzwischen einen Erbpachtvertrag mit dem Unternehmen. Im nächsten Jahr wird das Projekt dort umgesetzt.

Ein Langzeitprojekt anderer Art ist der Rechtsstreit mit Gelsenwasser. Selm will die Bürgerinnen und Bürger selbst versorgen. Bei Gas und Elektrizität erfolgt das bereits. Bei der Wasserversorgung hat sich Gelsenwasser quergestellt. Geht es da voran?

Das Vergabeverfahren läuft. Dabei muss ich mich in Zurückhaltung üben.

Warum?

Ich bin Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke. Daher könnte ich als befangen gelten. Deswegen darf ich bei den Beratungen auch nicht dabei sein. Und bin es auch nicht. Das Vergabeverfahren läuft, und ich hoffe, dass wir Mitte des Jahres eine Entscheidung haben.

Im Wahlkampf hatten Sie sich dafür ausgesprochen, das Thema Schuldenabbau anzugehen.

… und das sage ich immer noch. Ich bin ein großer Befürworter des Altschuldenfonds. Es gab entsprechende Angebote seitens des Bundes. Das Land hat das dann aber leider nicht aufgegriffen. Bis jetzt nicht. Ich hoffe, dass sich das ändern wird. Denn wenn wir 42 Millionen Euro weniger Schulden haben, haben wir auch mehr Handlungsfähigkeit.

Stattdessen steigen die Schulden in der Corona-Krise jetzt noch kräftig, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht.

Nicht nur wir in Selm, sondern alle Kommunen nutzen gerade das Angebot, Corona-bedingte Schulden auszugliedern aus dem kommunalen Haushalt und sie erst ab 2025 über 50 Jahre abzutragen.

Haben Ihre Kinder Ihnen schon mal gesagt: „Was fällt euch ein, unsere Generation zu belasten?“

Dass das nicht optimal ist, ist ziemlich klar. Die folgende Generation zu belasten, ist der falsche Weg. Ich wünsche mir, dass dafür auf Landesebene eine Lösung gefunden würde.

Welche Empfehlungen hätten Sie noch, wenn Sie an einem der Corona-Gipfel im Kanzleramt teilnehmen könnten?

Ich glaube, dass es immer schwierig ist, solche Entscheidungen zu treffen und, dass man gerade das Beste prognostisch versucht. Gleichwohl nehme ich in der Bürgerschaft auch wahr, dass es eine große Unzufriedenheit gibt. Gastronomen und Einzelhändler fühlen sich ungerecht behandelt. Das kann ich gut nachvollziehen. Gastronomen etwa haben ausgeklügelte Hygienekonzepte. Jetzt Lockerungen nur für Friseure zu ermöglichen, halte ich für wenig glücklich.

Sie sehen ja gut frisiert aus. Wie kommt das?

(Lacht) Ich war zum Glück noch unmittelbar vorm Lockdown beim Friseur. Danach habe ich nur etwas an den Seiten selbst abgeschnippelt. Ansonsten nutze ich Gel.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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