Cappenberg: Für Familien mit Kindern optimal, nur die Verkehrsanbindung könnte besser sein

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Ihren Ortsteil mit vielen Grünflächen haben die Cappenberger als lebenswert eingestuft. Vor allem Familien mit Kindern fühlen sich hier wohl. Doch manche Wünsche sind noch offen.

Cappenberg

, 09.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Jola und Lars Schade wohnen am Gerta-Overbeck-Weg. In ihrer kleinen, verkehrsberuhigten Siedlung fühlen sie sich wohl. Und ihre Kinder Luisa (16), Finn (13) und Emma (6) auch.

„Für junge Familien mit Kindern ist Cappenberg einfach optimal“, schwärmt die 43-jährige Kinderkrankenschwester. Kita und Grundschule seien bequem zu Fuß erreichbar, und der Teilstandort Cappenberg der Grundschule Auf den Äckern sei sehr klein und familiär. „Jeder kennt jeden, eine ganz behütete Atmosphäre“, sagt Jola Schade. Allerdings, merken die Schades an, braucht man schon ein eigenes Auto. „Ohne zwei Autos geht das gar nicht hier. Mit einem würden wir nicht auskommen, weil wir beide berufstätig sind.“

Mit ihrer Ansicht sind die Schades nicht allein: In puncto Lebensqualität haben die Teilnehmer unserer nicht repräsentativen Umfrage dem Stadtteil Cappenberg eine gute 9 gegeben. Damit liegt Cappenberg einen Punkt über dem Gesamtduchschnitt für Selm. Insgesamt 61 Personen hatten an der Umfrage teilgenommen. Und so mancher hat kommentiert, was ihm an Cappenberg gefällt - und was besser sein könnte.

So sagt eine Frau zwischen 30 und 35 Jahren: „Wunderschöner, ruhiger Stadtteil. Gepflegt, liegt sehr schön im Grünen. Ich mag den dörflichen Charakter. Das einzige Manko liegt allerdings darin begründet: Um vernünftig einkaufen oder einen Arzt aufsuchen zu können, empfiehlt sich auf jeden Fall ein Auto.“

Cappenberg: Für Familien mit Kindern optimal, nur die Verkehrsanbindung könnte besser sein

Cappenberg liegt schön im Grünen. Die Busverbindungen könnten allerdings besser sein. © Martina Niehaus

Eine weitere Leserin formuliert es so: „Das Wohnen in Cappenberg ist großartig, auch wenn das Leben mit teilweise Einkauf, Arztbesuchen, Sport etc etwas mühsam ist. Aber eine vertraute Nachbarschaft, die Freundlichkeit der Menschen und die Schönheit der Wohnlage schaffen Lebensqualität!“ Das sagt auch Jola Schade: „Alle sind herzlich und helfen sich gegenseitig. Hier ist es nicht so anonym wie in der Stadt.“

Franz-Peter Kreutzkamp ist Heimatforscher und Betreiber der mehr als 300 Jahre alten Brennerei Kreutzkamp. „Früher gab es hier vier Einzelhandelsläden, einen Bäcker, einen Metzger und Handwerksbetriebe. Und aus der Molkerei in Werne kam der Milchwagen gefahren“, erzählt der 55-Jährige. Auch Gaststätten waren vorhanden: Neben dem alten Hotel Kreutzkamp gab es die Waldschmiede Aschhoff, die Schlossklause, und das Restaurant Waldfrieden. „Und ganz früher gab es sogar zwei Tankstellen“, weiß Kreutzkamp. Er betont aber auch, dass die meisten Leute, die heute nach Cappenberg ziehen, mobil seien. „Die fahren dann zum Einkaufen einen Ort weiter.“

Das wurde positiv bewertet:

Grünflächen und Sauberkeit: Hier hat Cappenberg gepunktet. Für Grünflächen gab es eine 10, für Sauberkeit eine 9. Auch die Schades freuen sich über die Nähe zur Natur: „Woanders muss ich erst mit dem Auto fahren, hier ziehe ich einfach die Joggingschuhe an und bin nach wenigen Minuten schon im Wald“, sagt Jola Schade. Selbst beim Wanderurlaub in Österreich, erzählt sie, „habe ich manchmal gedacht, hier sieht es fast so aus wie bei uns im Cappenberger Wald“.

Trotz der sauberen 9 Punkte gibt es in der Umfrage auch Kritik: „Es werden meiner Meinung nach noch mehr Mülleimer benötigt“, schreibt eine Leserin zwischen 50 und 70 Jahren. Eine Frau, die zwischen 25 und 35 Jahre alt ist, moniert: „Es gibt sehr viel Hundekot auf den Wegen. Es wurden schon ein paar mehr Mülleimer aufgestellt, was super ist. Allerdings wäre an speziellen Hundewegen ein Hundekotbeutel-Spender super. An Olfen könnte man sich da ein Beispiel nehmen.“ Andere Leser wünschen sich sogar eine ausgewiesene Hundefreilauffläche. Solche Überlegungen hat es bei der Stadtverwaltung bisher nicht gegeben.

„Dies ist, nach Meinung der Stadtverwaltung im ländlich geprägten Ortsteil mit vielen Wiesen und großen Waldflächen nicht nötig“, sagt Stadtsprecher Malte Woesmann. Hundekotbeutel seien an einem Spender zentral in Cappenberg im Baugebiet „Kreutzkamps Wiese“ erhältlich. „In der Regel werden die Beutel zwei Mal die Woche aufgefüllt. Darüber hinaus sind die Beutel kostenlos bei den Stadtwerken Selm, im Bürgerhaus und am Infopoint im Amtshaus erhältlich“, erklärt Woesmann. Mit weiteren dezentralen Mülleimern und dort zur Verfügung gestellten Hundekotbeuteln habe die Stadt Selm negative Erfahrungen gemacht. „Diese wurden oft aus den Spendern einfach herausgerissen und in der Gegend umhergeworfen.“

Radfahren: Hier hat Cappenberg 8 Punkte erreicht und liegt bei der Umfrage damit genau im Durchschnitt. Doch auch beim Radfahren kann es trotz der hohen Punktzahl immer noch etwas besser werden: „Radwege erstellen bzw. erneuern. Wege im Wald für sportliche Aktivitäten errichten bzw. bereiten“, fordert eine Umfrageteilnehmerin zwischen 50 und 70 Jahren.

Das wurde negativ bewertet:

Nahversorgung und Gastronomie: Familie Schade fühlt sich eigentlich gut versorgt, was die morgendlichen Brötchen vom Bäcker und die Pizzeria betrifft. Im kleinen Dorfladen in der Rosenstraße kann man außerdem Lebensmittel und Schreibwaren bekommen. Zum echten Shoppen müssen sie jedoch mit dem Auto fahren - oder im Internet bestellen. „Wir haben das vorher gewusst, deshalb macht uns das nichts aus“, sagt Lars Schade.

Cappenberg: Für Familien mit Kindern optimal, nur die Verkehrsanbindung könnte besser sein

Links die Pizzeria, rechts der Bäckerladen: Richtig viel los ist hier nicht, aber für die tägliche Nahversorgung reicht es. © Martina Niehaus

Doch die Schades sind mobil. Andere Teilnehmer der Umfrage äußern Kritik - die Nahversorgung hat nur 4 Punkte bekommen. Ein Mann über 70 sagt: „Zu wenig Einkaufsmöglichkeiten, keine Sparkasse, noch nicht einmal ein Geldautomat, keine Post!“

Eine Teilnehmerin zwischen 50 und 70 findet es sehr schade, dass die Einrichtung eines Genossenschaftsladens gescheitert sei. „In meinen Augen wäre das ein Beitrag zum Umweltschutz, durch weniger Autofahrten in die Nachbarorte, und auch ein Beitrag zu persönlichem Wohlbefinden durch Entschleunigen, netten Kontakten, einem Spaziergang zum Einkauf zwischendurch (z.B. mit Handwagen) sowie eine Unterstützung der ortsnahen Land- und Viehwirtschaft.“

Die Stadtverwaltung sieht die Nahversorgung für den täglichen Bedarf gegeben: „Nach dem Inhaberwechsel im Dorfladen Cappenberg auf der Rosenstraße ist dort das Angebot erweitert worden“, erklärt Stadtsprecher Malte Woesmann auf Anfrage unserer Zeitung. Woesmann bestätigt aber auch, dass ein Genossenschaftsladen eine gute Sache gewesen wäre. „Dass die Einrichtung des Genossenschaftsladens in Cappenberg, wo das Angebot eventuell sogar noch größer gewesen wäre, nicht realisiert werden konnte, bedauert die Stadtverwaltung.“

Cappenberg: Für Familien mit Kindern optimal, nur die Verkehrsanbindung könnte besser sein

© Grafik Verena Hasken

Verkehrsanbindung und Jugendliche: Die 16-jährige Luisa Schade besucht das Christophorus-Gymnasium in Werne. „Eigentlich komme ich da gut mit dem Bus hin, aber wenn ich jetzt demnächst bis zur 11. Stunde Schule habe, fährt da kein Bus mehr“, sagt sie.

Und auch was das Ausgehen betrifft, sei in Cappenberg nicht viel los. „Ich bin allerdings auch nicht so wild darauf“, sagt Luisa und lacht. „Wir treffen uns eher bei Freunden zu Hause. Oder, wenn es etwas ländlicher ist, bei jemandem in einer Scheune oder Gartenhütte. Das ist auch schön.“

Auch zum Thema Freizeitaktivitäten haben wir bei der Stadt nachgefragt. Dazu hat Stadtsprecher Malte Woesmann Stellung genommen. Was die jüngeren Kinder betrifft, verweist Woesmann auf die Spielplätze auf dem Schulhof der Grundschule Auf den Äckern, Teilstandort Cappenberg, am Übbenhagen sowie am Gerta-Overbeck-Weg. „Dort wurde und wird in den kommenden Jahren in die Erhaltung und Steigerung der Attraktivität der Spielplätze investiert.“ Ebenfalls stände der Sportplatz für Aktivitäten zur Verfügung.

Und was ist mit älteren Kindern und Jugendlichen? Dazu Woesmann: „Darüber hinaus gilt, dass das Sunshine, vor allem nach dem fertigen Umbau, so attraktiv ist, dass auch Cappenberger Jugendliche den Weg dorthin aufnehmen, um Angebote wahrzunehmen.“ Dies zeige sich am Skateplatz, wo Jugendliche aus allen Ortsteilen und darüber hinaus nach Selm kämen. „Die Mobilität der Jugendlichen ist also da, Angebote ortsteilübergreifend zu nutzen“, so der Stadtsprecher.

Die Umfrageteilnehmer sehen die Situation ähnlich wie Luisa: Sie haben der Verkehrsanbindung nur 5 und der Kategorie Jugendliche nur 3 Punkte verliehen. „Hauptprobleme in Cappenberg sind die schlechten Bus-Verbindungen und Einkaufsmöglichkeiten“, schreibt ein Mann in der Altersklasse 50 bis 70 Jahre. Und bei den unter 25-Jährigen schreibt ein Leser: „Mehr öffentliche Verkehrsmittel nach Werne anbieten. Und öfter die Möglichkeit, nach Südkirchen zu fahren, wäre schön.“ Hier sagt Woesmann: „Die Stadtverwaltung ist hier im Gespräch mit dem Kreis Unna und der VKU, um die Situation für das gesamte Stadtgebiet in Gänze zu verbessern.“

Zur Geschichte Cappenbergs
  • Im südlichen Münsterland, un­weit der Lippe, erhob sich auf dem höchsten Punkt eines sanf­ten Hügelzuges seit den Tagen der Christianisierung Deutsch­lands die Burg von Cappenberg. Diese nahm unter den zahlrei­chen Schlössern und Burgen des südlichen Münsterlandes als ei­nzige Höhenburg eine Sonder­stellung ein.
  • Die erste gesicherte Erwähnung Cappenbergs wird auf das Jahr 804 datiert. Ob ei­ne Besiedlung vor diesem Datum stattgefunden hat, liegt im Du­nkel. Jedoch hat man bei Grabungen im Boden der Cappenberger Stiftskirche im Jahre 1992 bei der Erneuerung der Heizung unter dem Hochaltar Reste menschlicher Besiedlung aus spätrömischer Zeit gefunden.
  • Südlich der Lippe gab es von Haltern bis Rünthe zahlreiche römische Militärstützpunkte. Circa fünf Kilometer südlich von Cappenberg lag das große Legionslager Aliso. Bedenkt man, daß ein befestigter Vorposten auf der strategisch wichtigen Cappenberger Anhöhe das Tal bis zur Lippe beherrscht hätte, so ist das Vorhandensein einer Militäranlage der Römer wahrscheinlich.
  • Das Prämonstatenserkloster wird im Jahr 1122 gegründet. Im gleichen Jahr findet auch die Grundsteinlegung der Kirche statt. Am 31. Mai 1122 gaben die Grafen Gottfried und Otto von Cappenberg die feierliche Erklärung ab, daß sie die „Burg Cappenberg nebst den Höfen Werne, Nette, Alstedde, Heil und Cappenberg mit Wiesen, Wäldern und Feldern in Norberts Hände übergeben und nach der Regel des Augustinus Gott zu Cappenberg dienen würden.“
  • 1387 wird die ursprünglich romanische Stiftskirche gotisch „modernisiert“, mit gotischen Fenstern und einem gotischen Gewölbe.
  • Teile des Klostergebäudes werden Anfang des 19. Jahrhunderts zum einem Schloss umgewandelt. 1816 kauft es der preußische Staatsmann Freiherr vom Stein. Heute ist das Schloss Cappenberg im Besitz der Grafen von Kanitz.
  • Im Jahr 1832 wird die Pfarrgemeinde St. Johannes Cappenberg gegründet.
  • Bis 1951 ist Cappenberg eine Bauerschaft der Gemeinde Bork. „Bis 1900 lebten hier ungefähr 200 bis 300 Einwohner, heute sind es über 2000“, erklärt Peter Kreutzkamp.
Cappenberg: Für Familien mit Kindern optimal, nur die Verkehrsanbindung könnte besser sein

Eine alte Postkarte mit der alten Brennerei Kreutzkamp. © repro kreutzkamp

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