Schon mehr als 2100 Anzeigen von Kurzarbeit sind in der Corona-Krise im Arbeitsagentur-Bezirk Hamm, in den auch Selm fällt, eingegangen. Größere Betriebe aus Selm halten sich bislang zurück.

Selm

, 03.04.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Agentur für Arbeit Hamm hat eine erste Einschätzung zur wirtschaftlichen Auswirkung der Corona-Krise geliefert. Danach haben bis vergangenen Freitag (27.3.) über 2100 Betriebe in Hamm und im Kreis Unna Kurzarbeit zur Anzeige gebracht. Bei den Zahlen handelt es sich jedoch um erste vorsichtige Hochrechnungen, wie Thomas Helm, Leiter der Agentur für Arbeit Hamm, in einer am Dienstag (31.3.) veröffentlichten Pressemitteilung erklärt.

Aktuelle Werte sind erster Indikator

„Wir werden die tatsächlichen Anträge abwarten müssen, um statistisch korrekt quantifizieren zu können. Derzeit laufen die Anzeigen auf Kurzarbeit auf verschiedenen Kanälen bei uns auf, teilweise auch mehrfach. Erst wenn wir diese Ungenauigkeiten bereinigt haben, werden wir ein schärferes Bild

erhalten. Die aktuellen Werte verstehen wir lediglich als ersten Indikator“, so Helm.

Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2009, also während der Wirtschafts- und Finanzkrise mit dem Höhepunkt der Nutzung von Kurzarbeitergeld im Mai 2009, zeigten knapp 780 Betriebe für rund 16.600 Menschen im Agentur-Bezirk Kurzarbeit an. Diese Marke scheint jetzt schon überschritten.

Keine spezifischen Zahlen für Selm

Spezifische Zahlen für die einzelnen Kommunen des Arbeitsagentur-Bezirks Hamm, also auch für Selm, liegen hingegen noch nicht vor. „Zu den Zahlen der Anzeigen von Kurzarbeit in den einzelnen Kommunen können wir noch keine genauen Auskünfte geben. Wir sind jetzt erst einmal glücklich, dass wir die Zahlen für den gesamten Agentur-Bezirk zusammen haben, denn bis vergangene Woche standen auch uns nur die Zahlen für ganz NRW zur Verfügung“, sagt Cordula Cebulla, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Hamm, auf Nachfrage.

Unsere Recherche zeigt aber, dass bei den größeren Unternehmen in Selm - wie etwa die Firmen Wüllhorst, Saria und Interhydraulik - bislang keine Kurzarbeit angezeigt worden ist.

Interhydraulik in Selm auf mögliche Kurzarbeit-Anzeige „vorbereitet“

Interhydraulik beschäftigt insgesamt 172 Mitarbeiter, darunter sieben in den kleineren Außenstellen in Wilhelmshaven (Niedersachsen) und Vettelschoß (Rheinland-Pfalz). „Wir haben für unseren Betrieb in Selm noch keine Kurzarbeit angemeldet. Das betrifft nur unsere beiden Außenstellen, die jeweils nur einen Kunden haben“, sagt Christina Lensing vom Personalmanagement von Interhydraulik.

Da man jedoch überhaupt nicht abschätzen könne, wie die Situation in einer Woche ist, sei man auf eine mögliche Anzeige von Kurzarbeit vorbereitet. Lensing: „Man kann derzeit schlecht planen. Daher haben wir uns natürlich schlau gemacht und uns erkundigt, wie die Regeln für Kurzarbeit sind. Trotzdem hoffen wir, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen.“ Denn wenn auch nur ein größerer Kunde seine Aufträge auch nur für eine vorübergehende Zeit einstelle, „dann haben auch wir ein großes Problem“, so Lensing.

Saria nutzt Abbau von Resturlaub und Überstunden

Ebenfalls keine Anzeige von Kurzarbeit gibt es in dem international tätigen Unternehmen Saria. In Selm sind laut Aussagen des Unternehmenssprechers Marcel Derichs knapp über 200 Menschen beschäftigt. „Bezogen auf den Standort Selm haben wir keine Kurzarbeit beantragt. Wir nutzen aktuell den Abbau von Überstunden und Resturlaub, da wir feststellen, dass die Wirtschaft aktuell nicht die gewohnte Dynamik hat“, so Derichs. Die Projekte am Standort Selm laufen aber „nach wie vor“.

Auch Heinrich Wüllhorst, Geschäftsführer bei Wüllhorst Fahrzeugbau, hat für seinen Betrieb und die 290 beschäftigten Mitarbeiter in Bork bislang keine Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit angezeigt. „Bei uns können die Mitarbeiter Resturlaubstage und Überstunden abbauen“, so Wüllhorst. Er ist überzeugt: „Wenn alle Firmen das so gemacht hätten wie die Firma Wüllhorst, hätte Deutschland jetzt nicht so große Probleme.“

Personen-Abstände schon länger umgesetzt bei Wüllhorst

Unter anderem meint er damit auch Vorkehrungen wie Personen-Abstände, die wegen der Corona-Pandemie bei der Firma Wüllhorst schon im Vorfeld getroffen worden sind - noch bevor bundesweit solche Regeln für Betriebe verschärft wurden. Er sagt: „Diese Regeln der Bundesregierung kamen zu spät.“

Dass nun auch Unternehmen, die schon vor der Corona-Krise in Finanznot geraten sind, Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter beantragen, findet Wüllhorst zudem unanständig. Als Beispiel nennt er die Restaurant-Kette Vapiano: „Die waren doch vorher schon pleite. Dass sie jetzt Kurzarbeit beantragen, ist unverschämt.“

„Wer Anspruch auf Kurzarbeit hat, erhält die Leistung“

Mit der Anzeige von Kurzarbeit versuchen Betriebe, ihre Beschäftigten im Unternehmen zu halten und vor Arbeitslosigkeit zu bewahren. „Deshalb ist es gut, dass viele jetzt davon Gebrauch machen und in der Folge von den gelockerten Regelungen profitieren“, betont Arbeitsagentur-Leiter Thomas Helm abschließend in der Pressemitteilung. Eines ist ihm jedoch besonders wichtig: „Kurzarbeitergeld ist eine Pflichtleistung. Wer einen Anspruch hat, erhält die Leistung. Ohne Wenn und Aber.“

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