Die einen machen es so, die anderen anders. Die Hygienevorschriften wegen der Corona-Krise sind im Einzelhandel derzeit ein Flickenteppich. Gibt es eigentlich verbindliche Standards?

Selm

, 10.04.2020, 18:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Selm und Umgebung gibt es Geschäfte, die den Eintritt für Kunden auf eine gewisse Anzahl beschränken. Mal durch einen Mitarbeiter, der am Eingang steht und zählt. Mal dadurch, dass Kunden nur mit Einkaufswagen oder Körben rein dürfen und so den Mitarbeitern eine Überblick ermöglichen, wie viele Menschen sich gerade im Geschäft befinden. Andere Geschäfte halten es anders. Die Vorgehensweise, um den nötigen Abstand zwischen den Menschen zu ermöglichen, ist uneinheitlich.

Ähnlich ist es auch bei Bedien- und Kassiervorgängen. Kassierer mit Handschuhen sind ebenso zu erleben wie ohne Handschuhen. Kassierer mit Mundschutz sind genauso im Einsatz wie Menschen ohne Mundschutz. Geschäfte, in denen bargeldloses Bezahlen bevorzugt wird, und Geschäfte, in denen bargeldloses Zahlen gar nicht möglich ist, gehören zum Alltag in der Corona-Krise.

Ware mit Handschuhen anfassen

Wie sieht denn in Zeiten des Kontaktverbots und dem Bemühen, Infektionsketten zu unterbrechen, zu minimieren beziehungsweise die Ansteckung mit dem Coronavirus zu verlangsamen, der Alltag im Geschäft aus? Maria Artmann, Chefin von vier Bäckereien in Selm und Nordkirchen, hält es in ihren Geschäften nach einem einfachen Prinzip: „Wir geben Bargeld ohne Handschuhe raus.“ Der Grund: „Weil wir die Ware selbst immer mit Handschuhen anfassen.“ Die Hände waschen sich die Mitarbeiter laut Maria Artmann dann nach dem Bezahlvorgang. Um das Infektionsrisiko zusätzlich zu minimieren, gebe es in den Artmann-Bäckereien Thekenschutz in Form von Plexiglasscheiben.

Wir haben den Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks gefragt, ob es verpflichtende Hygienestandards gibt, die von den Mitarbeitern und von den Kunden in den Bäckereibetrieben eingehalten werden sollten. Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider sagt dazu unter anderem: „Grundsätzlich unterliegen Bäckereien in Deutschland seit jeher strengen Hygienevorschriften. Das war auch schon in ,Vor-Corona-Zeiten‘ so. So müssen die Verkäufer und Verkäuferinnen mindestens einmal im Jahr an speziellen Hygiene-Schulungen teilnehmen.“

Plexiglasscheiben an den Kassen, wie hier bei Blumen Ahland, gehören mittlerweile zum Standard in Sachen Hygiene in den Geschäften.

Plexiglasscheiben an den Kassen, wie hier bei Blumen Ahland, gehören mittlerweile zum Standard in Sachen Hygiene in den Geschäften. © Arndt Brede

Mit Blick auf das neuartige Corona-Virus erhalte das Personal derzeit zusätzliche, spezielle Informationen. Und: „Da die Corona-Krise vieles verändert, haben viele Bäckereien die Vorsichtsmaßnahmen erhöht. Der Zentralverband hat für die Innungsbäcker entsprechende Merkblätter zusammengestellt. Zu den darin ausgesprochenen Empfehlungen gehört unter anderem, allen Mitarbeitern in ausreichender Menge Händedesinfektionsmittel zur Verfügung zu stellen, Lebensmittel möglichst nicht ohne Schutz anzufassen und vieles mehr.“ Grundsätzlich handele es sich bei den Empfehlungen allerdings nicht um rechtlich bindende Weisungen. „Viele Innungsbäcker setzen nach unserer Beobachtung derzeit vorbildhaft und penibel die Vorsichtsmaßnahmen um – zum Schutz der Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen.“

Verbindliche Richtlinien vom Fachverband gibt es also nicht. Hat die vom Land NRW erlassene Coronaschutzverordnung denn Vorschriften, die verlässlich und flächendeckend einzuhalten sind? Selms Stadtsprecher Malte Woesmann teilt auf Anfrage der Redaktion mit: „Die Coronaschutzverordnung gibt, was die zu treffenden Hygienemaßnahmen betrifft, keine konkreten Vorgaben.“

Wörtlich heiße es unter Punkt 5 „Handel“ Absatz 6: „Alle Einrichtungen haben die erforderlichen Vorkehrungen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts, zur Vermeidung von Warteschlangen und zur Gewährleistung eines Mindestabstands von 1,5 Metern zwischen Personen zu treffen. Die Anzahl von gleichzeitig im Geschäftslokal anwesenden Kunden darf eine Person pro zehn Quadratmeter der für Kunden zugänglichen Lokalfläche nicht übersteigen.“

Keine konkreten Vorgaben

„Das bedeutet, dass wir keine konkreten Vorgaben zur Nutzung von Handschuhen oder der Nutzung von Bargeld geben können“, erklärt der Stadtsprecher. Die Vor-Ort-Kontrollen, die regelmäßig stattfinden, beschränken sich daher unter anderem auf die Einhaltung von Mindestabständen oder Zugangsbeschränkungen. Woesmann weiter: „Hier bleibt festzuhalten, dass sich die Selmer Händler und Gastronomen vorbildlich auf die neue Situation eingestellt haben und verantwortungsbewusst damit umgehen. Gleichwohl würden wir bei inakzeptablen Regelungen zur Hygiene auch eingreifen.“

Ebenfalls gebe es noch keinen bekannt gewordenen Infektionsfall, der durch Bargeldweitergabe oder eine Warenan- oder ausgabe erfolgt sei. Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, stützt Woesmanns Aussage: „Wissenschaftler und Mediziner, darunter das Bundesinstitut für Risikobewertung, gehen davon aus, dass der Hauptübertragungsweg von Covid-19 die Tröpfcheninfektion ist. Derzeit sind keine Fälle bekannt, bei denen sich Menschen über Lebensmittel oder Bargeld mit dem Corona-Virus infiziert haben.“

Stadtsprecher Malte Woesmann setzt in der Corona-Krise auf die Vernunft der Bürger: „Die effektivste Art, Infektionsketten zu unterbrechen und die Virusverbreitung einzudämmen, bleibt die Einschränkung der sozialen Kontakte.“

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