Avsin (links) erklärt, dass sich die Türkei auf den Kontinenten Asien und Europa befindet. Sprachlernbegleiterin Carina Eller hält das Plakat. © Julian Preuß
Fit in Deutsch

Corona zum Trotz: Zugewanderte Kinder verbessern ihr Deutsch in Selm

Die Sprachferien "Fit in Deutsch" machen Station im Jugendzentrum Sunshine. 15 zugewanderte Kinder lernen, sich besser zu verständigen. Außerdem erfahren sie viel über die verschiedenen Heimatländer.

Irak, Iran, Aserbaidschan, Russland, Rumänien, Türkei, Venezuela, Syrien und Marokko – die Länder, aus denen die 15 Teilnehmer der Sprachferien „Fit in Deutsch“ kommen, ist lang. Das brachte die Sprachlernbegleiter Ilias Mitat (26) und Carina Eller (29) auf eine Idee: Gemeinsam mit den Mädchen und Jungen fertigten sie bunte Plakate, mit deren Hilfe die jeweiligen Schülerinnen und Schüler den anderen Kindern ihre Heimatländer vorstellten.

Wie lautet die Hauptstadt der Türkei? Wie viele Einwohner hat Marokko? Welche bekannten Gerichte kommen aus Syrien? Diese Fragen brachten die Kinder zum Erzählen. Und genau dies war das Ziel von Mitat und Eller. Das Sprechen, Lesen und Verstehen des Deutschen steht im Mittelpunkt von „Fit in Deutsch“, einem vom Land Nordrhein-Westfalen (NRW) geförderten Programm, das im Kreis Unna vom Kommunalen Integrationszentrum (KI) durchgeführt wird.

Sprachferien grenzen sich von schulischem Unterricht ab

Spielerisch und ohne Zwang bekommen die Kinder aus den Klassen fünf bis zehn die Möglichkeit, in den Osterferien ihre Sprachfertigkeiten zu verbessern. „Wir sind allerdings keine Schule und machen dementsprechend auch keinen Unterricht“, sagt Mitat. Der Referendar für die Fächer Deutsch und Sport legt viel Wert darauf, dass die Kinder mit Spaß bei der Sache sind. „Es sind ja schließlich Ferien“, meint er.

Dabei dürfen Ferienfreizeiten wegen des Corona-bedingten Lockdowns eigentlich nicht in Präsenz stattfinden. Ähnlich wie außerschulische Weiterbildungsangebote. Dass die Sprachferien trotzdem durchgeführt werden dürfen, liegt an einer Sonderregelung, die in der aktuellen Corona-Schutzverordnung verankert ist. Das Projekt „Fit in Deutsch“ gilt als öffentlich gefördertes und außerunterrichtliches Bildungsangebot zur Reduzierung pandemiebedingter Benachteiligung. Das Angebot ist kostenlos. Dementsprechend schnell waren die begrenzten Plätze vergeben. „Wir haben mehr Anmeldungen bekommen, als wir Kapazitäten haben“, sagt Eller. Sie arbeitet auch abseits des Projektes im Jugendzentrum Sunshine.

Auf Arbeitsblättern erledigen die Kinder Grammatikaufgaben.
Auf Arbeitsblättern erledigen die Kinder Grammatikaufgaben. © Julian Preuß © Julian Preuß

Nach dem Lernen wartet das Mittagessen

Nach einem gemeinsamen Frühstück starten die Kinder in Kleingruppen von je fünf Personen an zwei Lernstationen. Während eine der Gruppen mit dem Sunshine-Mitarbeiter Dominik Krause (29) für das tägliche Mittagessen einkaufen geht, arbeitet eine zweite Gruppe mit Arbeitsblättern an der Grammatik. Kurze Kriminalgeschichten verdeutlichen die Besonderheiten des Deutschen.

Avsin schließt die Übungen schnell ab. Die 11-Jährige kam vor zwei Jahren aus der Türkei nach Deutschland und lernt seitdem die Sprache. „Für mich ist Deutsch schwieriger als Türkisch. Das liegt an der Grammatik. Es gibt beispielweise mehr Artikel“, erklärt die Gymnasiastin. Dennoch komme sie gut klar.

Digitales Lernen erhöht die Motivation

Die Aufgaben decken die unterschiedlichen Sprachniveaus der Kinder ab. „Das Können der Kinder variiert stark. Einige sind schon länger im Land, andere lernen erst seit Kurzem Deutsch“, erklärt Eller. Weitaus flexibler lässt sich das Lernen am Tablet-PC gestalten.

Fünf iPads stehen dem Team zur Verfügung. Mitat outet sich als Freund der digitalen Technik. Der angehende Lehrer sieht in seinem durch Home-Schooling geprägten Berufsalltag, wie wichtig nicht nur die Sprache, sondern ebenfalls die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler ist. „Einige der Kinder hatten gar keine E-Mail-Adresse. Die haben wir dann gemeinsam eingerichtet. Außerdem steigt die Lernmotivation, wenn die Kids mit Tablets arbeiten können“, ergänzt Mitat, der einen marokkanischen Migrationshintergrund hat und zweisprachig aufwuchs. So kann er helfen, wenn es Verständigungsprobleme gibt.

Sprachlernbegleiter beobachten schnelle Entwicklung

Und die lockeren Methoden bringen erste Erfolge, die sich nach dem Mittagessen im kreativen Teil des Tages zeigen. Beim Gestalten von Turnbeuteln, Tanzen oder Töpfern kommunizieren die Kinder offen miteinander. „Es ist erstaunlich, wie sich die Mädchen und Jungen in den Osterferien entwickelt haben. Anfangs sprachen sie kaum miteinander, nun spielen sie beispielsweise gemeinsam am Kicker“, schildert Eller.

Ariadnna (Mitte) präsentiert Richard (links) und Stephanie (rechts) ihre Dämonen-Maske.
Ariadnna (Mitte) präsentiert Richard (links) und Stephanie (rechts) ihre Dämonen-Maske. © Julian Preuß © Julian Preuß

Dabei lernen sie nicht nur von den beiden Sprachlernbegleitern, sondern auch voneinander. In Anlehnung an das Fest des Heiligen Sankt Antonius, das am 17. Januar auf Mallorca gefeiert wird, fertigte Ariadnna beim Töpfern eine Dämonenmaske aus Ton. So gab sie den anderen Gruppenmitgliedern einen kleinen Einblick in das kulturelle Leben ihrer Heimat.

Gruppe entdeckt Selm bei einem Rundgang

Dass sich Deutschland in vielerlei Hinsicht von ihren Heimatländern unterscheidet, merkten die Kinder beispielsweise bei einer Entdeckungstour durch Selm. „Viele kannten die Umgebung hier noch nicht“, schaut Eller zurück. Mitat fügt hinzu: „Es sind oft Kleinigkeiten, die in Deutschland anderes sind. In Syrien oder Marokko bedeutet ein Zebrastreifen nicht unbedingt, dass die Autos für Fußgänger anhalten.“

Damit all diese Eindrücke nicht verschwinden, fertigt Mitat auf einem der Tablets mit den Kindern ein kurzes Video aus kurzen Clips und eingeblendeten Fotos an. „Wir möchten das Projekt ‚Fit in Deutsch‘ mit einem kleinen Trailer vorstellen“, erläutert er. Der Film wird dann auf dem YouTube-Kanal des Jugendzentrums zu sehen sein. So nehmen die Kinder nicht nur viel Wissen über andere Länder und Kulturen, eine verbesserte Sprache und neue Freundschaften mit.

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