Kopiergeld, Klassenkasse, Lernmittel und als dicke Brocken Klassenfahrten: An Schulen ist viel Geld im Umlauf. Sehr viel. Einiges landet auf Privatkonten von Lehrern - warum eigentlich?

Selm, Olfen

, 15.02.2019 / Lesedauer: 6 min

Die Rechnung ist absolut realistisch und zugleich einfach: 25 Schüler einer Klasse reisen ins europäische Ausland. Jeder Jugendliche muss 400 Euro zahlen. Macht zusammen stolze 10.000 Euro. Auf dem Konto eines Lehrers oder einer Lehrerin. Ohne Sicherungsschein für die Eltern - wie er bei jeder privaten Pauschalreise Standard ist. Warum eigentlich? Schulen und Geld sind offensichtlich eine große Vertrauensangelegenheit. Aber auch ein Thema, über das nicht viel und vielleicht auch nicht gerne gesprochen wird.

Schulministerium macht den Schulen keine Vorgaben

Muss es vielleicht auch nicht: In der Region ist kein einziger Fall bekannt, wo Gelder nicht ordnungsgemäß verwendet worden sind oder es offensichtlich Probleme bei Abrechnungen gegeben hat. Alles super? Wohl nicht ganz. Während das Land Nordrhein-Westfalen in den „Bestimmungen zur Lernmittelfreiheit“ eindeutige Vorgaben auch zu Kleinbeträgen wie Kopierkosten macht und an anderer Stelle bis ins kleinste Detail festlegt, wer Anspruch auf eine Busfahrkarte hat, überlässt das Ministerium den Schulen alle Freiheiten, wie sie an das Geld der Eltern kommen. Und wie sie verwalten.

Auf unsere Anfrage, ob es einen Erlass oder Empfehlungen für Schulen bei der Verwaltung der Elternbeiträge gibt, antwortet es einsilbig. „Nein“, heißt es kurz und knapp in einer schriftlichen Stellungnahme des Düsseldorfer Ministeriums für Schule und Bildung. Wie steht aber das Land dazu, dass Eltern Gelder für Klassenfahrten auf Privatkonten von Lehrerinnen und Lehrer einzahlen? Auch dazu kommt vom Ministerium keine Anweisung, nur ein Ratschlag. „Die Einzahlung von Gelder für Klassenfahrten auf Privatkonten von Lehrkräften wird nicht empfohlen.“ Der Grund liegt auf der Hand. „Gelder auf Privatkonten von Lehrern sind gegen Verlust/Veruntreuung nicht gesichert“, so die deutliche Feststellung des Ministeriums.

Selmer Schulleiter schließt Veruntreuung aus

Eine theoretische Gefahr, die Ulrich Walter, Leiter des Städtischen Gymnasiums Selm, für seine Schule absolut nicht sieht. „Eine Veruntreuung schließe ich für jede Kollegin und für jeden Kollegen aus.“ Walter weist wie andere Schulleiter der Region auf den Diensteid hin, den die Lehrer geleistet haben. Die Bezirksregierung in Münster schreibt auf unsere Anfrage: „Die zuwiderlaufende Verwendung des Geldes hat strafrechtliche sowie disziplinarische Konsequenzen.“ Jörg Schürmann, stellvertretender Schulleiter am St.-Antonius-Gymnasium Lüdinghausen, kann sich nicht vorstellen, dass so etwas je Thema sein könnte: „Die Schule setzt bei der Abwicklung der verschiedensten Zahlungen großes Vertrauen in die Lehrerinnen und Lehrer.“ Das scheint absolut gerechtfertigt. „Es sind noch nie Klagen gekommen.“

Am St.-Antonius-Gymnasium gibt es, so Schürmann, eine klare Unterteilung bei Elternzahlungen. Kleinbeträge von wenigen Euro etwa für Kopien oder einen Theaterbesuch sammeln in der Regel die verantwortlichen Lehrer bar ein, um den Arbeitsaufwand möglichst gering zu halten. Sobald es sich aber um größere Summen beispielsweise für Tage religiöser Orientierung oder Klassenfahrten handelt, überweisen die Eltern die Beträge. Auch auf Konten von Lehrern. „Wir möchten keine größeren Barzahlungen in der Schule“, sagt Schürmann. Das sehen andere Schulen sehr ähnlich, haben jedoch bei der Abwicklung der Zahlungen unterschiedliche Vorgehensweisen.

Dezentrale Verwaltung hat aus Sicht der Schule Vorteile

Dr. Jerome E. Biehle, Leiter der Wolfhelmgesamtschule Olfen betont in seiner schriftlichen Stellungnahme, „dass „Banken und Sparkassen als Serviceleistung Lehrerinnen und Lehrern sogenannte Klassenkonten zur Verfügung stellen, die eine Trennung zwischen privaten und schulischen Zahlungsverkehr ermöglichen. Lehrkräfte, die diese Vorgehensweise wählen, nutzen in der Regel die Klassenpflegschaft als Kontrollorgan oder lassen das Klassenkonto direkt von der Klassenpflegschaft nach vorheriger schriftlicher Einverständniserklärung der Eltern verwalten.“ Diese dezentrale Verwaltung habe den Vorteil des Unkomplizierten, „weil eine direkte und schnelle Kommunikation über Zahlungseingänge erfolgen kann. Dem gegenüber steht immer die Klärung der Fragen nach Aufwand für die einzelne Lehrkraft, die Frage der Kontrolle bzw. Transparenz und die Frage der Gewährleistung des Datenschutzes“, so Biehle.

Schulleiterin Karin Vogel von der Selmer Sekundarschule handelt ähnlich: „Große Kostenbeiträge wie beispielsweise für Klassenfahrten werden durch die Eltern auf ein Konto eingezahlt. Hierbei handelt es sich um ein Treuhandkonto, das die Klassenlehrer und Klassenlehrerinnen einrichten und weiteren Lehrkräften den Zugang ermöglicht, um in jeden Fall den Zugriff auf die Gelder zu ermöglichen. Private Konten dürfen im Interesse der Lehrer/innen und der Eltern nicht für schulische Zwecke genutzt werden“, sagt Schulleiterin Karin Vogel. Sie verweist auf Kommunen, „die den Schulen extra Unterkonten für solche Anlässe zur Verfügung stellen und somit die Schulen in ihrem Bestreben unterstützen, für eine deutliche Trennung zwischen dienstlichen und privaten Konten zu sorgen.“

Städtische Konten haben in Selm einen engen Zuschnitt

In Selm ist die Situation nach Aussage von Ulrich Walter allerdings so, dass die städtischen Konten einen „ganz engen Zuschnitt“ haben. Es hätten nur ganz wenige Personen darauf Zugriff. Die Lehrer würden deshalb ihr Privatkonto für Klassenfahrten angeben. Sie seien gut beraten, wenn sie bei ihrer Bank oder Sparkasse ein Unterkonto für diese Zahlungen einrichten, um so die Zahlungen der Eltern sauber zu verwalten und zu dokumentieren. Mit Blick auf die verschiedensten Zahlungen von Eltern spricht der Leiter des Städtischen Gymnasiums von einem „ganz komplexen System“.

Einig ist sich Walter mit den anderen Schulleitungen, dass eine sehr aufwendige und zeitintensive Organisation notwendig würde, wenn die Zahlungen an die Schule ohne Ausnahme auf Schul-/Stadtkonten geleistet werden. Der besondere Aufwand entstehe bei einem zentralen System dadurch, dass der Eingang jeder einzelnen Zahlung kontrolliert werden muss. Haben Eltern einen Betrag vergessen, muss eine Rückmeldung über das Sekretariat an den Klassenlehrer oder die Lehrerin geben. Ein hoher organisatorischer Aufwand, den die ohnehin stark geforderten Sekretariate nicht leisten können. Am Gymnasium Selm kümmern sie sich allerdings um staatliche Unterstützung von Schülern, deren Eltern Arbeitslosengeld I oder II beziehen. In „begründeten Einzelfällen“ ist auch der Förderverein mit im Boot, um möglichst keinen Schüler auszuschließen. „Dabei geht es in der Regel um zinslose Darlehen“, sagt Walter.

Lehrer beantragen eine Klassenfahrt beim Schulleiter

Der Selmer Schulleiter, zugleich Sprecher der Gymnasien im Kreis Unna, räumt im Gespräch ein, dass die dezentrale Organisation für verantwortliche Lehrerinnen und Lehrer „eine große Herausforderung ist“. Sie haben viel mehr zu tun, als das Geld für die Fahrt einzusammeln. Obwohl der Rahmen für Klassenfahrten am Städtischen Gymnasium Selm von der Schulkonferenz klar festgelegt ist, muss jeder verantwortliche Lehrer die Fahrt beim Schulleiter beantragen. „Mit der Genehmigung hat der Lehrer die Sicherheit, im Namen des Schulträgers zu handeln mit den Eltern in Kontakt treten zu können.“ Dazu kommen weitere Aufgaben. Bedient sich der Lehrer eines Reiseveranstalters oder organisiert er die Klassenfahrt weitgehend selbst. So oder so, eine Fahrt ist für die Lehrer mit viel Arbeit verbunden. „Wir versuchen als Schulleitung, die Kolleginnen und Kollegen zu entlasten“, sagt beispielsweise Jörg Schürmann vom St.-Antonius-Gymnasium. Er hat aber auch festgestellt, dass viele Eltern die Arbeit der Lehrer bei der Vorbereitung und Durchführung der Fahrten stark honorieren.

Eltern haben kein Anrecht auf eine Quittung

Bei der Bezirksregierung oder dem Schulministerium scheint dieser Bereich allenfalls ein Randthema zu sein, das direkt an die Schulen delegiert werden kann. Auf unsere Frage, ob Eltern ein Recht auf Quittungen für Kopierkosten und andere Zahlungen haben, schreibt die Bezirksregierung: „In der Regel ja - muss jede Schule selbstständig regeln.“ Das Schulministerium erklärt schriftlich, „dass bei Zahlungen auf Konten die Ausstellungen von Quittungen nicht erforderlich ist, da der Kontoauszug als Beleg gilt. Eine Rechtsgrundlage, aus der sich eine Quittungspflicht ergibt, besteht nicht. Ob und inwiefern ein Beleg für eine eingetroffene (Bar-)Zahlung durch eine Lehrkraft ausgestellt wird, wird durch das Schulministerium nicht vorgegeben.“

Was ist, wenn dem Lehrer auf der Fahrt Geld gestohlen wird?

Doch was ist eigentlich, wenn einem Lehrer oder einer Lehrerin eine größere Summe Bargeld auf einer Klassenfahrt gestohlen wird, die für eine Führung oder Besichtigung vor Ort mitgenommen wurde? „Nur wenn dem Lehrer grob fahrlässiges Verhalten nachgewiesen werden kann, ist er persönlich dafür haftbar. Sonst nicht“, sagt Ulrich Walter. Für ihn ist es wichtig, dass die Eltern schon bei der Anmeldung ihres Kindes Klarheit über die Schulfahrten haben - ob Kennenlernfahrt in der Jahrgangsstufe 5, ein europäischer Austausch in der Jahrgangsstufe 8, ein Skilehrgang in der EF (Klasse 10).

Das Thema Geld und Schulen kommentiert unser Redakteur Thomas Aschwer:

Haben Sie jemals an einer Schule eine Quittung für den Zuschuss zu den Kopierkosten oder für eine Lektüre bekommen? Hatten Sie schon mal einen detaillierten Einblick in die Kosten einer Klassenfahrt? Schulen und Geld sind weitgehend Vertrauenssache. Das ist gut so. Schließlich vertrauen wir Eltern den Schulen auch das Wichtigste an, das wir haben - unsere Kinder. Gleichwohl muss die Frage erlaubt sein, ob alles so bleiben muss, wie es ist. Obwohl es auf den ersten Blick gut funktioniert. Oder könnte neues Handeln nicht zum Vorteil aller sein? Wie wäre es, wenn zur Schulpflicht der Kinder auch die Pflicht des Staates kommen würde, die eingesetzten Materialien wie Kopien oder Lektüren kostenlos zur Verfügung zu stellen? Und wenn das nicht finanzierbar erscheint, könnte ein Finanzplan mit einer Übersicht über alle Kosten eines Schuljahres ein realistischer Ansatz sein? Mit der Folge, dass es einen klaren Zahlungsplan gibt - als Monatsbeitrag auf ein offizielles Schulkonto. Davon würden alle profitieren. Und es würde Klarheit und Transparenz herrschen. Lehrer und Elternvertreter haben sicher Wichtigeres und Besseres zu tun, als hinter zwei oder drei Euro herzulaufen für Lektüren oder andere Dinge. Und Eltern wären dankbar, wenn sie am Anfang eines Schuljahres genau wissen, was auf sie in den nächsten Monaten finanziell zukommt. Manches, was auf den ersten Blick nicht realistisch oder umsetzbar erscheint, ist am Ende doch machbar.

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